Amos Oz' Ideenroman "Judas"

Begehr und Verrat

Im vergangenen Juni erhielt der israelische Schriftsteller Amos Oz den "Internationalen Literaturpreis" des Berliner Hauses der Kulturen der Welt für seinen Roman "Judas". Darin gelingt es dem 76-Jährigen meisterhaft, die großen Fragen und Konflikte der Religions- und Zeitgeschichte im Nahen Osten zu erzählen. Andreas Pflitsch hat das Buch gelesen.

Nachdem bekannt wurde, dass dem 1939 geborenen israelischen Schriftsteller Amos Oz und seiner deutschen Übersetzerin Mirjam Pressler für den Roman "Judas" der diesjährige "Internationale Literaturpreis für übersetzte Gegenwartsliteraturen" verliehen werden sollte, reagierten einige Feuilletons mit Kritik.

Nicht, dass dem Autor oder gar seiner Übersetzerin mangelnde Qualität vorgeworfen worden wäre, im Gegenteil: Oz, so war zu lesen, sei ein seit Jahrzehnten gut eingeführter, mit ungezählten Auszeichnungen geschmückter und zudem beim Lesepublikum beliebter Autor, der schon länger auch als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wird und darum einen Preis, wie den seit 2009 vom Berliner Haus der Kulturen der Welt vergebenen "Internationalen Literaturpreis" schlichtweg nicht benötige.

Man wäre besser beraten gewesen, schrieb etwa Gerrit Bartels im Berliner "Tagesspiegel", einen weniger bekannten Titel von der Shortlist zu würdigen, als einen Roman auszuzeichnen, der ohnehin auf den Bestsellerlisten stehe. Die Entscheidung für Oz und Pressler sei "eine sehr naheliegende, aber keine richtig gute" gewesen.

Unter der Last der Konstruktion

Die Jury des "Internationalen Literaturpreises" hatte ihre Wahl damit begründet, dass es Amos Oz in seinem Roman gelungen sei, "die großen Fragen und Konflikte der Religions- und Zeitgeschichte im Nahen Osten zu erzählen." In diesem Lob versteckt sich das Grundproblem des 2014 im hebräischen Original erschienenen Romans: Als Ideenroman ächzt er unter der Last seiner Konstruktion. Neben dem stets spürbaren Willen zur These kann sich das Erzählen kaum entfalten. Vor allem im Vergleich zu Oz' Opus Magnum von 2004, der zwar auch als "Roman" auftretenden, aber klar autobiographisch geprägten Familiensaga "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis", in der er persönliches Schicksal und politische Zeitgeschichte unangestrengt zusammengeführt hat, springt die verkrampfte Grundhaltung von "Judas" ins Auge.

Buchcover Amos Oz: "Judas", im Suhrkamp-Verlag
Liebesgeschichte und Historienroman: "Judas" ist ein faszinierend schillernder, virtuos komponierter und unbedingt lesenswerter Text.

Die Geschichte spielt im Winter 1959/60 Jahren in Jerusalem. Der israelische Staat ist noch jung, alles scheint möglich und noch ist nichts gefestigt. Der 25-jährige Held des Romans, der Idealist Schmuel Asch, hat über Jesus Christus aus jüdischer Perspektive geforscht und leistet, nachdem er von einer Lebenskrise durchgeschüttelt wurde, dem greisen, aller Religion und aller Ideologie äußerst skeptisch gegenüberstehenden Gerschom Wald Gesellschaft. Dessen Schwiegertochter Atalja Abrabanel, eine verbitterte 45-jährige Witwe, ist die dritte im Bunde.

Wald ist Anhänger des israelischen Staatsgründers David Ben Gurion, Ataljas verstorbener Vater Schealtiel Abrabanel wiederum – der gewissermaßen als Geist den vierten Protagonisten des Romans darstellt – war ein Mitstreiter Ben Gurions, der schließlich mit dem Zionismus brach, weil er die Staatsgründung für zu gefährlich hielt und einen ewigen blutigen Krieg zwischen Juden und Arabern heraufziehen sah.

Das mit dem Titel "Judas" gesetzte Thema des Verrats und des Verräters entfaltet sich in dieser Konstellation und wird parallel gesetzt mit einer originellen Neuinterpretation der Verratsgeschichte an Jesus Christus.

Hochspannendes Spektrum politischen Denkens

Das sich in den Dialogen der Protagonisten – die mehr als Träger von Ideen und Ideologie fungieren denn als literarische Figuren mit Brüchen und innerer Entwicklung – entfaltende Spektrum politischen Denkens ist hochspannend.

Kluge und anregende religionswissenschaftliche Exkurse zu Judas Ischariot und die Funktion der Judasgeschichte als Urgeschichte des Antisemistismus, hellsichtige Analysen der seit Jahrzehnten hoffnungslos verfahrenen Situation zwischen Israelis und Palästinensern, prägnante Schilderungen neuralgischer Punkte der israelischen Geschichte und Ansätze zu einer Liebesgeschichte: All das zusammengenommen macht aus "Judas" zwar keinen gelungenen Roman, aber einen faszinierend schillernden, virtuos komponierten und unbedingt lesenswerten Text, den mit dem "Internationalen Literaturpreis für übersetzte Gegenwartsliteraturen" auszuzeichnen vielleicht doch keine ganz schlechte Entscheidung war.

Andreas Pflitsch

© Qantara.de 2015

Amos Oz: "Judas", aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, Suhrkamp-Verlag, Berlin 2015, 332 Seiten, ISBN: 978-3-518-42479-7

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