Antimuslimischer Rassismus

Merkel und "die Gefahr der Selbstislamisierung"

Antimuslimischer Rassismus bedeutet mehr als die Benachteiligung von Muslimen. Er ist ein ideologisches Weltbild, das zur Umstrukturierung und Kontrolle der Gesellschaft im Schatten der "islamischen Gefahr" aufruft. Wer sich rechten Forderungen nicht beugt, macht sich der Islamisierung schuldig. Von Ozan Zakariya Keskinkılıç

Nach Unterrichtsende erwartet mich der Leserbrief eines "besorgten" Bürgers in meinem Postfach an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Thomas F.* reagiert auf einen Gastkommentar in der Süddeutsche Zeitung, in dem ich anlässlich des Tages gegen antimuslimischen Rassismus an den Mord an Marwa El Sherbini am 1. Juli 2009 in Dresden erinnere.

Thomas F. stellt sich als langjähriges FDP-Mitglied vor. Er versichert, weltoffen zu sein. Hass und Gewalt wären durch nichts zu rechtfertigen. Dennoch stoße seine Toleranz an Grenzen. Er hat Anmerkungen: Er beklagt, dass der Hidschab Alltag geworden sei. Um all die Grausamkeiten, die im Namen Allahs verübt werden, aufzuzählen, habe er keine Zeit. Dafür aber, um ein Bild zu malen. Dem handschriftlich verfassten Brief liegt eine Zeichnung bei, auf der drei Personen in Niqab und Burka zu sehen sind. Das Bild betitelt der empörte Islamkritiker folgendermaßen: "Diese Dame hätte ich so nicht gewählt – es ist Frau Bundeskanzlerin Merkel."

Die Karikatur einer verschleierten Kanzlerin kursiert schon seit einigen Jahren auf rechten Internetforen. Auf dem islamfeindlichen Blog pi-news findet sich ein offener Brief, in dem Angela Merkel vorgeworfen wird, das Volk zu täuschen. Die Scharia sei unter ihrer Regierung in die hiesige Rechtsordnung eingedrungen. Merkel wolle Deutschland islamisieren. Auch hier wird sie auf einem Bild mit Kopftuch dargestellt. Im Hintergrund erscheint über dem Bundestag ein Halbmond mit Stern im verdunkelten Himmel. Das Ortsschild Berlin ist in arabischer Schrift verfasst.

Selbstislamisierte und "verkafferte" Deutsche

"Selbstislamisierung" nennt die AfD-Fraktion Thüringen dieses unter deutschen Politikern weit verbreitete Phänomen in ihrem Handbuch Der Islam – Fakten und Argumente (2017). Auch der ehemalige Bundesjustizminister Heiko Maas ist beliebtes Ziel der Vorwürfe. Die Autoren der Publikation werfen ihm vor, nach dem Terroranschlag auf "Charlie Hebdo" und einen koscheren Supermarkt in Paris eine Berliner Moschee aufgesucht zu haben. Der SPD-Politiker betreibe eine "mediale Inszenierung von Muslimen als Opfer" und sei damit das perfekte Beispiel für eine "Selbstislamisierung".

Der ehemalige Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) geht am 09.01.2015 im Rahmen seines Besuchs der Sehitlik-Moschee in Berlin äußert sich zur Debatte um den Anschlag auf das Satire-Magazin "Charlie Hebdo" in Paris; Foto: picture-alliance/dpa/R. Jensen
Heiko Maas im Fokus rechtspopulistischer Verschwörungstheoretiker: Die Autoren einer islamfeindlichen Publikation der AfD-Fraktion Thüringen werfen dem früheren Justizminister vor, nach dem Terroranschlag auf Charlie Hebdo und einen koscheren Supermarkt in Paris eine Berliner Moschee aufgesucht zu haben. Der SPD-Politiker betreibe eine "mediale Inszenierung von Muslimen als Opfer" und sei damit das perfekte Beispiel für eine "Selbstislamisierung".

Die "Islamisierung des Abendlandes" werde nämlich "durch eine Art vorauseilenden Gehorsams gegenüber islamischen Vorstellungen seitens Nicht-Muslimen, insbesondere nicht-muslimischen Politikern und Personen des öffentlichen Lebens" befördert, so das Ergebnis dieses "Islam-Faktenchecks". Mit anderen Worten gelten selbstislamisierte Deutsche als Volksverräter. Diesen Menschen wird eine zu große Nähe "zum Feind" nachgesagt.

Der Topos der "Selbstislamisierung" erinnert an den historischen Vorwurf der "Rassenschande". Er verurteilt jene, die "rassische" bzw. kulturelle Grenzen übertreten, die "Herrenrasse" bzw. "Leitkultur" verraten und damit zur Zerstörung der eigenen "Rasse" bzw. des eigenen Volkes beitragen. Damit tritt die "Selbstislamisierung" die Nachfolge der "Verkafferung" an. So wurde im deutschen Kolonialdiskurs eine angebliche kulturelle Degeneration unter weißen Deutschen genannt, die zu lange unter schwarzen Kolonisierten in Afrika lebten.

Der Begriff beklagt eine unter den "verlorenen" Landsleuten vermeintlich vorherrschende Verarmung, exzessiven Alkoholkonsum, den Eingang des fremden Sprachvokabulars in das Deutsche und die sogenannte "Mischehe". Das heißt, der "verkafferte Europäer" steht für das Problem der "Vermischung" scheinbar natürlicher Gegensätze. Er gefährdet also die kolonialrassistische Grenzziehung und muss sanktioniert werden, um "unseren" Dominanzanspruch über "die Anderen" aufrechtzuerhalten.

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