Anklage gegen Orhan Pamuk

Freie Meinungsäußerung unerwünscht

Die Staatsanwaltschaft des Istanbuler Stadtbezirks Sisli hat Klage gegen den renommierten türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk erhoben. Grund: "Öffentliche Herabsetzung des Türkentums". Näheres von Gabriela Schaaf

Die Staatsanwaltschaft des Istanbuler Stadtbezirks Sisli hat Klage gegen den türkischen Schriftsteller und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Orhan Pamuk erhoben. Grund: "Öffentliche Herabsetzung des Türkentums". Näheres von Gabriela Schaaf

Foto: dpa
Im Visier konservativer Meinungsmacher und nationalistischer Kreise - der türkische Bestsellerautor Orhan Pamuk

​​Der Anlass für die jetzt erhobene Klage liegt schon einige Monate zurück: Orhan Pamuk hatte im Februar dieses Jahres in einem Interview mit einer Schweizer Zeitung über die Vergangenheit der Türkei gesprochen.

Man müsse zwar mit geschehenen Gräueltaten leben, so Pamuk, aber man solle darüber reden. In diesem Zusammenhang erwähnte er, dass 30.000 Kurden und eine Million Armenier in der Türkei umgebracht worden seien.

Geschmäht als "Vaterlandsverräter"

Schon damals hatten ihm diese Äußerungen Beschimpfungen und massive Drohungen nationalistischer Kreise und Medien eingebracht. Eine Lesereise nach Deutschland hatte er daraufhin abgesagt und sich für einige Monate in den USA aufgehalten.

Im Juni erreichte ihn dann die Nachricht, dass er mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird, der wichtigsten kulturpolitischen Auszeichnung Deutschlands.

Warum erst jetzt, Monate später, Anklage erhoben wird, erklärt sich Joachim Sartorius mit der langsam arbeitenden Bürokratie in der Türkei. Der Lyriker und Übersetzer, der für den Auswärtigen Dienst Deutschlands auch in der Türkei gearbeitet hat, wird im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse die Laudatio auf Pamuk halten.

"Bornierte und nationalistische Kreise"

Auf die Frage, wie gefährdet der international anerkannte Schriftsteller Pamuk zu diesem Zeitpunkt sei, sagte Sartorius: "Wenn Sie jetzt meinen, ob auch Gefahr für sein Leben droht, denke ich, dass man das überhaupt nicht einschätzen kann. Es gibt überall auf der Welt Fanatiker", meint Sartorius.

"Man darf aber auch nicht vergessen, dass Pamuk von den belesenen Schichten in Istanbul unglaublich geliebt wird. Wenn er dort durch die Straßen wandert, wird er ehrfürchtig begrüßt. Man darf sich jetzt nicht den Blick verstellen, dass man denkt, da ist jetzt eine unglaubliche Front gegen ihn. Es sind eben einige nationalistische und sehr bornierte Kreise."

Pamuk selbst kommt aus einer wohlhabenden bürgerlichen Familie in Istanbul, die sowohl mit der westeuropäischen Moderne als auch mit den orientalischen Traditionen vertraut ist.

Der Schriftsteller ist als Kosmopolit daraus hervorgegangen, der in seiner Literatur diese Kulturkreise immer wieder zusammenführt - mit allen Konflikten, die sich daraus ergeben, aber eben auch mit dem größten Respekt für beide.

Das hat ihm nicht zuletzt internationalen Ruhm eingebracht, und so ist es auch nachzulesen in der Begründung für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Neuer Zündstoff für türkischen EU-Beitritt

Joachim Sartorius glaubt, dass dieser Fall nochmals die Problematik des türkischen EU-Beitrittsgesuchs aufwerfen könnte:

"Ich denke, dass Orhan Pamuk ja selbst recht differenziert zu einem EU-Beitritt Stellung genommen hat und zum einen gesagt hat, dieses Land, das jetzt noch halb-demokratisch ist, muss wirklich noch einige Hausaufgaben erfüllen, bevor es an der Tür der EU klopft, auf der anderen Seite hat er sich immer diesen EU-Beitritt gewünscht, weil er meint, das würde auch jede Regierung zwingen, alle rechtsstaatlichen Reformen in die Tat umzusetzen."

Mit ihrer Anklage gegen Pamuk wegen 'öffentlicher Herabsetzung des Türkentums' hat die Istanbuler Staatsanwaltschaft jetzt erst einmal ein anderes Signal gesetzt. Der Prozess gegen den türkischen Schriftsteller soll am 16. Dezember beginnen.

Das PEN-Zentrum Deutschland wertete das Vorgehen in einer ersten Stellungnahme als "brutalen Angriff auf die Meinungsfreiheit und eines Landes unwürdig, das sich um die Mitgliedschaft in der EU bewirbt."

Gabriela Schaaf

© DEUTSCHE WELLE/DW-WORLD.DE 2005

Qantara.de

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