Amira Hass: Tagebücher aus Palästina

Morgen wird es noch schlimmer

Die israelische Journalistin Amira Hass lebt in Ramallah, wo sie als Korrespondentin für die Tageszeitung Ha'aretz tätig ist. Fünf Jahre lang schickte sie einer italienischen Redaktion ihre Tagebucheinträge, die jetzt in Buchform erschienen sind. Von Catherine Cornet

Die israelische Journalistin Amira Hass lebt in Ramallah, wo sie als Korrespondentin für die Tageszeitung Ha'aretz tätig ist. Fünf Jahre lang schickte sie einer italienischen Zeitungsredaktion ihre Tagebucheinträge, die jetzt in Buchform erschienen sind. Von Catherine Cornet

Foto: &copy Babelmed.net 2005
Couragiert und schonungslos beschreibt Amira Hass, welche Spuren die Besetzung im Leben der Menschen hinterlässt.

​​Der Blick von Amira Hass ist eindringlich - ein müder, aber auch entschlossener Blick. Hinter ihren schmalen runden Brillengläsern bewegen sich die Augen schnell hin und her, so als suchten sie ständig nach Worten und Bildern, um die ihr gestellte Frage so präzise wie möglich zu beantworten.

Sie hat keine Angst, dass es jemandem missfallen könnte, wenn sie berichtet, was sie gesehen oder gehört hat und was sie darüber denkt. Amira ist israelische Jüdin und arbeitet für die Zeitung Ha'aretz. Sie ist die einzige Journalistin in ihrem Land, die die Nachbarn, über die sie schreibt, auch tatsächlich kennt.

Morgen wird es noch schlimmer

Der neue italienische Verlag "Fusi Orari", der zu der italienischen Zeitung "Internazionale" gehört, hat jüngst ihre zwischen 2001 und 2005 geschriebenen Briefe aus Palästina und Israel veröffentlicht. Der Titel nimmt kein Blatt vor den Mund: "Morgen wird es noch schlimmer."

Die Adressatin dieser Briefe ist die italienische Redaktion, der sie jede Woche einen solchen Tagebucheintrag schickte. Auf weniger als einer Seite dekonstruiert sie mit äußerster Prägnanz fast das gesamte politische Gerüst, an dem sich die israelischen, palästinensischen und internationalen Medien normalerweise bei ihrer Berichterstattung festhalten.

Lieber bleibt sie mit ihrer Analyse auf dem Boden der Tatsachen, schließlich sind Grund und Boden in Palästina der wesentliche politische Konfliktpunkt, meint Amira Hass.

Bei dem, was die Israelis die "Situation" nennen, geht es im Grunde darum, wer welches Gebiet besetzt hält. Der größte strategische Fehler der palästinensischen Regierung war es, so Hass, in den Verhandlungen mit Israel die politische Autonomie über die gerechte Aufteilung von Grund und Boden zu stellen:

"Was hat man von einer Regierung ohne ein klar definiertes Verwaltungsgebiet?", fragt sie. Bodenständig ist das, was sie schreibt, aber auch deshalb, weil sie vor Ort die Augen offen hält.

Privilegien hinterlassen einen bitteren Beigeschmack

Sie berichtet über Gespräche unter Nachbarn, porträtiert einen jungen israelischen Soldaten an einem Checkpoint oder einen militanten Fatah-Aktivisten. Sie zeigt ihren Lesern einen Künstler aus Jordanien, der auf der Suche nach seinen Wurzeln ist, stellt ihre Freunde in Jerusalem vor oder einen Taxifahrer, der beide Seiten kennt.

Sie entwirft eine Landkarte zwischenmenschlicher Konflikte und zeigt die Spuren auf, die die Besetzung im täglichen Leben der Menschen hinterlässt.

Sowohl israelische als auch palästinensische Gebiete kennt sie gut: Wenn sie von ihrem Wohnort in Ramallah aus nach Gaza, Rafah oder Bethlehem aufbricht, durchquert sie ganz Cisjordanien.

Mit ihrem israelischen Pass kann sie auch zurück nach Jerusalem oder Tel Aviv, um etwas von der Atmosphäre mitzubekommen, die auf der anderen Seite herrscht.

Privilegiert zu sein, hinterlässt einen bitteren Beigeschmack
Der erste Brief, der sich in dem Buch findet, stammt vom 9. Februar 2001 und endet so: "Bewegungsfreiheit ist ein Recht, das den Palästinensern nicht erst seit dieser Intifada vorenthalten wird, sondern seit 1991.

"Frei bewegen darf man sich nur mit israelischer Erlaubnis", erklärt Hass, "selbst in einer palästinensischen Stadt habe ich als israelische Staatsbürgerin das Recht, zu kommen und zu gehen, wohin es mir beliebt. Schließlich bin ich Jüdin, doch derart privilegiert zu sein, hinterlässt einen bitteren Beigeschmack." Dieser Satz zeigt, wie wichtig ihre Anwesenheit in den besetzten Gebieten ist.

Ihre Abscheu davor, von der faktischen Apartheid in ihrem Land zu profitieren, gibt ihr die nötige Energie, ihren privilegierten Status als Journalistin optimal auszunutzen.

Sie berichtet über alles - weil sie zu den wenigen gehört, die die Möglichkeit dazu haben. Ihre moralische und politische Haltung wurzelt in diesem Entschluss, obwohl sie nichts so sehr hasst wie Privilegien.

Realitätssinn und freie Meinungsäußerung

Vielen Leuten gefällt das nicht, aber das scheint sie nicht im Geringsten zu stören. In ihrem Brief vom 6. April 2001 schreibt sie über einen ihrer Artikel für die Zeitung Ha'aretz, in welchem sie das Verhalten einiger Mitglieder der palästinensischen Regierung kritisierte, die noch immer an ihren Luxus-Privilegien hängen, die sich korrumpieren lassen - und das, während die Bevölkerung im Gazastreifen israelische Strafmaßnahmen hinnehmen musste.

Daraufhin bekam sie erst einen Anruf von einem Zivilbeamten der PLO, der über ihren Artikel enttäuscht war. Zwei Tage später dann meldete sich ein israelischer Zivilbeamte und gratulierte ihr zu dem Artikel und ihren Schlussfolgerungen, schließlich übermittelte ein palästinensischer Aktivist aus Ramallah ihr seine Glückwünsche.

Was soll eine Journalistin daraus für Schlüsse ziehen? Obwohl sie eine Gegnerin der gegenwärtigen israelischen Politik ist, schlägt sie sich nicht blindlings auf die Seite der Palästinenser in den besetzten Gebieten: "Mein Ziel? Ich will beschreiben, was ich sehe und was in mir vorgeht."

Das Recht der freien Meinungsäußerung ist zweifellos dasjenige Privileg, von dem sie am liebsten Gebrauch macht. In dem erwähnten Artikel wollte sie zum Beispiel auch erklären, "worüber Palästinenser untereinander sprechen, innerhalb eines auf der Grundlage mündlicher Rede funktionierenden demokratischen Systems, über das in der Presse leider so gut wie nie berichtet wird."

Schreiben gegen das Verdrängen

Als Lili Gruber, die italienische Journalistin, die Hass' Buch in Rom der internationalen Presse vorstellte, die Autorin fragte, ob es nicht schwierig sei, im eigenen Land wie eine Verräterin zu leben, kam Amira Hass erneut auf Privilegien zu sprechen – solche, die sie zwar abstießen, von denen sie jedoch ausgiebigen Gebrauch mache.

Als erstes nannte sie das Recht der Bewegungsfreiheit, eines der fundamentalsten und im täglichen Leben in Palästina symbolträchtigsten Rechte überhaupt.

Tatsächlich übertrete sie in einer Art und Weise Grenzen, wie es sich nur wenige erlauben könnten – wenn sie überhaupt bereit sind zuzugeben, dass es sie gibt.

Wenn ein israelischer Soldat sie beispielsweise an einem Checkpoint frage: "Was machen Sie hier?", dann frage sie einfach zurück: "Und was machen Sie hier?" Sie beschreibe, anders gesagt, die Mauer des Missverständnisses, die zwischen den beiden Ländern in den Himmel rage.

Wenn sie Freunde im westlichen Jerusalem besucht, ist nie die Rede von israelischer Aggression. Wenn sie hingegen nach Ramallah kommt, ist sie gar nicht zu übersehen. Dann wundert sie sich darüber, warum in Israel die Restaurants und Cafes voller Leute sind und so friedlich aussehen. Und täglich schreibt sie ein paar Zeilen, damit ihre Landsleute nicht vergessen, dass die Wirklichkeit auch noch eine andere Seite hat.

"Morgen wird es noch schlimmer" – ist dieser Buchtitel Ausdruck eines persönlichen Pessimismus, oder basiert er auf ihrer Analyse der gegenwärtigen Lage? Amira Hass antwortet darauf schlicht: "Ich glaube, der Satz stimmt, doch ich hoffe, dass er eines Tages nicht mehr stimmen wird." Sie bleibt Optimistin.

Catherine Cornet

© Babelmed.net 2005


​​Das Buch von Amira Hass "Morgen wird es noch schlimmer" ist auf Italienisch unter dem Titel "Domani andrà peggio. Lettere da Palestina e Israele, 2001-2005" im Verlag "Fusi Orari" erschienen und kostet 15 Euro.

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