Ali Abdullah Salih und der Konflikt im Jemen

Lockruf der Macht

Noch während des "Arabischen Frühlings" sah sich Jemens damaliger Präsident Ali Abdullah Salih einer breiten Protestfront gegenüber und musste schließlich zurücktreten. Doch seine skrupellose Bündnispolitik könnte ihm erneut zur Macht verhelfen. Von Neville Teller

Im Jemen – so wie fast überall im Nahen Osten – findet ein Kampf des Islams gegen sich selbst statt. Während die fundamentalistisch-sunnitische Herrscherfamilie in Saudi-Arabien und die ebenso kompromisslosen schiitischen Revolutionshüter im Iran ihren mörderischen Streit ausfechten, definiert die Grenzlinie zwischen der schiitischen und sunnitischen Islamauslegung den Konflikt – wie auf vielen Schlachtfeldern der Region.

Im Jemen ist die Angelegenheit allerdings besonders kompliziert. Hier kämpfen nicht einfach zwei gegnerische Kräfte gegeneinander. Hier sind nicht weniger als sechs Hauptakteure am Konflikt beteiligt. Die Motive jedes einzelnen Akteurs erzeugen ein Wirrwarr an konkurrierenden Zielen und einen Zickzackkurs durch sunnitische und schiitische Positionen.

Im Einzelnen handelt es sich um folgende Antagonisten: Die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen, den rechtmäßigen Präsidenten Abd-Rabbu Mansour Hadi, "Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel" (AQAP), den "Islamischen Staat" (IS), Saudi-Arabien und – ziemlich überraschend – den ehemaligen, langjährigen Präsidenten des Jemen, Ali Abdullah Salih. Dieser wurde 2012 im Zuge des "Arabischen Frühlings" aus dem Amt gedrängt. Auch er will künftig wieder eine führende Rolle in seinem Land spielen.

Salihs Zweckbündnis mit den Huthis

Was die ohnehin komplexe Lage noch unüberschaubarer macht, ist die erstaunliche Allianz zwischen Salih, dem die jemenitischen Sicherheitskräfte weiterhin loyal ergeben sind, und den Huthis, deren chronische Konflikte zu den Aufständen und letztlich zur Teilung der Nation führten. Die Verbindung zwischen Salih und den Huthis ist nicht mehr als eine Zweckehe. Immerhin haben die Huthis gegen das Salih-Regime zwischen 2004 und 2011 nicht weniger als sechs Kriege geführt, die letztlich in einen Volksaufstand mündeten, der Salih die Macht kostete. Allerdings handelt es sich um eine Allianz, die zumindest für Salih erneut den Weg zur Macht ebnen könnte.

Salih setzt darauf, seinen ehemaligen Stellvertreter und heutigen Präsidenten Hadi sowie die seit Februar im Amt befindliche Regierung absetzen zu können. Während des "Arabischen Frühlings" sah sich der damalige Präsident Salih einer breiten Protestfront gegenüber. Da er die Stabilität nicht wiederherstellen konnte, trat er widerwillig zurück und übergab die Macht an seinen bisherigen Stellvertreter Hadi. Der neue Präsident übernahm das Land in einem chaotischen Zustand. Als die Huthis im September 2014 die Hauptstadt Sanaa einnahmen und eine Interimsregierung einberiefen, floh Hadi nach Aden und von dort am 26. März 2015 weiter nach Saudi-Arabien.

Jemens Präsident Abd-Rabbu Mansour Hadi; Foto: Getty Images/S. Gallup
Im politischen Abseits: Die Huthis haben Jemens Amtsinhaber Abd-Rabbu Mansour Hadi aus Sanaa vertrieben und halten dem früheren jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Salih die Treue. Seit der von Saudi-Arabien angeführten Militärintervention der Koalition im März 2015 wurden allein in diesem jüngsten Konflikt nach UN-Angaben mehr als 6.600 Menschen getötet, die meisten davon Zivilisten.

Mit seinem Eintreffen in Saudi-Arabien begannen die saudischen Luftangriffe auf die Huthis. Die Saudis reagierten damit auf die anhaltende Unterstützung der Huthis durch den Iran. Sie fürchteten eine schiitische Machtübernahme an ihrer südlichen Grenze und kamen daher dem angeschlagenen Präsidenten des Jemen zu Hilfe. Die Arabische Liga segnete auf ihrem Gipfel anschließend die saudische Intervention ab. Zehn Nahoststaaten bündelten mit Saudi-Arabien ihre Kräfte im Kampf gegen die Huthis und zur Wiedereinsetzung des Präsidenten Hadi.

Akteure im jemenitischen Bürgerkrieg

Wofür stehen die übrigen Konfliktparteien?

"Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel" (AQAP) wurde Anfang 2009 gegründet. Einer der Anführer war Nasser al-Wuhayshi, ein jemenitischer Weggefährte von Osama Bin Laden. Obwohl AQAP eine durch und durch sunnitische Organisation ist, verfolgt sie langfristig das Ziel, die saudische Monarchie und die jemenitische Regierung zu stürzen und auf der Arabischen Halbinsel ein islamisches Kalifat zu errichten. Die AQAP bekämpft somit sowohl die schiitischen Huthis als auch den sunnitischen Präsidenten Hadi.

Der kürzlich gegründete jemenitische Ableger des "Islamischen Staates" ist ebenso sunnitisch und fundamentalistisch wie die AQAP, will jedoch Al-Qaida aus der Region verdrängen. Zur Ausdehnung des Einflussbereichs ihrer Dachorganisation auf die Arabische Halbinsel steht sie nicht nur gegen die schiitischen Huthis, sondern auch gegen die Anti-Huthi-Allianz unter Führung von Saudi-Arabien, gegen die sunnitische AQAP und gegen den sunnitischen Präsidenten Hadi.

Und wofür stehen die Huthis, mit denen Ex-Präsident Salih sich im Kampf um die Kontrolle des Landes zusammengeschlossen hat? Sie bilden eine fundamentalistisch-schiitische Gruppe, die sich nach dem religiösen und politischen Führer Hussein Badreddin al-Huthi benannt hat. Dieser entfachte 2004 einen Aufstand gegen die Regierung und wurde noch im selben Jahr von der jemenitischen Armee getötet. Die Grundsätze der Organisation finden sich in Kurzform auf deren Fahne wieder: Fünf Slogans auf Arabisch. Der erste und letzte in grün, die mittleren drei in rot. Sie lauten:

Infografik Jemenkonflikt; Foto: DW
Gespaltene Nation: Die Huthi-Rebellen regierten den Norden Jemens von 1918 bis 1962. Seit 2004 kämpfen sie gegen die jemenitische Regierung und Al-Qaida-Gruppen. Im September 2014 eroberten sie die Hauptstadt Sanaa. Al Qaida-Gruppen agieren seit 2009 im Jemen. Bei den Massenprotesten im Zuge des "Arabischen Frühlings" im Jahr 2011 gegen den ehemaligen Präsidenten Jemens Salih gründete sich zudem die Al-Qaida nahe Gruppe Ansar al-Sharia, die das Gebiet um die Provinzen Abyan und Shabwa kontrolliert.

"Gott ist groß!

Tod den USA!

Tod Israel!

Verdammt seien die Juden!

Sieg dem Islam!"

Die Huthis werden seit Jahren von der Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarden mit Waffen und militärischem Gerät unterstützt. So konnten sie große Teile des Landes unter ihre Kontrolle bringen – auch die Hauptstadt Sanaa. Die mittlerweile fast zweijährige Intervention der von den Saudis angeführten Koalition konnte daran bislang nichts ändern.

Annäherung an Moskau

Der Brutalität, mit der diese Koalition vorgeht, sind inzwischen 9.000 Menschen zum Opfer gefallen. Mehr als 2,8 Millionen haben ihr Zuhause verloren. Große Teile der Bevölkerung wandten sich daraufhin von der Regierung ab, was Salih in die Hände spielt, der diesen Vorteil geschickt ausnutzt.

Am 21. August 2016 erklärte Salih in einem Interview mit dem staatlichen Fernsehen Russia24, dass "die neue Regierung" Russland den Zugang zu allen jemenitischen Militärstützpunkten erschließen werde. Mit der "neuen Regierung", also dem Ergebnis der förmlichen Allianz zwischen dem Revolutionskomitee der Huthis und der Partei von Salih – dem Allgemeinen Volkskongress – ist ein zehnköpfiger oberster politischer Rat gemeint, der am 6. August gegründet wurde.

Anti-Huthi-Rebellen in der Nähe von Aden; Foto: Reuters
Im Griff der rivalisierenden Mächte: Im Jemen tobt seit rund zwei Jahren ein Bürgerkrieg. Huthi-Rebellen aus dem Norden des Landes haben große Teile des Jemens überrannt. Die Hafenstadt Aden steht unter Kontrolle von Kräften, die an der Seite der Regierung kämpfen. Dort kommt es immer wieder zu Anschlägen des Al-Qaida-Netzwerks oder der rivalisierenden IS-Miliz. Die USA haben sich in den Konflikt im Jemen mit zahlreichen Drohnen-Angriffen eingeschaltet. Seit März 2015 wurden in diesem Konflikt mehr als 6.600 Menschen getötet.

"Wir sind bereit, sämtliche Einrichtungen der Russischen Föderation zu überlassen", so Salih. "Wir reichen Russland unsere Hand im Kampf gegen den Terrorismus."

Dies war ein offenkundiger machtpolitischer Schachzug. Er erteilte damit der von den USA unterstützten saudischen Koalition eine Abfuhr. Gleichzeitig lockte er Russlands Präsident Wladimir Putin mit der Aussicht auf eine Stärkung der russischen Position im Nahen Osten. Dies auch mit Blick auf die Rolle Russlands im syrischen Bürgerkrieg.

Salih nutzt auch Auftritte im Fernsehen für eine Verurteilung der saudischen Militärintervention. So gelang es ihm, die öffentliche Meinung des Landes hinter sich zu bringen. Die jüngsten Bombardements trafen u. a. Schulen, Märkte und Krankenhäuser, weshalb sich mittlerweile auch das US-Militär zunehmend von dem Krieg distanziert. Die französische Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" zog sich mittlerweile aus sechs Krankenhäusern zurück, nachdem 19 Menschen der Bombardierung eines Hospitals zum Opfer gefallen waren.

Die Öffentlichkeit wendet sich gegen die von den Saudis geführte arabische Militärallianz und unterstützte Mitte August in Massendemonstrationen die neue Allianz zwischen den Huthis und Salih. Eine von den USA angeführte Friedensinitiative sieht mittlerweile eine Regierung der nationalen Einheit unter Einbeziehung der Huthis vor. So könnte Salih mit seinen Comeback-Plänen doch noch erfolgreich sein.

Neville Teller

© MPC-Journal 2016

Aus dem Englischen von Peter Lammers

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