"Arabischer Frühling" und "Völkerfrühling" von 1848

Gescheiterte Revolutionäre

Was verbindet den europäischen "Völkerfrühling" von 1848 mit der Arabellion von 2011? Beiden Aufständen war kein Erfolg bestimmt. Nach der Niederschlagung der Revolten legte sich ein langer eisiger Winter der Restauration über die Länder. Ein Essay des ägyptischen Historikers Khaled Fahmy

Die Bezeichnung "Arabischer Frühling" geht auf den Begriff "Völkerfrühling" ("Spring of Nations“) zurück, der von Historikern in manchen Ländern für die europäischen Revolutionen von 1848 benutzt wird.

Trotz seines eurozentristischen Charakters könnte der Begriff aber nützlich sein, um einen Vergleich zwischen den Revolutionen Europas von 1848 und denen in der arabischen Welt zwischen 2011 und 2013 anzustellen. Weshalb?

Erstens machten die revolutionären Bestrebungen im Europa des 19. Jahrhunderts genau wie im "Arabischen Frühling" nicht an Landesgrenzen halt. Nach und nach erfassten sie Frankreich, Deutschland und Ungarn und gaben schließlich den bereits zuvor in Italien ausgebrochenen Protesten neuen Auftrieb. Analog breitete sich der "Arabische Frühling" auf Ägypten, Syrien, Libyen, Bahrain und den Jemen aus, nachdem er in Tunesien seinen Anfang genommen hatte.

Zweitens wurden die Revolutionen von 1848 von einem tiefen Gefühl der Notwendigkeit angetrieben, die herrschenden Verhältnisse umzuwälzen – auch wenn der Republikanismus, wie im Falle Frankreichs, nicht die einzige Alternative war, die zur Debatte stand. Zwar war die endgültige Gestalt der politischen Systeme, die durch die Revolutionen von 1848 herbeigeführt werden sollten, nicht zur Gänze klar. Die Stärkung demokratischer Institutionen und die Einbeziehung breiter Bevölkerungsschichten in den politischen Prozess stellten jedoch die grundsätzlichen Forderungen aller dar.

Rentenökonomien gegen drohende Aufstände

Meiner Ansicht nach entwickelten sich auch die arabischen Revolutionen aus der Erkenntnis heraus, dass die politische Herrschaftsstruktur in der arabischen Welt, deren Fundament kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gelegt wurde, sich selbst überlebt hat und überwunden werden muss. Denn die arabischen Regime scheiterten allesamt daran, wenigstens für ein Mindestmaß an Entwicklungserfolgen und Stabilität zu sorgen. Darüber hinaus waren sie nicht einmal in der Lage, ihr Territorium zu verteidigen.

Januarrevolution in Ägypten auf dem Tahrirplatz; Foto: picture-alliance/dpa
Kurzer Sommer der Freiheit: Trotz des letztendlichen Scheiterns des "Arabischen Frühlings" haben allein die arabischen Revolutionäre ernsthafte Anstrengungen unternommen, die strukturelle Krise in ihren Gesellschaften zu überwinden. Die Regime beschränkten sich hingegen in gewohnter Manier auf den Einsatz roher, exzessiver Gewalt und Vergeltungsmaßnahmen gegen ihre Feinde.

Selbst jene arabischen Staaten, die eine spürbare Verbesserung der Lebensbedingungen für ihre Bürgerinnen und Bürger erreichten, taten dies nicht auf der Basis einer klugen und nachhaltigen Entwicklungspolitik. Ihren Erfolg verdankten sie einer Rentenökonomie, die auf dem Handel mit natürlichen Ressourcen wie Öl und Erdgas basiert. Begleitet wurde dieser Erfolg aber immer auch von einem grundsätzlichen Demokratiedefizit und mangelnden politischen Mitbestimmungsrechten für die Bevölkerung.

Aber auch die Länder ohne Ölvorkommen verließen sich auf diese Art der Einnahmequelle und stützten ihre Wirtschaft auf die Überweisungen ihrer in den reichen Öl-Staaten arbeitenden Bevölkerung. Die so generierten Einnahmen trugen ohne Zweifel dazu bei, umfassendere Proteste nicht aufkommen zu lassen, was den Regimen eine Schonfrist einräumte, die sich in einigen Fällen über Jahrzehnte erstreckte.

Das Erbe der Arabellion

Mit anderen Worten hatten die Umbrüche in der arabischen Welt - genauso wie der "Völkerfrühling" – sowohl strukturelle als historische Ursachen. Er handelte sich daher nicht um das Ergebnis eines einzigen spezifischen Moments. Das Scheitern der Staaten in der arabischen Welt nach der Erlangung ihrer Unabhängigkeit ist ein komplexes und multifaktorielles Phänomen, das unter anderem in den arabischen Aufständen von 2011 - 2013 zum Ausdruck kam. Aber auch die Flucht von Millionen Menschen aus der arabischen Welt in Richtung Europa als Folge des islamistischen Terrors können als Ergebnis dieses Scheiterns begriffen werden.

Drittens war die im Verlauf der Revolutionen zunehmende Bedeutung der sozialen Dimension sowohl im sogenannten "Arabischen Frühling" als auch im "Völkerfrühling" zu beobachten.

Obwohl sich die arabischen und auch die europäischen Revolutionen anfangs auf die Forderung nach dem Sturz der jeweiligen Regime beschränkten und soziale Reformen keine Rolle spielten, kristallisierten sich die sozioökonomischen Probleme in beiden Fällen schnell als Fokus der revolutionären Bestrebungen heraus.

In Europa fand die soziale Dimension ihren Ausdruck vor allem in den Forderungen nach der Verringerung der Arbeitszeit, der Erlaubnis, Gewerkschaften zu bilden und der Abschaffung der Leibeigenschaft im Falle Ungarns und Österreichs.

Genauso stehen das im Verlauf der Revolutionen zunehmende Interesse an Frauenrechten, sozialer Gerechtigkeit, unabhängigen Gewerkschaften und der Kampf um akademische Freiheit stellvertretend für die Bedeutung der sozialen Frage im sogenannten "Arabischen Frühling".

Das Scheitern der Revolution und die Restauration der alten Mächte

Viertens verbindet den "Völkerfrühling" und den sogenannten "Arabischen Frühling" auch, dass sich die romantischen Vorstellungen, die ihrer Benennung zugrunde lagen, sehr bald als solche entpuppen sollten. Beiden war kein Erfolg bestimmt und der "Völkerfrühling" verwandelte sich schnell in einen langen eisigen Winter der Restauration. Bereits kurz nach dem Ausbruch der europäischen Revolutionen im Februar 1848 gelang es den repressiven Monarchien, die Kontrolle zurückzuerlangen, nachdem sie erkannt hatten, dass die Revolutionäre weder in der Lage waren, dem Staatsapparat ernsthaft gefährlich zu werden, noch den Rückhalt der Armee genossen.

Wandmalereien in der Nähe des Tahrirplatzes in Kairo: Aktivisten der Revolution von 2011; Foto: picture-alliance/dpa
Die einstigen Ikonen des Aufstands und demokratischen Aufbruchs in den Knästen der neuen autoritären Machthaber: Viele Aktivisten der Arabellion am Nil fristen ein Schattendasein im Untergrund, verließen das Land oder sind bis heute inhaftiert. Der Schlag gegen die einstigen Revolutionäre erfolgte nicht ohne Grund: "In Ägypten wäre die Konterrevolution unter der Führung Abdel Fatah al-Sisis ohne die großzügige finanzielle Unterstützung aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten wohl kaum möglich gewesen", schreibt Khaled Fahmy.

Dank der Zusammenarbeit zwischen Kirche und Krone und der Unterstützung, die sich die reaktionären Regime gegenseitig boten, war die Konterrevolution hingegen erfolgreich. Ein Paradebeispiel für diese Unterstützung lieferte der Zar von Russland, der eine 300.000 Mann starke Armee in Ungarn einmarschieren ließ, um die dortige Revolution niederzuschlagen.

Analog dazu war die Konterrevolution im Falle des sogenannten "Arabischen Frühlings" zu großen Teilen vor allem deshalb erfolgreich, weil die Golfmonarchien die reaktionären Kräfte unterstützten, die durch die Revolutionen unter Druck geraten waren. Dass der Golfkooperationsrat im März 2011 Truppen nach Bahrain schickte, um gegen die dortige Revolution vorzugehen, macht diese Unterstützung deutlich.

Auch in Ägypten wäre die Konterrevolution unter der Führung Abdel Fatah al-Sisis ohne die großzügige finanzielle Unterstützung aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten wohl kaum möglich gewesen.

Eine unwiderrufliche historische Zäsur

Fünftens und letztens ist eine weitere Parallele zwischen dem sogenannten "Arabischen Frühling" und dem "Völkerfrühling", dass beide eine Zäsur in der jeweiligen jüngeren Geschichte Europas beziehungsweise der arabischen Welt darstellen. Es stimmt zwar, dass aus dem "Völkerfrühling" ein langer kalter Winter wurde, und die reaktionären Regime sehr schnell den Boden zurückgewannen, den sie 1848 innerhalb weniger Monate verloren hatten. Richtig ist auch, dass es ihnen gelang, an den Arbeitern, Journalisten, Anwälten oder Gewerkschaftlern, die die verschiedenen Revolutionen anführten, ein Exempel zu statuieren. Trotzdem diktierten die Ziele der Revolutionen, die die europäischen Massen auf dem Land und in den Städten während des Jahres 1848 lautstark eingefordert hatten, weitestgehend den politischen Prozess in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der "Völkerfrühling" hatte zu fundamentalen Veränderungen in der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Landschaft der europäischen Staaten geführt.

In ähnlicher Weise kann man feststellen, dass es den konterrevolutionären Kräften in den Ländern des "Arabischen Frühlings" zwar umfassend gelungen ist, die Kontrolle zurückzugewinnen. Dennoch sind die Fragen, die die Arabellion aufgeworfen hat, jetzt unwiederbringlich auf dem Tisch. Sie sind aus dem Bewusstsein entstanden, dass ein Wandel der politischen Strukturen in der arabischen Welt unabdingbar ist und dem ewigen Scheitern der Staaten ein Ende gesetzt werden muss. Noch nie zuvor wurden diese Fragen so vehement gestellt, nicht einmal in der Zeit nach der historischen Niederlage von 1967.

Der Geist ist aus der Flasche

Die Revolutionen des Arabischen Frühlings haben die arabische Welt mit Fragen konfrontiert, die sie vor existenzielle Herausforderungen stellen. Es geht zum Beispiel um das Verhältnis zwischen den Herrschenden und den Beherrschten, oder die Schaffung von Verhältnissen, in denen das Volk tatsächlich als Souverän agieren kann. Es geht aber auch um die Situation der Frauen in den arabischen Gesellschaften und die Überwindung sämtlicher Formen von Diskriminierung, denen sie ausgesetzt sind. Es stellt sich zudem die Frage nach einer vernünftigen Wirtschaftspolitik, die die arabischen Gesellschaften aus der Abhängigkeit von Einnahmequellen wie Öl und Geldtransfers von Arbeitsmigranten aus dem Ausland befreit. Nicht zuletzt wurde auch die Frage nach der Rolle der Religion im öffentlichen Raum aufgeworfen.

Der ägyptische Historiker Khaled Fahmy; Foto: privat
Der renommierte ägyptische Historiker Khaled Fahmy war Leiter des Bereichs Geschichtswissenschaften der Amerikanischen Universität Kairo (AUC). Gegenwärtig lehrt er an der Harvard-Universität.

Die herrschenden Regime haben stets behauptet, auf alle diese Fragen eine Antwort zu haben. Mit dem Ausbruch der arabischen Revolutionen 2011 wurde allerdings klar, dass dies nicht mehr als leeres Gerede und Lügen waren. Aber auch das Versprechen der konterrevolutionären Kräfte, wieder für Stabilität und Sicherheit zu sorgen, ist lediglich eine Illusion.

Allein die arabischen Revolutionäre haben ernsthafte Anstrengungen unternommen, die strukturelle Krise in ihren Gesellschaften zu überwinden. Die Regime beschränken sich hingegen in gewohnter Manier auf den Einsatz roher, exzessiver Gewalt und Vergeltungsmaßnahmen gegen ihre Feinde.

Allerdings, ist der Geist ist aus der Flasche entwichen und trotz aller verzweifelten Versuche, wird es den arabischen Regimen wohl nicht gelingen, diesen wieder unter Verschluss zu bekommen.

Khaled Fahmy

© Qantara.de 2018

Aus dem Arabischen von Thomas Heyne

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