Angriff auf türkischen Oppositionsführer Kiliçdaroğlu

Eine Kultur der Lynchjustiz?

Der Vorsitzende der größten Oppositionspartei wurde von einem wütenden Mob attackiert und entgeht nur knapp dem Tod. Was sagt der Vorfall über die politische Kultur im Land aus? Antworten von Burcu Karakaş

Der Vorsitzende der sozialdemokratischen CHP, Kemal Kiliçdaroğlu, hatte sich am 21. April sicherlich auf einen besinnlicheren Tag eingestellt. In Cubuk, ungefähr 40 Kilometer nördlich von Ankara, nahm er an einer Beerdigung eines gefallenen Soldaten teil, der bei Kämpfen mit kurdischen Milizen ums Leben kam. Doch es kam anders:

Die Stimmung unter den Besuchern ist aufgeheizt. Als der CHP-Vorsitzende zur Beerdigung kommt, eskaliert die Situation. Eine aufgebrachte Menschenmenge attackiert den 70-Jährigen - die wilde Meute umzingelt ihn, von allen Seiten prasseln Schläge auf ihn ein, ein paar Fausthiebe treffen ihn im Gesicht.

"Brennt das Haus nieder"

Mit schmerzverzerrter Mine versucht er sich inmitten des tosenden Mobs auf den Beinen zu halten. Die Personenschützer des Oppositionsführers keilen ihn ein, um ihn von den zahlreichen Angreifern abzuschirmen. Schließlich gelingt es ihnen, in ein Haus zu flüchten.

Doch es ging weiter. Kiliçdaroğlu hatte zwei Stunden in dem Haus ausgeharrt, das von Männern belagert wurde. Einige riefen laut: "Brennt das Haus nieder."

Der Angriff sorgte in sozialen Netzwerken für große Empörung. Auf Twitter solidarisierten sich hunderttausende unter dem Hashtag #KilicdarogluYalnizDegldir (Kiliçdaroğlu ist nicht allein) mit dem türkischen Oppositionsführer. 

Ein Tweet von Eren Aysan ging besonders viral: "Bei dem Massaker in Sivas wurde mein Vater getötet. Und ich stelle fest, dass sich in den letzten 26 Jahren nichts geändert hat. Wieder heißt der Aufruf: steckt das Haus in Brand." 

Kiliçdaroğlu kein Einzelfall

Der Tweet traf einen Nerv. Denn die Worte erinnern viele Menschen in der Türkei daran, dass die Attacke bei der Beerdigung kein Einzelfall war. Der Tweet erschien plausibel, denn er stammte von der Tochter des berühmten türkischen Dichters Behcet Aysan.

Dieser kam im Jahr 1993 in der zentralanatolischen Stadt Sivas bei einem Fall von Lynchjustiz ums Leben: Am Rande eines alevitischen Kulturfestivals zündete eine religiös-fanatische Meute das aus Holz gefertigte Hotel an, indem sich überwiegend alevitische Hotelgäste aufhielten. 37 Menschen kamen bei dem Brandanschlag ums Leben.

Ein weiterer Fall von Lynchjustiz, der bei älteren Türken traurige Erinnerungen weckt, ereignete sich im Jahr 1977. In der türkischen Provinz Kahramanmaras massakrierten Rechtsextreme, die der ultranationalen MHP nahestanden, mehr als 100 Aleviten, teilweise auf offener Straße. Viele ähnliche Fälle von Lynchjustiz - besonders gegen die alevitische Minderheit - ereigneten sich seit den 1960er Jahren in der Türkei.

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.