Arabische Reaktionen auf Habermas' Ablehnung des Sheikh-Zayed-Buchpreises

Widersprüche arabischer Intellektueller

Empörung, Erstaunen, aber auch Zustimmung: Die Ablehnung des Sheikh-Zayed-Buchpreises 2021 durch den deutschen Philosophen Jürgen Habermas provozierte sehr unterschiedliche Reaktionen in sozialen Medien und der arabischen Kulturszene. Von Islam Anwar

In der arabischen Debatte um Habermas und seine Ablehnung des Sheikh-Zayed- Buchpreises der Vereinigten Arabischen Emirate sind im Wesentlichen drei Standpunkte im Spiel: Unterstützung für die Haltung des bekannten deutschen Philosophen; Ablehnung seiner Haltung als einem „falschen Heroismus“ und Respekt für die Entscheidung des Philosophen, ohne seine Ablehnung als eine heldenhafte Tat zu feiern oder andere zu verurteilen, die den Preis annehmen.

Kritiker der Entscheidung von Habermas konzentrieren sich vor allem auf folgende Fragen: Hätte Habermas den Preis auch abgelehnt, wenn die USA oder Israel ihn verliehen hätten? Wie halten es westliche Intellektuelle mit der Doppelmoral ihrer eigenen Regierungen, die zahlreiche undemokratische Machthaber unterstützen? Die meisten Kulturbereiche seien finanziell in der Regel knapp ausgestattet. Daher wären Kulturschaffende sowohl finanziell als auch moralisch auf die Unterstützung von Forschungsinstituten, Hochschulen oder auch Regierungen aus Europa, den USA oder dem globalen Süden angewiesen. In dieser Sichtweise sitzen alle im gleichen Boot; wer einen Preis ablehnt, handelt also nur scheinbar heroisch.

Der Intellektuelle und das Establishment

Die Wissenschaftlerin und Übersetzerin Hebba Sherif, ehemalige Leiterin der Schweizer Kulturstiftung „Pro Helvetia“ in Kairo, versucht die Argumente einzuordnen und diese Fragen zu beantworten: „Die Haltung von Habermas bei der Ablehnung des Sheikh-Zayed-Buchpreises wirft viele Fragen auf über Intellektuelle und ihre Rolle in der Gesellschaft, ihre Verantwortung, ihre Rechte und Pflichten sowie ihr humanitäres und berufliches Gewissen.

Was ein Intellektueller sei, ließe sich auf verschiedene Weise beschreiben: Handelt es sich um einen Berufs-Intellektuellen, der nach der Definition von Antonio Gramsci organisch mit einer bestimmten Klasse verbunden ist und deren Interessen verteidigt? „Oder ist er der Typ des „traditionellen“ Intellektuellen, wie er unter anderem von Edward Said verkörpert wurde?“, fragt Sherif. Dieser besitze eine besondere Sensibilität und die Fähigkeit, sich mit der Beschaffenheit des Universums und den Regeln, nach denen Gesellschaften funktionieren, zu beschäftigen. Der „traditionelle“ Intellektuelle tue dies in dem Bestreben, die übergeordnete Bedeutung alltäglicher Situationen zu erfassen:

„Sollen Intellektuelle revolutionäre Standpunkte vertreten oder lediglich Fragen stellen und weiter nichts? Oder sollen Intellektuelle den alltäglichen politischen Diskurs analysieren?“.Im Interview mit Qantara fügt sie hinzu: „Die Geschichte lehrt, dass es seit jeher Förderer von Kunst und Kultur gab, auch von kreativen Talenten; es gab Hofdichter und Maler im Auftrag von Königen und Kirche, wie Michelangelo, aber auch Sänger, die unter der Schirmherrschaft von Fürsten oder Wohlhabenden standen. Kreative Talente standen praktisch immer unter der Patronage von jemandem. Das konnten Personen aus dem Establishment sein, besonders Wohlhabende oder Personen, die aus Leidenschaft für Kunst oder Literatur bereit waren, vielversprechende Talente finanziell zu unterstützen.“

Die Wissenschaftlerin und Übersetzerin Hebba Sherif, früher Leiterin der Schweizer Kulturstiftung „Pro Helvetia“ in Kairo; Foto: visegradsummerschool
Prinzipien sind nicht verhandelbar: „Habermas hat keine andere Wahl, als den Preis abzulehnen. Er ist ein konsequenter Verteidiger der Demokratie und seine Forschungsarbeit dreht sich um Demokratie und Säkularismus als notwendiges Produkt der Moderne. Nähme er einen Preis aus der Hand einer Institution an, die mit einem undemokratischen Regime verbunden ist, würde er seine Ideen verleugnen“, sagt Hebba Sherif, ehemalige Leiterin der Schweizer Kulturstiftung „Pro Helvetia“ in Kairo.

Für Sherif kann die Abhängigkeit von wohlhabenden oder mächtigen Förderern die Kreativen schwächen, da sie direkt von deren Gnade abhängig sind. Mit der Entstehung des modernen Staates ist diese Art von Beziehung aber überholt. Staatliche Fördermittel gehören dem Volk, das sie aus seinen Steuern bezahlt. Auszeichnungen und Fördermittel, die Künstlerinnen und Künstler aus der Hand staatlicher Institutionen, durch die Veröffentlichung von Artikeln in überregionalen Zeitungen oder durch Teilnahme an staatlich organisierten Festivals erhalten, machen sie nicht abhängig, da keine direkte Beziehung zwischen ihnen und den Förderern besteht.

„In despotisch regierten Ländern“, so Sherif weiter, „wird das Geld des Volkes allerdings von den Machthabenden kontrolliert, was die Intellektuellen zu einem Werkzeug in ihren Händen und zur Durchsetzung ihrer Politik macht. Auch in Konsumgesellschaften ist die Lage der Intellektuellen eine andere, denn dort verleiht das Eigentum an Verlagen und Medien den jeweiligen Großunternehmern auch Macht über Intellektuelle.

Aber insgesamt bieten die vielen unterschiedlichen Finanzierungsquellen zusammen mit einer in der Verfassung und der jeweiligen Gesetzgebung verankerten Meinungsfreiheit den Intellektuellen mehr Wahlmöglichkeiten. Sie geben ihnen mehr Handlungsspielraum und drängen Intellektuelle dazu, ihre Meinung frei zu äußern oder zumindest ihrer Sache treu zu bleiben.“

Abschließend bemerkt Hebba Sherif: „Habermas hat keine andere Wahl, als den Sheikh-Zayed-Buchpreis abzulehnen. Er ist ein konsequenter Verteidiger der Demokratie und seine Werke drehen sich um die Themen Demokratie und die Säkularisierung als einem notwendigen Produkt der Moderne. Nähme er einen Preis aus der Hand einer Institution an, die mit einem undemokratischen Regime verbunden ist, würde er seine Ideen verleugnen.“

Der arabische Intellektuelle im Widerspruch

Die Angriffe auf den deutschen Philosophen erklären sich möglicherweise aus dem von Sherif benannten heiklen Verhältnis zwischen Intellektuellen und dem Establishment, insbesondere in undemokratischen Gesellschaften. Mit seiner Entscheidung, den Preis abzulehnen, hat Habermas unbeabsichtigt die Unabhängigkeit der arabischen Intellektuellen infrage gestellt.

Einige Akteure der arabischen Kulturszene meinen, die Ablehnung richte sich gegen sie persönlich und nicht gegen die herrschende Elite in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Imad Abdul-Latif, Professor für Rhetorik und Diskursanalyse an der Cairo University; Foto: Imad Abdul-Latif; Quelle: Facebook
Die Macht der Symbolik: „Ich hoffe, die Entscheidung von Habermas führt zu mehr Bewusstsein über die Risiken politisierter Auszeichnungen für die Freiheit von Forschern und kreativen Denkern. Ungeachtet ihres Fachgebiets werden sie sich stärker auf ihre eigene Freiheit, Integrität und Unabhängigkeit besinnen.“ sagt Imad Abdul-Latif, Professor für Rhetorik und Diskursanalyse an der Cairo University.

In einer Zeit voller Unruhe und Angst haben einige Intellektuelle, die das emiratische Regime unterstützten, Habermas vorgeworfen, dem Druck der linken Presse „nachzugeben“. Zuvor hatte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ einen Artikel online veröffentlicht, in dem Habermas dafür kritisiert wurde, den Preis eines Landes entgegenzunehmen, dessen Regime „die demokratischen Regeln […] systematisch missachtet.

Der deutsche Philosoph antwortete umgehend in einer kurzen Stellungnahme über seinen Verlag, die vom Spiegel noch am Abend des 2. Mai 2021 veröffentlicht wurde: „Ich habe meine Bereitschaft erklärt, den diesjährigen Sheikh Zayed Book Award anzunehmen. Das war eine falsche Entscheidung, die ich hiermit korrigiere. Die sehr enge Verbindung der Institution, die diese Preise in Abu Dhabi vergibt, mit dem dort bestehenden politischen System habe ich mir nicht hinreichend klargemacht.“

Habermas ist weder der erste noch der einzige, der sich von dem staatlich finanzierten Preis distanzierte. Einige arabische Intellektuelle, darunter der marokkanische Dichter Mohammed Bennis, haben ebenfalls die Zusammenarbeit abgelehnt. Bennis verließ 2020 das wissenschaftliche Komitee des Sheikh Zayed Book Award aus Protest gegen die Entscheidung der Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate, die Beziehungen zu Israel zu normalisieren. Sein Protest richtete sich auch gegen die Entscheidung der VAE, nicht länger das Recht des palästinensischen Volkes auf ein Ende der Besatzung und die Rückkehr von Millionen von Palästinensern, die seit Jahrzehnten in der Diaspora leben, zu unterstützen.
 

 

Das „wichtigste Ereignis in der Kulturgeschichte der VAE“

„Die meisten offiziellen Auszeichnungen und Ehrungen in der arabischen Welt funktionieren nach dem Prinzip der Karotte, die man dem Esel vor das Maul hält: Man will sich die Loyalität der so Geehrten sichern, damit diese die Herrschenden unterstützen oder zumindest zu deren Herrschaftspraktiken schweigen,“ sagt  Imad Abdul-Latif, Professor für Rhetorik und Diskursanalyse an der Cairo University. „Dazu gehört die Vermeidung von Kritik an jeder Form der Allianz mit der ‚Besatzungsmacht‘ Israel, ebenso wie an Unterdrückung, Korruption, Rassismus, Manipulation, Diskriminierung, Gängelung und anderen Missständen, die in der gesamten arabischen Welt vom Mittelmeer bis zum Golf anzutreffen sind“.

Abdul-Latif erläutert die symbolische Bedeutung, die von der Ablehnung politisierter Preise durch Habermas und andere Intellektuelle ausgeht: „Ich hoffe, die Entscheidung von Habermas führt zu mehr Bewusstsein über die Risiken politisierter Auszeichnungen für die Freiheit von Forschern und kreativen Denkern. Ungeachtet ihres Fachgebiets werden sie sich stärker auf ihre eigene Freiheit, Integrität und Unabhängigkeit besinnen.“

Wenn sie schreiben, „sind sie nur ihrem eigenen Gewissen als Menschen oder Kulturschaffende verpflichtet. Wenn sie dafür anerkannt oder ausgezeichnet werden, können sie ihre Auszeichnungen mit gutem Gewissen entgegennehmen; und wenn nicht, haben sie nichts zu bereuen.“
 

 

In diesem Zusammenhang weist der Romanautor und Publizist Shady Lewis Botros darauf hin, dass „unter den Hunderten und vielleicht Tausenden von Preisträgern in den Emiraten die Ablehnung des Preises durch Habermas die größte Wirkung haben wird.“ Paradoxerweise könne Habermas' Ablehnung des Sheikh-Zayed-Preises „das wichtigste Ereignis in der Kulturgeschichte der VAE sein.“ Es gebe eine lange Liste von Schriftstellern in der arabischen Welt, die wegen ihrer Schriften und öffentlichen Stellungnahmen verfolgt wurden und ihr Leben im Exil oder im Gefängnis verbringen müssten. Viele würden wegen ihrer Texte sogar ihr Leben verlieren.

„Ich verlange von arabischen Schriftstellern nicht, sich umbringen oder inhaftieren zu lassen oder sich in irgendeiner Weise dem Leid auszusetzen,“ sagt so Shady Lewis Botros im Gespräch mit Qantara. „Aber ich verlange, dass wir keine Preise und kein Geld von Kindermördern, Kriegsverbrechern, Usurpatoren, Unterstützern von Kolonisierung und Siedlungspolitik, Putschisten oder von Machthabern annehmen, die Apartheid und Massenmord praktizieren. Wenn Kunst und Literatur Autoren dazu bringen, Mördern, Besatzern und verbrecherischen Regimen die Hand zu reichen, sollten wir aufhören zu schreiben und dieser Farce und Tragödie ein Ende setzen".

Islam Anwar

© Qantara.de 2021

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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