Arabische Comiczeichner
Kinder der Rebellion

Wie reagieren Comicautoren in der arabischen Welt auf die politische Lage? Ein Gespräch mit den Zeichnern Lina Ghaibeh und George Khoudry über junge Künstler-Kollektive und feministische Superheldinnen. Von Lena Bopp

Lina Ghaibeh ist Comic-Künstlerin und außerordentliche Professorin am Institut für Grafikdesign der Amerikanischen Universität in Beirut. Dort leitet sie die "Mu’taz and Rada Sawwaf Arabic Comic Initiative“, die sich der Erforschung arabischer Comics widmet und jährlich den Mahmoud Kahil Award für den besten arabischen Comic vergibt. 

George Khoury war einer der Ersten, der unter seinem Künstlernamen JAD mit "Carnaval“ zu Beginn der Achtzigerjahre einen arabischen Comic für Erwachsene veröffentlichte. Er gründete mit den "JAD Workshops“ das erste Kollektiv für Comic-Künstler in Libanon, leitete jahrelang eine politische Animationssendung im Fernsehen und unterrichtete Grafikdesign an der Lebanese American University. 

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In der arabischen Welt sind Comics für Erwachsene ein relativ junges Genre. Seinen Durchbruch erlebte es erst mit den arabischen Aufständen um 2011. Warum zu dieser Zeit? 

Lina Ghaibeh: Comics sind ein jugendliches Anti-Establishment-Medium, das sich verbreitete, weil die Aufstände auf der Straße stattfanden und viele Ausdrucksformen wie Graffiti und Street-Art, die mit der Straße verbunden sind, in dieser Zeit einen Aufschwung erlebten.

Es gab zwar auch schon früher einige Comics – persönliche Erzählungen oder Kriegserfahrungen, etwa aus Libanon von Mazen Kerbaj oder Lena Merhej. Aber die Aufstände haben das Genre vorangetrieben, weil sich verschiedene Künstler zusammenschlossen, Kollektive gründeten und begannen, eigene Fanzines herauszugeben.

Deena Mohameds Figur Qahera
Muslimisch, weiblich und Superheldin: Die Figur der Qahera, während der Arabellion in 2011 von Deena Mohamed erschaffen, sieht mit ihrem Hijab aus wie ein Ninja. Qahera beschützt Frauen, die in den Straßen von Männern belästigt werden und bringt immer wieder interessante Themen in die Diskussion ein. Sie kritisiert, dass Frauen selber schuld an Belästigung sein sollen, weil sie sich angeblich zu offenherzig kleiden. Gleichzeitig widerspricht sie aber auch westlichen Frauen, die ihre arabischen Schwestern "retten“ wollen. Bei der Frage, ob sie Frauen mit Hijab als Opfer sieht, die "gerettet“ werden müssten, lacht sie herzlich.

Es gibt TokTok in Ägypten, Lab619 in Tunesien, Skefkef in Marokko, Samandal in Libanon, Fanzine in Jordanien. Warum ist die Form des Kollektivs für arabische Comiczeichner die passende? 

George Khoury: Weil es die einzige Möglichkeit ist, etwas zu veröffentlichen. Mittlerweile gibt es in Ägypten zwei Verlage für Comics, aber als die Aufstände begannen, gab es keinen einzigen. Und damals war das klassische Verlagsgeschäft schon so unter Druck und eingeschränkt durch das, was am Golf gerne gelesen wird . . . 

. . . weil die Golfstaaten der wichtigste Markt für Verlage sind. 

Heute ist es wieder gefährlich

Lina Ghaibeh: Ja. Die Verlage wollten nichts Neues riskieren. Deswegen taten sich die jungen Leute zusammen, organisierten ihre eigene Finanzierung, meist durch europäische Stiftungen und Kulturinstitutionen, und veröffentlichten eigene Zeitschriften.

Im Libanon haben Kulturvereine zudem den Vorteil, dass sie veröffentlichen dürfen, ohne die Bücher vorher der Zensur vorlegen zu müssen.

In Ägypten war das anders. Es war Magdy El Shafee, der zwei Jahre vor dem Aufstand seine Graphic Novel "Metro“ veröffentlichte und dafür zwar vor Gericht kam, ebenso wie sein Verleger, beide mussten eine saftige Strafe zahlen.

Aber das war am Vorabend der Revolution, und die Künstler erkannten, dass es möglich wurde, sich auszudrücken, dass man sie nicht streng verurteilen, ins Gefängnis stecken und foltern würde. Also haben sie angefangen. Heute ist die Lage anders. Heute ist es wieder da, wie es früher war. 

Das heißt was? 

Lina Ghaibeh: In Ägypten und anderen Ländern wird gegenüber Cartoonisten und Künstlern wieder hart durchgegriffen, manche wurden ins Gefängnis gesteckt, viele fliehen.

Andere müssen sich nicht verstecken und können weitermachen, vor allem die Leute von TokTok, weil sie sich selbst nicht als politisch betrachten und nicht sehr aufdringlich sind.

Sie veröffentlichen eher soziale, manchmal humorige Kommentare. Nichts, was gestoppt oder zensiert werden müsste. 

Sie, Herr Khoury, haben einmal geschrieben, dass diese Kollektive junge Künstler aus verschiedenen Ländern zu einer Zeit miteinander in Kontakt brachten, in der die arabische Welt immer stärker gespalten wurde. Was haben Sie damit gemeint? 

George Khoury: Vor dem Arabischen Frühling lebte die gesamte arabische Welt in der verbindenden Ideologie des Panarabismus, man glaubte an die palästinensische Sache und den Antikolonialismus. Aber irgendwann löste sich diese politische Linie auf. Die Menschen erkannten, dass sie ihre eigenen sozialen und wirtschaftlichen Probleme hatten, und es wurde für sie wichtiger, gute Regierungen, gute Lebensgrundlagen, natürlich auch Demokratie zu haben. So wurde die Lage vor Ort zu einer Priorität gegenüber der panarabischen Ideologie.

Cover der Zeitschrift Al Shakmajiyya (Comic von Tawfiq)
Cover der feministischen ägyptischen Zeitschrift "Al Shakmajiya“: Für die Zeichnerinnen von "Al Shakmajiyya" sind Themen wie sexuelle Belästigung und häusliche Gewalt zentral. In ihren schrillen, hyperrealistischen Comics beschäftigen sie sich mit Themen, die in arabischen Gesellschaften lange tabu waren, wie Sexualität, Religion und soziale Traditionen.

Hocharabisch durch Dialekte ersetzt

Und die Comics spiegelten diese zunehmend lokale Sichtweise wider? 

Lina Ghaibeh: Die Comiczeichner haben es damals klar formuliert: Wir wollen keine Comics über Revolutionen, wir wollen eine Revolution im Comic. Das Lokalkolorit wurde bedeutsam. Die klassische arabische Sprache wurde durch Dialekte ersetzt. Vielfalt wurde durch Architektur und Kleidung ausgedrückt, weil sie alle ihre Straßen zeichneten – vollschlanke Ägypterinnen mit ihren Schleiern, junge Männer in Jogginganzügen, alte Kabel, verfallende Häuser.

Die Künstler haben nicht versucht, das Image ihrer Städte zu verbessern, sondern sie so zu zeigen, wie sie sind.

Es gab früher immer dieses kollektive arabische Weltdenken, das es nicht erlaubt, eine bestimmte Stadt zu zeigen, sondern eine kollektive Stadt, in der wir alle über ein Thema reden, das uns verbindet: Palästina. Jetzt sind unsere Probleme in Ägypten, in Tunesien, in Syrien das Thema.

Womit beschäftigte sich das syrische Kollektiv? 

Lina Ghaibeh: Das Kollektiv Comic4syria hat speziell versucht, über die Revolution in Syrien zu sprechen, über Folter, die Brutalität, der sie ausgesetzt waren. Manchmal mit ein bisschen Humor. Es gab eine kleine Serie über einen Spion. Aber für so etwas wird man in Syrien getötet. Deshalb wurden die Comics anonymisiert und nur online veröffentlicht. Und als der Krieg zu heftig wurde, hörten die Künstler auf. Sie waren in ernster Gefahr. Einige von ihnen lebten noch in Syrien, und selbst diejenigen, die das Land verlassen hatten, hatten noch ihre Familien dort. Und bis heute haben sie noch nichts aus ihrer Erfahrung gemacht, sie haben immer noch Angst. 

George Khoury: Weil die syrischen Comics durch die Revolution ausgelöst wurden, sind sie zu seltenen visuellen Dokumentationen der Revolte geworden. Wenn man wissen möchte, wie die Syrer in Gefängnissen behandelt wurden, kann man sich das ansehen. In anderen Ländern haben sich die Künstler den Besonderheiten ihrer Aufstände nicht in derselben Art gewidmet, und wer es doch tat, wie beispielsweise Ganzeer in Ägypten, hat das Land schnell verlassen, weil er bedroht wurde.

Neue Themen und neue Bildsprache

Die neuen Comics beschäftigen sich auch mit Dingen, die in arabischen Gesellschaften lange tabu waren, mit Sexualität, Religion und sozialen Traditionen. Es gab in Ägypten sogar eine Zeitschrift, Al Shakmajiya, die sich ganz dem Feminismus und sexueller Belästigung widmete. Gibt es Unterschiede in der Herangehensweise an solche Themen zwischen männlichen und weiblichen Comic-Künstlern? 

Lina Ghaibeh: Die Jungs von TokTok haben einmal ein Heft nur für Frauen gemacht. Sie veröffentlichten Comics unter anderem über sexuelle Belästigung und häusliche Gewalt – sie sahen darin "Frauenthemen“. Aber diese Comics waren lustig, an der Grenze zum Sarkasmus. Und sie waren gezeichnet wie Cartoons, schwarz-weiß, schlicht. In der Zeitschrift Al Shakmajiya arbeiteten Frauen über dieselben Themen, aber viel weniger humorig. Die Zeichnungen waren voller Farben, fast hyperrealistisch, aber das lag nicht daran, dass Frauen so zeichnen; ich denke, es war das Thema, das sie so arbeiten ließ. Auf andere Themen lässt sich das nicht übertragen. 
 

 

Welche anderen Themen prägen den arabischen Comic? 

George Khoury: Interessant ist vor allem, was ihn nicht mehr prägt. Früher war Geschichte ein großes Thema, der arabische Nationalismus, aber die jungen Comiczeichner interessieren sich nicht mehr so sehr dafür und, wenn doch, dann eher für lokalhistorische Episoden: die ägyptischen Pharaonen, die Vertreibung der Nubier aus dem Gebiet um Assuan, als in den Sechzigerjahren der Staudamm gebaut wurde. In Marokko arbeiten einige Künstler über das Erbe der nordafrikanischen Berber. 

Finden sich lokale Einflüsse auch in der Bildsprache zeitgenössischer Comics? 

George Khoury: Früher fand man das häufiger, etwa die einfache Linienführung, die fehlende Perspektive, die fehlenden Details. Elemente, die ihre Wurzeln in der islamischen Kunst haben. Heutzutage sieht man lokale Einflüsse eher in den Farben, den Lichtern, den Sujets. Wir haben keine Comic-Schule aufgebaut wie die Japaner mit ihren Mangas oder die Amerikaner mit ihren Superhelden. 

Aber es gibt arabische Superhelden. Und sie sind Frauen. 

Lina Ghaibeh: Ja, Malak war die Erste. Die libanesische Künstlerin Joumana Medlej hat die Figur 2006 online entworfen, eine Serie daraus gemacht und sie in einem Buch zusammengefasst. Malak ist eine libanesische Superheldin, die ihre Kraft aus der phönizischen Mythologie schöpft und deren Geschichte während des Bürgerkrieges spielt. Und es gibt Qahera von Deena Mohamed. Qahera ist eine Muslimin, sie ist verschleiert wie ein Ninja.

Deena Mohamed hat sie während der Aufstände von 2011 entworfen. Qahera beschützt Frauen, die auf der Straße belästigt werden, und bringt interessante Themen zur Sprache: Opfer, die man beschuldigt, zu kurze Kleider zu tragen. Aber sie greift auch westliche Frauen an, die versuchen, arabische Frauen zu retten. Sie macht sich über die Behauptung lustig, dass die verschleierte muslimische Frau das Opfer per se sei und gerettet werden muss. 

Lena Bopp

© Frankfurter Allgemeine Zeitung 2022 

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