Araber feiern Marokkos historischen WM-Sieg
"Wir sind alle Marokkaner“

Marokko ist die Sensation der Fußballweltmeisterschaft 2022. Zum ersten Mal in der Fußballgeschichte steht eine arabische Mannschaft im Halbfinale. Doch Marokkos Siege in Katar haben noch eine andere Dimension. Eine Reportage über Public Viewing im Irak. Von Birgit Svensson aus Bagdad

Jubel am Tigris, als Youssef En-Nesyri das entscheidende Tor für Marokko erzielt. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Die Männer auf dem Rasen des Café Opera im Bagdader Stadtviertel Adamija spüren die Kälte nicht mehr, die nach Sonnenuntergang die irakische Hauptstadt beschleicht.

Sie springen auf und singen, bestellen sich noch einen Numi-Basra-Tee zum Aufwärmen und eine Wasserpfeife zum Rauchen. Numi Basra sind kleine, beim Trocknen schwarz gewordene Limonen, die, voll mit Vitamin C, besonders in den Wintermonaten vor Erkältung schützen sollen. Jetzt beim Public Viewing draußen sind sie der Renner. Das Tor gegen Portugal fällt schon früh, anders als gegen Spanien, wo erst das Elfmeterschießen entscheidend war. Die Männer fangen an zu diskutieren.

Die Erfolge der Fußballer aus Marokko, der "Atlas-Löwen“, machen ganz Arabien stolz, wie auch die WM in Katar an sich. "Dass wir ein solches Weltereignis ausrichten können, ist große Klasse“, sagt einer im schwarzen Trainingsanzug und zieht an seiner Wasserpfeife. Jetzt hätten sie mal die Chance, schnell nach Katar zu fahren und sich ein paar Spiele anzuschauen. Er sei vor vier Jahren in Russland gewesen, doch das habe ihn ein Vermögen gekostet.

Der Apfelgeruch des Tabaks vermischt sich mit Zitrone und Minze. Ein Dunst hängt in der Luft, der nur schwer abzieht. Hinten spielen zwei Männer das orientalische Brettspiel Tavli, das ähnlich dem Backgammon mit Würfeln und Steinen bedient wird. Das Café Opera, sonst ein gewöhnlicher Ort des Teetrinkens und eher mäßig besucht, profitiert von der Fußball-WM wie kein zweites in Adamija. Weit und breit ist keine Frau zu sehen. Fußball in der Öffentlichkeit ist Männersache.

Public Viewing im Opera Café im Stadtteil Adamija von Bagdad; Foto: Birgit Svensson
Public Viewing in Bagdad: "Restaurants, Cafés, Fitnesszentren, der Bäcker um die Ecke, der Lebensmittelladen, der Zigarettenhändler, die Hotel-Lobby: Überall läuft der Fernseher, überall rollt der Ball,“ schreibt Birgit Svensson. "Viele gastronomische Betriebe locken Gäste mit der Übertragung der WM-Spiele an. Wenn Marokko spielt, ist das Spiel im 1200 Kilometer von Doha entfernten Bagdad fast schon ein Straßenfeger. Die sonst ständig verstopften Wege in den Einkaufsstraßen sind auf einmal begehbar, die wenigen Autos kommen problemlos vorwärts. Die Iraker lieben Fußball und das nicht erst seit der WM in Katar. Aber jetzt ganz besonders.“

Marokko ist ein Straßenfeger

Public Viewing ist im Irak derzeit allgegenwärtig. Restaurants, Cafés, Fitnesszentren, der Bäcker um die Ecke, der Lebensmittelladen, der Zigarettenhändler, die Hotel-Lobby: Überall läuft der Fernseher, überall rollt der Ball. Viele gastronomische Betriebe locken Gäste mit der Übertragung der WM-Spiele an. Aber das klappt nicht immer. Wer essen gehen will, schaut kein Fußball. So sind dann vor allem die Plätze draußen voll, wo Tee und Wasserpfeife serviert werden.

Wer Glück hat, ergattert einen Stuhl, neben sich ein kleines Tischchen. Wenn Marokko spielt, ist das Spiel im 1200 Kilometer von Doha entfernten Bagdad fast schon ein Straßenfeger. Die sonst ständig verstopften Wege in den Einkaufsstraßen sind auf einmal begehbar, die wenigen Autos kommen problemlos vorwärts. Die Iraker lieben Fußball und das nicht erst seit der WM in Katar. Aber jetzt ganz besonders.

Nicht nur im Irak, in der ganzen Region versammeln sich die Menschen hinter der marokkanischen Mannschaft, auch wenn sie sonst vielleicht Sympathien für Barcelona oder Real Madrid hegen und Cristiano Ronaldo verehren. Aber jetzt sind sie alle Marokkaner, "Maghrebiner“, wie die Iraker sagen.

Die Siege der Mannschaft werden zum pan-arabischen Triumph, Torhüter Bono zur Galionsfigur. Dabei haben Marokko und Irak erhebliche Probleme miteinander. Es gibt keine diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern, man meidet sich so gut es geht. Das sunnitisch-islamische Marokko wirft dem mehrheitlich schiitischen Irak vor, gezielt Missionare nach Nordafrika zu schicken, um den Schiismus zu verbreiten.

Irak indes wirft den Maghrebinern vor, sunnitische Extremisten ins Zweistromland geschickt zu haben, die sich Al Qaida und später dem IS anschlossen und viele irakische Leben auf dem Gewissen hätten.

Doch eine Entspannung bahnt sich jetzt an. Der Fußball macht es möglich. Iraks schiitischer Premierminister Mohammed al-Sudani gratulierte als einer der ersten zum Sieg. Und im schiitischen Basra im Süden Iraks tanzten Studenten und sangen für das sunnitische Marokko.

 

 

Versöhnung zwischen Arabern

Abu Mustafa ist in Adamija aufgewachsen und sehr mit dem Bezirk verbunden. Zum Spiel von Marokko hat er sich im Café Opera mit zwei Freunden getroffen, die er aus Studienzeiten kennt. Wie kein anderes Land im Nahen Osten habe der Irak die Konflikte mit seinen Nachbarn und anderen arabischen Ländern durchlitten, sagt der 55-Jährige.

Wie kein anderer Bezirk in Bagdad habe der Bürgerkrieg in den Jahren 2006 und 2007 Adamija gezeichnet. Mehrheitlich von Sunniten bewohnt, wurde damals eine Betonmauer um das Viertel gezogen, mit nur einer Einfahrt. "Wir wurden abgestempelt als Saddam-Anhänger, als Widerständler, als Terroristen. Wir lebten wie in einem Gefängnis.“

Katar habe damals die Extremisten unterstützt, die zu Al Qaida gehörten. Auch aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten sei Geld in die Taschen der sunnitischen Terroristen geflossen. Sie alle hatten Angst, der Demokratisierungsversuch der Amerikaner im Irak könnte auch auf ihre Länder überschwappen und die Regime ins Wanken bringen.

"So haben sie den Terror bei uns geschürt, um bei sich zuhause unversehrt zu bleiben“ Die Weltmeisterschaft in Katar jetzt, die erste in einem arabischen Land, habe aber etwas Versöhnliches. Und Abu Mustafa hofft, dass dieses Gefühl auch über die Meisterschaft hinaus anhält.

Doch nicht nur zwischen dem Irak und seinen Nachbarn scheint der Fußball Gräben zu überwinden. Auch zwischen dem Austragungsland Katar und seinem Nachbarn Saudi-Arabien herrscht jetzt demonstrative Einigkeit. Das Bild vom Eröffnungsabend, als der Emir von Katar neben dem saudischen Kronprinzen saß, ging um die Welt.

Dreieinhalb Jahre lang hat Mohammed bin Salman (MBS) einen Boykott gegen Katar angeführt, der die "Golfbrüder“ in ihren Grundfesten erschütterte. Saudi-Arabien versperrte die einzige Landverbindung der Halbinsel und schnitt Katar somit komplett vom Festland ab.

Doch das reiche Katar trotzte seinen Nachbarn und führte alles auf dem Seeweg oder aus der Luft ein. Auch schwarz-weiß gefleckte Kühe aus Deutschland zur Milchgewinnung kamen per Flugzeug nach Doha. Einer der Vorwürfe der Golfstaaten und Ägyptens gegen Katar war die Nähe zum Iran, dem Erzfeind der sunnitischen Araber.

Doch das Embargo bewirkte genau das Gegenteil. Doha wurde dadurch mehr denn je mit dem schiitischen Teheran verbunden. Als MBS einsehen musste, dass sein Embargo weder die Wirtschaft noch die politische Stellung Katars beeinflussen konnte, lenkte er ein. Seitdem dominiert ein Wir-Gefühl, eine selten gekannte Einigkeit in der sonst eher zerstrittenen Region.
 

 

"Was ist denn nur mit den Deutschen los?“, fragt Khudair al-Obeidi, der neben Abu Mustafa sitzt und bereits einen dritten Numi Basra trinkt. "Dass die so schlecht sind, hätte ich nie gedacht“, seufzt er und alle um ihn nicken zustimmend. Die Aktion mit der One-Love-Binde und den Händen vor dem Mund der Spieler kam auch in Bagdad nicht gut an.

"Musste das sein?“, fragt Abu Mustafa. Homosexualität ist im konservativ-islamischen Irak ein Tabu, vor allem in der Öffentlichkeit. Hinter verschlossenen Türen gibt es zumindest in der Hauptstadt Schwulenbars und auch Transvestiten. Doch würde keiner es wagen, dies öffentlich zur Schau zu stellen. Vor einigen Jahren wurden als Emos bekannte Jugendliche auf offener Straße mit Steinen beworfen und getötet.

"Wenn man in ein fremdes Land geht, muss man sich anpassen“, verlangt Abu Mustafa. Vor zehn Jahren sei er in Berlin gewesen und habe nichts von dieser Regenbogendebatte beobachten können, die jetzt so allgegenwärtig sei. Er meint, dass die Amerikaner daran schuld seien, die ihre Werte auf andere überstülpten. "Aber Merkel, Merkel ist gut“, tönt es aus der hinteren Ecke im Café Opera. Die anderen nicken zustimmend. "Sie hat uns Iraker aufgenommen, als es uns so schlecht ging“, sagt ein Mann Mitte dreißig. "Das werden wir nie vergessen“.

Wie immer die WM für die Marokkaner ausgehen mag, eines steht jetzt schon fest: Sie haben die arabische Welt in ein Wintermärchen verwandelt, das das Selbstwertgefühl der Region enorm stärkt.

Birgit Svensson

© Qantara.de 2022

 

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