Amin Maalouf

Ein Nomade zwischen Orient und Okzident

"Die Spur des Patriarchen", heißt die jüngst ins Deutsche übersetzte Familienchronik des libanesischen Schriftstellers Amin Maalouf. Maaloufs Vorfahren waren einmal Nomaden, heute ist die Familie Maalouf über alle Welt verteilt. Brigitte Neumann hat den Autor getroffen.

Amin Maalouf; Foto: dpa
Amin Maalouf gilt hierzulande als anerkannter Spezialist für Fragen der arabischen Welt und der Beziehungen zwischen Okzident und dem Nahen Osten

​​Sein neues Buch "Die Spur des Patriarchen" ist ein wahrlich seltsames Ding. Ein Zwitter. Einerseits eine Hommage an die Dichter, Denker, Lehrer und Aufklärer der Familie Maalouf im Libanon des 19. und 20. Jahrhunderts. Besonders an den eigensinnigen und feinen Botros, Direktor einer Schule für Kinder aller Religionen in den Bergen Libanons.

Andererseits ist dieses Buch ein Zeugnis der Distanz zu eben dieser Familie. Zwar hat Amin Maalouf jahrelang in aller Welt nach ihren Spuren geforscht, kofferweise halbwegs zerfallene Briefe und Gedichte in Schulheften entziffert, in schimmligen libanesischen Dorfhütten genächtigt, nur weil dort einst Onkel Botros wohnte, aber eine richtige Zuneigung wollte sich offenbar nicht einstellen.

"In der Literatur ist meine Familie für mich Heimat, aber in der Realität meiner Existenz ist sie kein bestimmender Faktor", so der 1949 im Libanon geborene Maalouf, der seit 1976 als Journalist und Schriftsteller in Paris lebt.

"Ich gehöre nicht wirklich einer Familie an. Ich mag die Idee dieser Familie, die in alle Welt verstreut lebt. Eine Idee, die mir intellektuell und emotional gut gefällt, aber ich fühle mich ihr nicht zugehörig. Ich bleibe den großen Zusammenkünften der Familie lieber fern. Es bleibt für mich ein eher anekdotisches Phänomen. Es hat einen kleinen Platz in meiner Vision der Dinge, mehr aber auch nicht."

Schwere Lektüre

Schon auf der ersten Seite seiner Familienchronik gibt Maalouf den Ton vor: ‚Ein Baum braucht Wurzeln, der Mensch nicht. Der Mensch hat Füße, damit er gehen kann.' Amin Maalouf ist gegangen. Kurz nach Beginn des libanesischen Bürgerkriegs zog er mit seiner Frau und den drei Kindern von Beirut nach Paris.

"Die Spur des Patriarchen" ist schwere Lektüre, sie leidet unter der Leidenschaftslosigkeit, mit der ein eigentlich begnadeter Geschichtenerzähler die betrachtet, von denen er abstammt. Vielleicht auch unter der Distanziertheit eines Autors, der eigentlich keiner Gemeinschaft angehören möchte.

"Ich schaffe es einfach nicht, eine Gesellschaft zu betrachten mit ihren Kungeleien, ihren Spielen, ihren faulen Kompromissen und dann zu sagen: Was ist schon dabei? So sind die Leute eben! Nein, ich kann das nicht akzeptieren", bekennt der 56-Jährige. "Also habe ich immer den Hang dazu, lieber außerhalb zu bleiben. Das ist kein schönes Gefühl. Es schmerzt.

"Manchmal habe ich den Wunsch, mich eins zu fühlen mit der Mehrheit, ich habe Lust, mittendrin zu sein. Aber ich weiß, dass es so einen Moment für mich nie geben wird. Also bleibe ich ein Fremder - überall - in Europa, und wenn ich zurückkehren würde in den Libanon, wäre ich dort ebenfalls ein Fremder.

"Ich versuche damit klarzukommen, indem ich mir sage: Wir leben in einer Welt, in der jeder Mensch sich letztlich als Fremder fühlt, als Angehöriger seiner eigenen Minorität. Und einer, der beschließt, als Schriftsteller zu leben, ist allemal außen vor. Deshalb ist die Literatur heute für mich eigentlich die einzige Heimat, die ich habe."

Graben zwischen den Kulturen

Amin Maalouf gilt hierzulande als anerkannter Spezialist für Fragen der arabischen Welt und der Beziehungen zwischen Okzident und dem Nahen Osten. Die seit mehr als zehn Tage andauernden Krawalle junger Maghrebiner in französischen Vorstädten sind seiner Meinung nach eine Folge des sich ständig vertiefenden Grabens zwischen den Kulturen.

Amin Maalouf war Chefredakteur der libanesischen Wochenzeitschrift Al-Nahar International sowie des Magazins Jeune Afrique;
während des Vietnamkriegs und der Islamischen Revolution arbeitete er als Kriegsbericht-erstatter.Gemeint ist die Kluft zwischen denen, die eine Chance haben und denen, die sich auf dem Abstellgleis der Gesellschaft sehen. Jeder Dritte in den französischen Vorstädten unter 25 ist ohne Arbeit.

Aber - so Maalouf - es gibt auch eine global antiwestliche Dimension der Krawalle. Und schließlich wird der Graben zwischen den Kulturen dadurch zementiert, dass man nicht mehr miteinander redet.

Die Hoffnung des Westens, es möge endlich ein Zeitalter der Aufklärung über die muslimische Welt kommen und den Menschen Lust auf Modernisierung und Demokratie machen, wird von vielen lange schon vergeblich gehegt. Briefe Maaloufs Urgroßvaters Botros, geschrieben Ende des 19. Jahrhunderts zeugen davon:

Opposition gegen den Westen

"Mein Großvater hatte eine ähnliche Einstellung wie Atatürk: Man muss nur die Leute ein wenig anstoßen, die Gesetze verbessern und dann wird die Modernisierung schon automatisch kommen. Sie ist aber nicht gekommen. Denn man hat den Graben unterschätzt, der sich zwischen Orient und Okzident aufgetan hatte.

​​"Hinzu kommt auch, dass sich in einer gewissen Ära die arabisch-islamischen Eliten sehr von dem sowjetischen Gesellschaftsmodell angezogen fühlten. Nicht, weil sie deren Ideologie so umwerfend gefunden hätten, sondern aus Opposition zu den Kolonisatoren. Sie versuchten, ihre Rechnung mit dem Westen auf diese Art und Weise zu begleichen.

"Letztendlich sind diese Eliten von Marokko bis Indonesien, die eine weltliche Gesellschaft wollten, allesamt in die Falle des Kommunismus getappt. Heute ist das sowjetische Regime verschwunden und die mit ihm verbundenen Modernisierungseliten der arabisch-muslimischen Welt ebenfalls. Und was ist an deren Stelle gerückt? Die Islamisten."

Die Idee, er - als ein Symbol für gelungene Integration - könne vielleicht auf die eine oder andere Weise als Vermittler zwischen den Fronten wirken, quittiert Amin Maalouf mit erstauntem Lachen. Seine Aufgabe sei es, zu denken und zu erzählen. Für einen Kampf mit der entfesselten Wirklichkeit sei er nicht geeignet.

Brigitte Neuman

© DEUTSCHE WELLE/DW-WORLD.DE 2005

Amin Maalouf: Die Spur des Patriarchen - Geschichte einer Familie, aus dem Französischen von Ina Kronenberger, 475 Seiten, Insel Verlag, 24.80 Euro

Amin Maalouf hat bisher sieben Romane veröffentlicht, seine Werke sind in etwa fünfundzwanzig Sprachen übersetzt. Sein erstes Buch, "Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber", erschienen 1983, ist zu einem Standardwerk geworden. Für "Der Felsen des Tanios" hat er den Prix Goncourt erhalten. Für "Die Spur des Patriarchen" erhielt Amin Maalouf den Prix Méditerranée.

Qantara.de

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Informationen über das Buch beim Insel Verlag

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