Arabischer Buchladen in Istanbul

"Wir wollen ein Kulturzentrum sein"

Der erste arabische Buchladen in Istanbul hat im Juni seine Türen geöffnet. Syrische Flüchtlinge betreiben ihn zusammen mit türkischen Buchverlegern. Das Geschäft soll zu einer Begegnungsstätte für Araber und Türken werden – und bietet längst nicht nur arabische Literatur. Ekrem Güzeldere hat sich bei "Pages" umgeschaut.

Die Türkei gehört zu den Hauptaufnahmeländern für Syrer, die seit 2011 vor Krieg, Terror und Vertreibung ins Ausland fliehen. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) spricht von annähernd zwei Millionen syrischen Flüchtlingen in der Türkei. Die Mehrheit lebt in den größeren Städten nahe der syrischen Grenze, zum Beispiel in Gaziantep, Urfa und Antakya. Schätzungsweise 300.000 Syrer haben in Istanbul Zuflucht gesucht. Dazu kommen noch einige Tausend Iraker und Araber aus anderen Ländern.

Istanbul ist eine arabische Großstadt – hat aber so gut wie keine arabische Infrastruktur. "Die arabische Bevölkerung Istanbuls ist schon groß und wächst immer weiter, aber man bekommt keine arabischen Bücher. Daraus entstand die Idee, einen Buchladen für diesen Teil der Bevölkerung zu eröffnen", erklärt Samer Al Kadri, Gründer und Betreiber von "Pages", dem ersten arabischen Buchladen in Istanbul.

Seit September 2013 lebt Al Kadri mit seiner Frau Gulnar und seinen beiden Töchtern in Istanbuls historischem Stadtteil Fatih. Der 41-Jährige stammt ursprünglich aus Hama, zog aber nach dem Massaker 1982 mit seiner Familie nach Damaskus, wo er die Schule beendete. "In dieser Zeit begann ich, Bücher zu lesen, die ich bei meinem Vater fand, arabische und internationale Literatur", erzählt Al Kadri. Später studierte er Kunst und arbeitete in den frühen 1990er Jahren als Grafiker und Maler in Damaskus. 1998 wechselte Al Kadri zum ersten arabischen Kinder-Fernsehkanal "Spacetoon"; sieben Jahre später gründete er den auf Kinderbücher spezialisierten Verlag "Bright Fingers".

Buchladen "Pages". Foto: Ekrem Güzeldere
Lesen erlaubt: In der arabischen Buchhandlung "Pages" müssen die Kunden keine Bücher kaufen. Sie können sie auch für eine geringe Gebühr ausleihen - oder einfach vor Ort lesen. Wer mag, macht es sich im kleinen Café bequem, das zum Buchladen gehört. Für die Zukunft plane Al Kadri nun einen Verlag, der Bücher auf Arabisch und Türkisch publiziert, schreibt Ekrem Güzeldere.

Durchsuchung des Verlagsgebäudes

Im Jahr 2012 verließ Al Kadri Syrien. Während er mit seiner Frau auf einer Geschäftsreise in Abu Dhabi war, hatten Sicherheitskräfte sein Verlagsgebäude durchsucht. Deshalb kehrte er gar nicht erst nach Syrien zurück, sondern flog direkt nach Jordanien, wo er mit seiner Familie etwa ein Jahr lang lebte. Während dieser Zeit kam er auf Einladung einer türkischen Kinderbuchautorin für zehn Tage nach Istanbul. "Schon nach ein paar Tagen wusste ich, dass ich hierher ziehen möchte. Amman ist einfach keine Stadt für Kinder", erzählt Al Kadri.

Von Anfang an wohnte er mit seiner Familie in Fatih und ging oft in das Café gegenüber der Chora-Kirche, die für ihre Mosaiken berühmt ist. "Dabei ist mir ein Haus aufgefallen, das sich für unseren Zweck eignen würde. Wir haben es renovieren lassen und für ein Jahr gemietet." Direkt hinter dem Café, in einer kleinen Sackgasse, befindet sich Al Kadris Buchladen "Pages". Er betreibt ihn mit sieben Partnern: mit fünf Syrern, einem Omaner und einer Türkin. Im Buchladen befindet sich ein kleines Café, es gibt ein Stockwerk mit Literatur für Erwachsene, eins für Kinderbücher und eins für Lesungen, Workshops und Veranstaltungen. Das Besondere: Die Kunden müssen die Bücher nicht kaufen. Sie können sie auch einfach im Buchladen lesen oder gegen eine geringe Gebühr ausleihen.

Zerstörung des Buchlagers

Al Kadri lässt mittlerweile auch seine "Bright Fingers"-Bücher von einer Druckerei in Istanbul drucken, da sein Buchlager in der Nähe von Damaskus vollständig zerstört wurde. Darüber hinaus bestellt er Sachbücher und Belletristik aus dem gesamten arabischen Raum. "Ich bin über Jahre zu Buchmessen gereist, auch oft nach Frankfurt, und kenne die meisten Verlage persönlich. Wir geben dann Sammelbestellungen aus den jeweiligen Ländern in Auftrag."

"Pages"-Gebäude. Foto: Ekrem Güzeldere
Das Gebäude in der Nähe der berühmten Chodra-Kirche im Stadtteil Fatih war Samer Al Kadri schon bald nach seinem Umzug nach Istanbul aufgefallen. Dort gründete er "Pages". Der Buchladen bietet auf mehreren Etagen Literatur in verschiedenen Sprachen an.

Trotzdem steht der Verkauf von Büchern für Al Kadri nicht an erster Stelle. "Am wichtigsten ist, dass wir eine Begegnungsstätte für arabische Kultur aus verschiedenen Ländern bieten. Wir wollen ein Kulturzentrum sein mit Lesungen, Konzerten, Workshops und Seminaren – mit Arabern aus Istanbul, aber auch aus dem Ausland." Deshalb gehen alle Partner anderen Berufen nach: Damit sie nicht darauf angewiesen sind, mit "Pages" Geld zu verdienen.

Vier Freiwillige kümmern sich um das Café, den Auftritt in den sozialen Medien und die Veranstaltungen. "Die Nachrichten aus Syrien drehen sich entweder um Krieg und Terror oder um Armut und Flüchtlinge. Wir wollen hier zeigen, dass wir auch eine Kultur und Literatur haben, die wir sowohl der jungen arabischen Generation als auch den Menschen in Istanbul näher bringen wollen."

Hoffnung auf Rückkehr

Für die Zukunft plant Al Kadri einen Verlag, der zweisprachig auf Arabisch und Türkisch publizieren soll, um die arabischen Autoren den Türken zugänglich zu machen und umgekehrt. "Wir kennen uns nicht, trotz der geografischen Nähe. Die Mentalität und die Kultur sind sehr ähnlich, aber die Mauer ist die Sprache", sagt Al Kadri.

Schon jetzt sind zwei Fünftel der Bücher in anderen Sprachen, viele in Türkisch, aber auch einige auf Englisch und Französisch. Al Kadri wohnt im alten jüdischen Viertel Balat in Fußnähe zum Buchladen. "Viele Straßen hier erinnern mich sehr an Damaskus, manchmal bin ich fast schon verwirrt, in welcher Stadt ich jetzt bin." Zur architektonischen Ähnlichkeit zwischen Istanbul und Damaskus trage auch bei, dass der osmanische Stararchitekt Sinan in beiden Städten Werke hinterlassen habe.

Al Kadri ist in Istanbul angekommen. Seine beiden Töchter gehen auf eine der so genannten syrischen Schulen Istanbuls, in denen ein modifizierter syrischer Lehrplan auf Arabisch gelehrt wird. Wegen der politischen Entwicklungen geht er davon aus, auch noch einige Zeit in Istanbul zu bleiben. Seine gesamte Familie befindet sich mittlerweile im Ausland. Al Kadris Schwester wohnt in Deutschland, sein Bruder in den Niederlanden. „Ich wollte möglichst nahe an Syrien bleiben", sagt Al Kadri. "Am Tag, nachdem Assad gegangen ist, nein, am selben Tag, werde ich nach Damaskus zurück kehren. Syrien braucht uns."

Ekrem Güzeldere

© Qantara.de 2015

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Leserkommentare zum Artikel: "Wir wollen ein Kulturzentrum sein"

Im zweiten Absatz berichten Sie " Istanbul ist eine arabische Großstadt – hat aber so gut wie keine arabische Infrastruktur. " Istanbul ist keine arabische Großstadt, bitte um Korrektur. Istnbul ist eine türkische Großstadt und wird auch so bleiben...

Murat Yazici29.07.2015 | 10:56 Uhr

Großstadt gilt ab 100,000 Einwohner, deshalb ist Istanbul auch eine arabische, kurdische etc. Großstadt, so war das gemeint.

Anonymous30.07.2015 | 10:51 Uhr