Anschläge auf Ägyptens christliche Minderheit

Warum gezielt gegen Kopten?

Der heimtückische Anschlag der vergangenen Woche war der jüngste in einer Welle brutaler terroristischer Attentate des IS gegen die Minderheit der koptischen Christen in Ägypten. In seinem Essay wirft der ägyptische Autor Shady Lewis Botros die Frage auf, weshalb vor allem Kopten zur Zielscheibe der Extremisten werden.

Im Dezember 1988 führten die ägyptischen Behörden einen massiven Schlag gegen die Hochburgen der "Gamaa Islamiya" ("islamische Vereinigung") im Kairoer Stadtteil Ain Shams durch, der als Ain Shams I in die Geschichte einging. Der Schlag erfolgte als Reaktion auf vier Monate gewaltsamer Auseinandersetzungen in dem Viertel nach der Ermordung von Captain Muhammad Zikri durch Mitglieder der Vereinigung.

Auslöser von Ain Shams II war die nächtliche Erstürmung der Adam-Moschee durch ägyptische Sicherheitskräfte. Infolgedessen kam es zu gezielt abgestimmten Angriffen auf koptische Kirchen, Geschäfte und Wohnungen in dem Viertel, denen zahlreiche Menschen zum Opfer fielen. Die Erstürmung der Moschee, einem Zentrum der "Gamaa Islamiya", bildete den Auftakt zu tagelangen blutigen Gewaltausbrüchen.

Die Gewalt gegen Kopten hat eine lange Geschichte. Seit dem Brandanschlag auf die Bibelgesellschaft von Ägypten im Bezirk Khanka im Norden Kairos im Jahre 1972 und dem Angriff auf die Sankt-Michael-Kirche im oberägyptischen Asyut im Jahre 1975 nehmen Angriffe gegen Kopten ständig zu. Die Unruhen erreichten 1981 im Kairoer Verwaltungsbezirk Al-Zawiya al-Hamra ihren Höhepunkt, als mehr als 80 Kopten getötet wurden, was in der ägyptischen Republik den Beginn einer neuen Gewaltwelle gegen Kopten markierte.

Rache gegen den Staat und die koptische Minderheit

Aber letztlich war die Gewalt, die nach den Unruhen von Al-Zawiya al-Hamra eskalierte, vor allem durch soziale Spannungen vor dem Hintergrund interreligiöser Konflikte ausgelöst. Es ging um Kirchenbauten, konfessionelle Übertritte und religionspolitische Streitigkeiten.

Zudem wurden die Angriffe auch von Personen durchgeführt, die nicht mit der "Gamaa Islamiya" oder ähnlichen islamistischen Gruppierungen verbunden waren. Mit Ausnahme mehrerer Angriffe auf koptische Goldschmieden, bei denen es sich meist um reine Raubüberfälle handelte, und der Ermordung oder Verfolgung koptischer Studenten an den Universitäten Oberägyptens ab Mitte der 1970er Jahre, standen die Kopten zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf der ideologischen Agenda der radikalen Islamisten.

Kopten trauern um ihre getöteten Angehörigen nach einem Anschlag des IS auf einen Bus in Minya am 26.05.2017
Terrorserie gegen Ägyptens Christen: Bei einem Angriff auf einen Bus mit Kopten wurden in der Nähe von Kairo Ende Mai 2017 mindestens 26 Menschen getötet. Ägyptens Christen waren in jüngster Vergangenheit bereits mehrfach Ziel von Anschlägen. Anfang April starben am Palmsonntag bei einem Doppelanschlag auf Kirchen in Alexandria und in Tanta mehr als 45 Menschen. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) reklamierte die Taten für sich.

Ain Shams II war ein Wendepunkt in der Geschichte der Gewalt gegen Kopten: Hier kam es zum Ausbruch unverhohlener Feindschaft allein aus Rache gegen den Staat und eine Minderheit, die sich in den Schutz der Sicherheitskräfte begeben hatte.

Die Kopten als "Nebenschauplatz"

Für jene islamistischen Gruppen, die in den Kopten zuvor kein potenzielles Ziel sahen, war die christliche Minderheit weitgehend ein Nebenschauplatz. Seit Mitte der 1970er Jahre verfolgten die Islamisten vor allem das ehrgeizige Ziel, die politische Macht zu ergreifen, und zwar entweder durch einen Staatsstreich oder über eine langwierigere "Revolutionierung der Städte", die zu einem Aufstand nach dem Muster der iranischen Revolution führen sollte.

Islamistische Organisationen infiltrierten daher die Armee, zielten auf die Übernahme militärischer Einrichtungen – wie beim Angriff auf die Militärische Fachhochschule 1974 – und ermordeten 1981 sogar den Präsidenten der Republik, Anwar al-Sadat. Darüber hinaus gelang es ihnen fast, nur wenige Tage später das Gouvernement Asyut und das dort befindliche Hauptquartier der Sicherheitspolizei zu übernehmen. Anschließend ermordeten sie den Parlamentspräsidenten und eine Reihe von Schriftstellern und Intellektuellen. Die versuchte Ermordung des Innenministers scheiterte.

Darüber hinaus dehnten sie ihre Kontrolle auf Teile des Landes aus, so beispielsweise auf die ärmeren Gebiete Kairos und auf die Gouvernements von Oberägypten und deren Universitäten. Die Kopten blieben für die Islamisten ein zweitrangiges Ziel ohne Belang für die angestrebte Machtübernahme. Selbst wenn Kopten direkt angegriffen wurden, diente das nur als Mittel zum Zweck.

Während die Angriffe auf Goldschmiede aus rein kriminellen Beweggründen und zur Beschaffung finanzieller Mittel erfolgten, ist die Gewalt gegen Kopten an Universitäten –  wie beispielsweise die Morde an der Universität Asyut – im Kontext einer breiter angelegten Gewaltkampagne islamistischer Studenten gegen Andersgläubige zu sehen. In diesem Szenario waren die Kopten einfach das schwächste Glied und ein leichtes Ziel. Man wollte damit Panik auslösen und die Universitäten unter die Herrschaft der islamistischen Gruppen bringen.

Kopten als Ziel von Vergeltungsangriffen

In den späten 1990er Jahren waren die islamistischen Gruppen nach fast zwei Jahrzehnten langwieriger Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften aufgerieben. Vor dem Hintergrund der schwindenden öffentlichen Unterstützung und der relativ erfolgreichen Bemühungen um Resozialisierung der Inhaftierten waren die islamistischen Gruppen bereit, das aus den 1970er Jahren stammende Ziel der Machtergreifung aufzugeben.

Aus dem Sinai geflohene Kopten in Ismailiya
Ausweitung der Kampfzone: Auch im Sinai rücken Kopten zunehmend ins Visier des IS. Nach wiederholten Morden an ägyptischen Christen im Norden der Sinai-Halbinsel flohen im vergangenen Februar Familien der religiösen Minderheit aus dem Gebiet. Viele von ihnen suchten Schutz in der Stadt Ismailia am Suezkanal. Die Kopten sind die größte christliche Glaubensgemeinschaft im Nahen Osten und machen etwa zehn Prozent der 90 Millionen Einwohner Ägyptens aus. Dschihadistengruppen werfen den Kopten in Ägypten vor, den Sturz des islamistischen Präsidenten Mohamed Mursi Mitte 2013 unterstützt zu haben.

Gleichzeitig fanden immer häufiger tödliche Angriffe gegen Kopten und ausländische Touristen statt, die als weiche Ziele galten. An ihnen entlud sich die Wut auf den Staat, der damit gleichzeitig bloßgestellt werden sollte. Die Übergriffe sollten zudem als Mahnung dienen, dass die Gesellschaft weiter mit der dschihadistischen Ideologie und ihren Vertretern rechnen muss. Zudem wollten ihre Anhänger damit Vergeltung üben für die unter dem Sicherheitsapparat erlittenen Demütigungen.

Der blutigen Eskalation des Sitzstreiks auf dem Rābiʿa-al-ʿAdawiyya-Platz im August 2013 folgte eine beispiellose Welle der Gewalt gegen Kirchen, koptische Geschäfte und Wohnungen in verschiedenen Gouvernements. Auch hier waren die Angriffe auf Kopten eine Vergeltungsmaßnahme gegen die Gewalt der Sicherheitskräfte und sollten im Kontext des Machtkampfes gesehen werden, aus dem die Muslimbruderschaft kurz zuvor als Gewinner hervorgegangen war.

Ganz gleich, ob die Angriffe auf Kopten mit der Behauptung gerechtfertigt wurden, die ägyptische Kirche habe den Staatsstreich vom 30. Juni 2013 gebilligt oder sogar unterstützt – die koptische Beteiligung daran war höchstens symbolisch. Auf das Kräfteverhältnis hatte sie keinen Einfluss. Die Angriffe auf Kopten lassen sich daher als Stellvertreterangriffe gegen das sogenannte "Regime vom 30. Juni" verstehen.

IS-Terror – ein anderer regionaler Rahmen

Die jüngsten Drohungen des IS in Ägypten gegen Kopten, die fortlaufenden Angriffe im Sinai, mit denen die christlich-orthodoxe Minderheit von der Halbinsel vollständig vertrieben wurde, der Anschlag in der Kirche St. Peter und Paul im Dezember 2016 in Kairo, die Palmsonntagsanschläge und der brutale Angriff auf einen mit Kopten besetzten Bus am 26. Mai 2017 erfolgten alle in einem regionalen Kontext, der sich grundsätzlich von den Gewaltakten in den 1980er Jahren unterscheidet.

Der IS in Ägypten macht ideologische Anleihen an Irak und Syrien. Doch er unterscheidet sich erheblich von der "Islamischen Vereinigung" ("Gamaa Islamiya") aus den Zeiten von Ain Shams I und Ain Shams II.  Dennoch scheinen sich die Motive hinter den Angriffen auf Kopten zu gleichen, auch wenn dies nach außen anders erscheint.

Der Einfluss des IS ist aktuell auf nur wenige Teile des Sinai begrenzt. Sein Ziel, bis ins Niltal vorzudringen, wird er kaum verwirklichen können. Daher sind die Angriffe auf Kopten nicht im Kontext islamischer Rechtstexte zu sehen, in denen die Kopten als Ungläubige bezeichnet werden. Auch erklären sie sich nicht aus der Position der Kirche gegenüber dem aktuellen Regime.

Vielmehr dienen diese Angriffe als Mittel, den Staat zu schwächen und vorzuführen. Es soll der Eindruck entstehen, das Regime sei unfähig, seine eigenen Bürger oder gar Unterstützer zu schützen. Es ist auch eine Machtdemonstration: Der IS will der Gesellschaft insgesamt zeigen, wozu er fähig ist. Zumindest will er die Bürger einschüchtern.

Trotz der blutigen Anschläge sind diese Angriffe eine geringere Bedrohung für die innergemeinschaftlichen Beziehungen in Ägypten als die Gewalt sektiererischer Gruppen gegen Kopten. Sei es wegen der Errichtung von Kirchen, konfessionellen Übertritte oder Ehen zwischen Menschen verschiedener Konfessionen. Der ägyptische Staat mag nicht für diese und andere Probleme direkt verantwortlich sein, aber er unternimmt auch keine ernsthaften Bemühungen, diese zu lösen oder ihre Ursachen zu bekämpfen.

Shady Lewis Botros

© Qantara.de 2017

Aus dem Englischen von Peter Lammers

Shady Lewis Botros ist ein in London ansässiger ägyptischer Autor und Psychologe. Sein Schwerpunkt liegt auf der Analyse der psychologischen Struktur des politischen Diskurses in der arabischen Welt.

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