Der Anschlag auf den indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie in den USA belegt auf tragische Weise, wie verhängnisvoll die politische Instrumentalisierung des Islam ist, meint Loay Mudhoon in seinem Kommentar.

Anschlag auf Salman Rushdie
Die Geister, die Khomeini rief

Der Anschlag auf den indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie in den USA belegt auf tragische Weise, wie verhängnisvoll die politische Instrumentalisierung des Islam ist, meint Loay Mudhoon in seinem Kommentar.

"Hiermit informiere ich die frommen Muslime in aller Welt darüber, dass der Autor des Buches 'Die Satanischen Verse' zusammen mit allen Unterstützern zum Tode verurteilt ist. Ich rufe alle Muslime auf, sie - ohne zu zögern - zu töten." Wer bei einem solchen Attentat selbst ums Leben komme, werde zum Märtyrer.

Am 14. Februar 1989 erließ Ayatollah Khomeini, iranischer Revolutionsführer und geistliches Oberhaupt der von ihm gegründeten Islamischen Republik Iran, eine Fatwa, ein Rechtsgutachten, das zum Mord an Salman Rushdie aufrief. Am 12. August, 33 Jahre nach dieser fragwürdigen Fatwa, stürmte Hadi Matar, ein 24 Jahre alter Amerikaner mit libanesischen Wurzeln auf die Bühne bei einer Veranstaltung im US-Bundesstaat New York und stach mehrfach auf Rushdie ein. Der weltbekannte Schriftsteller überlebte glücklicherweise, war aber schwer verletzt.

Kennt der Täter überhaupt den Kontext?

Auch wenn es naheliegend ist, Khomeinis Todesurteil als unmittelbar verantwortlich für diese abscheuliche Tat zu betrachten, drängen sich andere, wichtigere Fragen auf: Kennt Hadi Matar, der mutmaßliche Angreifer von Salman Rushdie, überhaupt den politischen Kontext dieser verhängnisvoll Fatwa? Schließlich wurde er erst fast zehn Jahre nach dem Tod des iranischen Revolutionsführers geboren. Seine zur Schau gestellte Bewunderung Khomeinis liefert keine Antwort auf diese Frage.

Proteste gegen Salman Rushdies Satanische Verse in New York; Foto: picture-alliance/AP
Proteste gegen Salman Rushdies Roman "Die satanischen Verse“ in New York: "Der iranische Revolutionsführer nutzte die Wut der muslimischen Massen über Rushdies Roman, der angeblich den Propheten beleidigt hätte, um sich als Verteidiger des Islam zu stilisieren,“ schreibt Loay Mudhoon "vor allem außerhalb des schiitischen Iran.“ 33 Jahre nach der "Khomeini-Fatwa" lasse sich leicht erkennen, dass es sich hierbei um eine offensichtliche politische Instrumentalisierung des islamischen Glaubens handelt.

Wir können auch nicht davon ausgehen, dass Hadi Matar, der in einer typischen muslimisch- amerikanischen Familie ohne Affinität zum radikalen Islamismus aufwuchs, die fragile Stellung der umstrittenen Fatwa innerhalb der islamisch geprägten Staaten realistisch einschätzen kann. Aber der Reihe nach.

33 Jahre nach der "Khomeini-Fatwa" lässt sich leicht erkennen, dass es sich hierbei um eine offensichtliche politische Instrumentalisierung des islamischen Glaubens handelt. Der iranische Revolutionsführer nutzte die Wut der muslimischen Massen über Rushdies Roman "Die satanischen Verse", der angeblich den Propheten beleidigt hätte, um sich als Verteidiger des Islam zu stilisieren - vor allem außerhalb des schiitischen Iran.

Khomeinis doppelte Anmaßung 

Khomeinis politisches Kalkül zielte darauf ab, seine schiitisch begründete Islamische Revolution aus der innerislamischen Isolation zu befreien und sie als ein revolutionäres Modell für die gesamte, auch sunnitische islamische Welt zu empfehlen - selbstverständlich mit ihm als "islamischem Papst"! Darüber hinaus wollte er die pan-islamischen Empörungswellen über die "Satanischen Verse" für seinen Kampf gegen den "großen Satan" USA nutzen, um seine anti-westliche Staatsräson zu zementieren.

Auch über die theologische und intellektuelle Isolation des Fatwa-Verfassers dürfte der mutmaßliche Angreifer von Salman Rushdie kaum informiert sein. Kurz nach dem Erlass der Fatwa hatten sich zahlreiche muslimische Staaten und Gelehrte gegen Khomeinis Anmaßung verwahrt, im Namen aller Muslime zu sprechen. Auch schariarechtlich lehnten die meisten islamischen Autoritäten die Fatwa mit der Begründung ab, es gebe im Koran gar keine Grundlage für Strafen wegen Gotteslästerung oder Prophetenbeleidigung. 

Ayatollah Khomeini; Foto: Getty Images/Keystone
Khomeinis politisches Kalkül zielte darauf ab, seine schiitisch begründete Islamische Revolution aus der innerislamischen Isolation zu befreien und sie als ein revolutionäres Modell für die gesamte, auch sunnitische islamische Welt zu empfehlen - selbstverständlich mit ihm als "islamischem Papst"! Doch kurz nach dem Erlass der Fatwa hatten sich zahlreiche muslimische Staaten und Gelehrte gegen Khomeinis Anmaßung verwahrt, im Namen aller Muslime zu sprechen. Auch schariarechtlich lehnten die meisten islamischen Autoritäten die Fatwa mit der Begründung ab, es gebe im Koran gar keine Grundlage für Strafen wegen Gotteslästerung oder Prophetenbeleidigung. 

Im Interview mit der US-Boulevardzeitung "New York Post“ sagte der Attentäter, von den "Satanischen Versen" habe er nur ein paar Seiten gelesen. Dieses Eingeständnis erinnert an den perfiden Anschlag auf den ägyptischen Literatur-Nobelpreisträger Nagib Mahfouz: Er wurde im Oktober 1994 direkt vor seinem Haus in Kairo niedergestochen und überlebte den Mordanschlag nur knapp. Auch in diesem Fall gestand der islamistisch motivierte Attentäter vor Gericht, gar keine Bücher von Mahfouz zu kennen. Vermutlich ließ er sich von vulgär-islamistischen Kreisen beeinflussen. 

Das Gift des radikalen Islamismus wirkt

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass das Gift des radikalen Islamismus grenzüberschreitend, ja geradezu entgrenzend weiterwirkt - insbesondere wenn fragwürdige Fatwas den Griff zur Gewalt legitimieren. Hadi Matar hat die jahrzehntealte Todesdrohung Ajatollah Khomeinis gegen Salman Rushdie als seine individuelle Pflicht interpretiert und fatalerweise in die Tat umgesetzt. Diese Gefahr bleibt in unserer vernetzten Welt leider allgegenwärtig.

Inzwischen hat das iranische Regime Rushdie selbst die Schuld an der Tat gegeben. Das ist infam, schließlich hielt es selbst immer an der Fatwa fest. Die Reaktionen der von religiösen Hardlinern kontrollierten Medien im Iran müssen an dieser Stelle nicht weiter bewertet werden. Paradoxerweise dürfte der gescheiterte Mordanschlag für die Entscheidungsträger in Teheran aber politisch durchaus ungelegen kommen, da er die Verhandlungen über ein neues Atomabkommen belasten und die iranische Position schwächen könnte.

Loay Mudhoon

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