In Orbáns Rhetorik bedrohen Soros und die EU als dessen angeblicher "Mitverschwörer" den christlichen Charakter Europas. "Europa ist dabei, sein Territorium einem neuen gemischten, islamisierten Europa zu überlassen. [...] Damit dies geschehen kann und damit das Territorium für die Übergabe bereit ist, wird die Entchristianisierung Europas fortgesetzt betrieben; wir sind Zeuge dieser Bemühungen", so Orbán.

Im Fahrwasser rechtsextremer Bewegungen

Orbáns islamophobe Anschuldigungen gegen Soros werden von streng rechten Gruppen in Europa und in den USA übernommen, die den ungarischen Philanthropen wegen seiner angeblichen Unterstützung der "Islamisierung" angreifen.

Führende islamophobe Köpfe polemisieren gegen Soros. Manche porträtieren ihn als Nazi-Sympathisanten, der Islamisten nahesteht, die die "letzten Koalitionspartner von Adolf Hitler im zweiten Weltkrieg sind, die noch nicht besiegt wurden" – wie eine rechtsextreme Website es formulierte:

"Könnte es sein, dass der gespenstische George Soros wieder Gott spielt? Ist es tatsächlich möglich, dass der große Puppenspieler die Fäden beim Niedergang Europas zieht?", heißt es in einem Beitrag eines islamophoben Blogs. Und weiter: "George Soros plant – oder vielmehr diktiert –, wie sich Europa durch den Import von muslimischen Horden in seinen Untergang fügt".

Viktor Orban speaks at a press conference following a plenary session of the European Parliament at which he was criticised for his country's repressive domestic policies and poor human rights record (photo: picture-alliance/abaca/D. Aydemir)
Zwischen Demagogie und rassistischer Hetze: Nach Auffassung des rechts-konservativen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und der von ihm kontrollierten Medien beabsichtigt der US-Milliardär George Soros angeblich, Flüchtlingsmassen nach Europa zu lenken. Dies geschehe durch "Unterwanderung" der europäischen Gremien und von Soros finanzierte Zivilorganisationen. Ziel dieses "Plans" sei es letztlich, die "christliche und nationale Identität" der Völker Europas zu zerstören.

Die Anti-Soros-Kampagne erreichte sogar den US-Kongress. Sechs Senatoren unterzeichneten einen Brief, in dem sie Staatssekretär Rex Tillerson dazu auffordern, die Finanzierung aus USAID-Mitteln der Soros Open Society Foundation und deren Aktivitäten in Mazedonien und Albanien zu untersuchen. Anscheinend beruhte das Schreiben auf einem Pamphlet, das dem Kongress von einer mazedonischen Gruppe namens "Stop Operation Soros" zugespielt wurde.

Die Wurzeln des Antisemitismus und Rassismus

Dass Soros in dieses rassistische Agglomerat aus Antisemitismus und Islamophobie hineingezogen wurde, überrascht indes nicht.

Seit Jahrhunderten sind die Figuren des Muslims und des Juden als die Personifizierung des Anderen im westlichen rassistischen Gedankengut miteinander verbunden. Der amerikanische Literaturwissenschaftler Edward Said bezeichnete den Orientalismus als einen "seltsamen, heimlichen Aspekt des westlichen Antisemitismus".

Historisch betrachtet sehen sich Juden und Muslime ähnlichen Schuldzuweisungen, rassistischen Tropen und Nachstellungen ausgesetzt. Westeuropäer benutzten beide als Projektionsfläche, zu der sie sich als rassisch rein, weiß und christlich abgrenzten. Im Mittelalter wurden Juden der Brunnenvergiftung und der Anstachelung zur Ermordung von Christen und Muslimen beschuldigt. Während der Reformation galten Juden als die Gefährten des Teufels im Pakt mit den muslimischen Türken.

Heute geht die „internationale jüdische Verschwörung“ in den Köpfen vieler Rechtsradikaler mit der "Islamisierungsverschwörung" Hand in Hand. Viele träumen von einem rein weißen und christlichen Europa.

Dieser Traum zieht seit Jahren eine blutige Spur nach sich: So ist das vom rechtsextremen Massenmörder Anders Behring Breivik verfasste Manifest mit dem Titel "2083 - A European Declaration of Independence" voller islamophober und antisemitischer Phantasien.

Antisemitismus und Islamophobie stehen miteinander in Verbindung. Man sollte sich bewusst machen, dass beide Formen des Rassismus heute ebenso wie in der Vergangenheit zusammengehen. Wer den intrinsischen Zusammenhang zwischen Islamophobie und Antisemitismus nicht erkennt, stärkt rassistische Ideologen und rechtspopulistische Politiker – seien es die Breiviks oder die Orbáns unserer Zeit.

Farid Hafez

© Qantara.de 2017

Farid Hafez ist ein Politikwissenschaftler und Senior Research Fellow Bridge Initiative an der Georgetown University.

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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Leserkommentare zum Artikel: Wenn Antisemitismus und Islamophobie Hand in Hand gehen

Das ist ja ganz ein Theaterstück, in dem beide Seiten ihre Rolle schlecht spielen. Sie beide dienen ja selber Sache: Incendiarism...

Anonymous02.09.2017 | 11:21 Uhr