Antikriegsproteste in Israel

Gegen den Zynismus der Gewalt

In Israel formiert sich Protest gegen den Krieg im Gazastreifen. Die alte Garde der Friedensbewegung "Peace Now" scheint ausgezehrt, doch jetzt rückt eine neue Generation von Aktivisten nach. Joseph Croitoru berichtet.

Antikriegsdemonstranten in Tel Aviv am 03. Januar 2009; Foto: AP
Vor allem linksorientierte Intellektuelle sind Motor der israelischen Antikriegsbewegung gegen den Krieg in Gaza.

​​Die Kriegsgegner in Israel haben mehrere Tage gebraucht, um mit ihrem Protest gegen die Militäraktion im Gazastreifen auch auf die Straße zu gehen. Die erste Protestaktion wurde bereits am 27. Dezember in Jaffa, dem arabischen Stadtteil von Tel Aviv, abgehalten. Sie hatte jedoch nur wenige Teilnehmer und erregte kaum Aufsehen. Auch die zweite Demonstration vor vier Tagen wurde bezeichnenderweise von israelischen Arabern organisiert.

Der Protestaufruf kam vom Bürgermeister des arabischen Ortes Sachnin, und diesmal war dem Aufruf ein großer Teil der arabischen Bevölkerung gefolgt. Schätzungsweise über hunderttausend arabische Israelis aus allen politischen Lagern nahmen an dieser Protestveranstaltung teil. Der internationale arabische Sender Al-Dschazira übertrug die Massenkundgebung, auf der die israelische Regierung als terroristisch und blutrünstig bezeichnet wurde, sogar live.

Demonstration gegen die Friedensdemo

Eine weit bescheidenere Protestaktion fand am Abend des vergangenen Samstags auf dem zentralen Rabin-Platz in Tel Aviv statt. Die meisten der etwa tausend Kriegsgegner, die sich hier eingefunden hatten, waren jüdische Israelis aus dem linken Milieu. Sie allerdings mussten sich den Platz mit jüdischen Gegendemonstranten aus dem rechten Lager teilen, die auch in der Absicht gekommen waren, die Antikriegskundgebung der Linken zu blockieren.

Die israelische Polizei stellte sich zwischen die beiden Gruppen. Die linken Demonstranten hatten ihre Aktion gut vorbereitet. Um nicht von vornherein einen einseitig pro-palästinensischen Eindruck zu erzeugen, erschien die eine Hälfte mit israelischen, die andere mit palästinensischen Fahnen.

Die Polizisten aber gingen davon aus, dass alle Israelfahnen-Träger rechte Demonstranten seien und ließen sie nicht passieren. So fand schließlich die Antikriegsdemonstration fast ausschließlich unter palästinensischer Flagge statt – gewollt hatte dies jedoch keiner.

Eine neue Friedensbewegung formiert sich

Motor dieser Antikriegsveranstaltung, die nichts mit der längst im Untergang begriffenen israelischen Friedensbewegung Peace Now zu tun hatte, waren junge Intellektuelle. Sie stammen aus dem Umfeld einiger linksorientierter Kulturzeitschriften, die mal stärker sozialistisch, mal eher pro-palästinensisch ausgerichtet sind.

Proteste in Marseille gegen den Krieg in Gaza; Foto: AP
Wie hier im französischen Marseille demonstrierten weltweit zahlreiche Menschen gegen die israelische Militäroffensive im Gazastreifen.

​​Die Redaktionen dieser Zeitschriften riefen vor der Kundgebung im Internet dazu auf, künstlerische Äußerungen gegen die israelische Militäraktion einzureichen – und erhielten eine Flut von Reaktionen. Eine Auswahl dieser Beiträge ist nun in einer Broschüre erschienen, die, da keine Tel Aviver Druckerei sie drucken wollte, schließlich bei einem arabischen Betrieb in Druck ging.

Sie trägt den Titel "Heraus", ein unmissverständlicher Appell also an das israelische Militär, sich aus dem Gazastreifen zurückzuziehen.

Für ein Ende des Blutvergiessens

Im Vorwort wird zwar, und dies spiegelt das gespaltene Verhältnis der jüdischen Israelis zur jetzigen Militäraktion anschaulich wider, den Verantwortlichen Zynismus und Machtbesessenheit vorgeworfen. Doch bei aller Schärfe der Kritik beklagen die Autoren zugleich auch die "Aufopferung" der jüdischen Bevölkerung im Süden Israels, die vom Krieg ebenso betroffen sei.

Die Autoren fordern ein Ende des Massakers und des Tötens und rufen beide Seiten auf, über einen Waffenstillstand zu verhandeln. In dem Heft sind Beiträge von insgesamt 67 jüdischen, aber auch einigen arabischen Künstlern versammelt, etwa zwei Drittel davon sind Gedichte.

Zynische Logik des Krieges

Der Maler Ido Bar-El etwa hat ein ganzes weißes Blatt nur dem Wort Waffenstillstand gewidmet, das, in normaler Schriftgröße gedruckt, um so explosiver wirkt. In einem Gedicht des israelischen Arabers Salman Masallha walzt ein israelischer Panzer die Träume eines palästinensischen Mädchens nieder. Die Israelin Zeela Katz entlarvt in ihrem Gedicht die zynische Logik des Krieges, indem sie die Opferzahlen-Arithmetik des Militärs und der Medien karikiert.

Ihre Dichterkollegin Osnat Skovlinski lässt einen neuen Nahen Osten erstehen, in dem die Tunnel nicht der Kriegsführung, sondern Kindern beider Nationen als gemeinsamer Spielplatz dienen. Diese Antikriegsanthologie, über die einige israelische Zeitungen immerhin kurz berichteten, wurde in einer weiteren Protestaktion in Tel Aviv verlesen.

Die Veranstaltung fand vor dem Hochhaus statt, in dem der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak wohnt. Ob er allerdings Notiz davon nahm, ist fraglich.

Joseph Croitoru

© Qantara.de 2009

Dr. Joseph Croitoru, geb. 1960 in Haifa, ist Experte für den politischen Islam. Seit 1988 arbeitet er als freier Journalist, zunächst in Israel, seit 1992 für deutschsprachige Zeitungen. Jüngste Veröffentlichung: "Hamas. Der islamische Kampf um Palästina" (C. H. Beck 2007).

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