Algerischer Hip-Hop

Rebellion gegen das Schweigen

In Algerien hat sich eine lebendige und selbstbewusste Rapszene entwickelt, die die Missstände in dem Maghrebstaat bis heute konsequent kritisiert. Über die politische Dimension des algerischen Rap berichtet Arian Fariborz.

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CD-Cover "Rabah Président" der algerischen Hip-Hop-Gruppe "Le Micro Brise la Silence"

HipHop als Jugend- und Protestkultur ist im heutigen Algerien in fast jeder Metropole allgegenwärtig. Seit den 90er Jahren hat sich der Musik-Virus von der Hauptstadt Algiers rasch in andere Städte wie Oran, Constantin oder Annaba und mittlerweile bis in entlegene kabylische Dörfer verbreitet. Dies ist insofern besonders bemerkenswert, zumal sich HipHop als Ausdrucksform der Jugend trotz der äußerst widrigen Bedingungen im Algerien der letzten 20 Jahre durchgesetzt hat.

Das Mikrofon bricht die Stille

Algeriens HipHop-Musikern geht es bis heute darum, die politische Misere ihres Landes offen anzuprangern, "die Stille zu brechen", wie Rabah Ourrad, Lead-Sänger der bekannten HipHop-Gruppe "Le Micro Brise Le Silence" (MBS), betont: "Als wir antraten, ging es uns sehr um politische und soziale Inhalte. Wir haben das gemacht, weil Krieg herrschte. Für die Künstler wurde das Leben sehr schwierig, alle verließen Algerien und kamen nach Frankreich, um dort aufzutreten." In den 90er Jahren sei Algerien in kultureller Hinsicht völlig verarmt, erklärt Ourrad: "Es herrschte künstlerischer Stillstand – es gab keine Shows, keine Auftritte, keine CDs - nur schlechte Rai-Musik. Wir sind damals angetreten, diese Stille zu brechen, etwas Neues zu machen, etwas sehr Politisches und Engagiertes."

Die Unruhen von 1988 als Geburtsstunde des Rap

Die Geburtsstunde des algerischen Rap fällt auf den 5. Oktober 1988: Damals gingen Tausende Schüler undjunge Arbeitslose gegen die Erhöhung der Lebensmittelpreise und das marode Bildungssystem unter Präsident Chadli Benjedid auf die Barrikaden und begannen sich zu politisieren. Doch die Staatsmacht reagierte mit äußerster Härte auf das Aufbegehren der revoltierenden Jugendlichen. Während einer mehrtägigen, regelrechten Menschenjagd von Einheiten der Armee auf friedliche Demonstranten in der Hauptstadt Algiers wurden über 500 bis Tausend Menschen getötet. Es war ein gewaltiger Schock vor allem für die jüngere Generation – denn zum ersten Mal schoss die Volksarmee, das Symbol des nationalen algerischen Unabhängigkeitskampfes, gegen die eigene Bevölkerung.

Touat M'hand von der Band MBS erinnert sich: "1988 waren wir noch ziemlich jung. Wir haben es mitbekommen durch unsere Brüder, die auf die Straße gegangen sind, um zu protestieren. Seit diesem Zeitpunkt haben wir politische Zusammenhänge begriffen und erkannt, dass die Dinge falsch laufen. Vorher haben wir keine politischen Ideen oder Meinungen vertreten, aber seit diesem Datum haben wir die Sachen beim Namen genannt und sie aufgeschrieben." So thematisierte die Hiphop-Band "Hamma" ihre Eindrücke von den Oktober-Unruhen in ihrem Song "Das algerische Märchen" – L'Algerie le conte des fées: Darin geht es um die Jugendlichen vom Oktober 1988, die sich fortan "Oktobermärtyrer" nannten – im polemischen Gegensatz zu den "November-Märtyrern" – der älteren Generation, die den Unabhängigkeitskrieg gegen die französische Kolonialmacht geführt hatte.

Die "Märtyrer von Bab el-Oued"

Doch diese besaßen für die Jugend nun nicht mehr das Monopol des Martyriums, da sie inzwischen auf der anderen Seite der Barrikaden standen. Gegen diese ältere Generation führte die algerische Jugend nun ihre eigenen Helden ins Feld: "Die Märtyrer von Bab el-Oud" – Schüler und Studenten aus einem verarmten Stadtteil Algiers. Anfang der 90er Jahre formierten sich die drei Pionier-Bands "Intik", "Hamma" und "Le Micro Brise Le Silence", um ihrem Protest gegen die staatliche Entmündigung und die soziale Misere ihres Landes Ausdruck zu verleihen – mit Songs gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, gegen die Ungerechtigkeit der Justiz und die Arroganz der Macht.

Doch nach dem so genannten "algerischen Frühling" – einer relativ kurzen Phase der Demokratisierung und der Abschaffung des autoritären Einparteiensystems in Algerien – folgte ein weiteres düsteres Kapitel in der Geschichte des Maghrebstaats: Der Ausbruch des Bürgerkriegs 1992, der bewaffnete Konflikt zwischen radikalen Islamisten und der Armee, der den Musikern erneut Stoff bot, in einem "Klima der Angst" das Schweigen zu brechen und gegen Willkür und Gewalt zu rappen.

"Sprich und stirb!"

Doch der Bürgerkrieg zwischen radikalen Islamisten und der Staatsmacht zog immer weitere, blutige Kreise. Ein Konflikt, in dem die Zivilbevölkerung immer mehr zwischen die Fronten geriet und zur Geisel der verfeindeten Parteien wurde. In diesem schmutzigen Krieg – den marodierenden Milizen, der Nacht-und-Nebel-Massaker und Liquidierungen – war die Bevölkerung das eigentliche Opfer. In einer Atmosphäre der Angst und Gesetzlosigkeit stießen die kritischen Töne der algerischen HipHop-Gruppen nicht nur beim algerischen Establishment und der inländischen Musikindustrie auf Ablehnung, berichtet Touat M'hand von der Band MBS: "Während des 'schwarzen Jahrzehnts', wie einige diese Zeit nennen, spielte es in Algerien keine Rolle, ob man Künstler war oder Polizist. ALLE hatten Angst vor den Extremisten oder vor den Aktionen der Armee. Es gibt da ein Zitat des großen algerischen Schriftstellers Tahar Djaout, der während des Bürgerkriegs 1993 ermordet wurde. Er hat einmal gesagt: 'Wenn du schweigst dann stirbst du, wenn du sprichst, stirbst du auch; also sprich und stirb!'"

"Rabah Président" als Mediencoup

Obwohl der algerische Bürgerkrieg seit der Amnestie islamischer Extremisten unter Präsident Bouteflika vom Juli 1999 als beendet gilt, hören Algeriens Rap-Musiker nicht auf, die politischen Missstände in ihrem Land zu kritisieren. Einer ihrer couragiertesten Köpfe ist Rabah Ourrad von MBS. Mit schwärzestem Sarkasmus schildert er die politischen Zustände in Algerien. Mit dem Album "Rabah Président" glückte dem MBS-Rapper ein Mediencoup. Auf dem Cover sieht man Rabah in der Pose des algerischen Präsidenten Bouteflika – in einer Fotomontage wurde der Kopf des Rappers auf den Körper des Präsidenten gesetzt.

"Wir machten 'Rabah Président' als Bouteflika wieder gewählt wurde", erzählt Rabah. "Vor der Wahl brachten wir diese CD heraus. Ich stellte es so dar, als ob ich als Kandidat bei der Präsidentschaftswahl antrete. Ich reiste dann nach Algerien und gab eine Pressekonferenz. Die Journalisten kamen scharenweise, und es gab sehr viele Artikel in den algerischen Zeitungen über die CD und all die Dinge, die ich gegen den Präsidenten gesagt habe. Ich wollte nicht, dass er wieder gewählt wird, weil er wirklich ein kleiner Diktator ist ... und er macht Frieden mit all den Terroristen!"

Perspektivlosigkeit der jüngeren Generation

Mehr denn je trifft HipHop heute das Lebensgefühl der algerischen Jugend. Denn auch Jahre nach Ende des Bürgerkriegs haben sich ihre Lebensbedingungen nicht wesentlich gebessert: Hohe Jugendarbeitslosigkeit, Wohnungsmangel, Bildungsmisere und generelle Perspektivlosigkeit bestimmen den Alltag, wie Nabil Bouiche von der Band "Intik" erzählt: "75 Prozent der algerischen Bevölkerung sind jung – genug Jugendliche um ein wunderbares Land aufzubauen. Aber das ist nicht der Fall, im Gegenteil. Die Jugend rackert sich ab und kämpft ums Überleben. Es gibt Jugendliche mit Hochschulabschlüssen, die sich als Kellner durchschlagen müssen. Auch fehlen die Mittel, um Musikaufnahmen zu machen. Wir waren gezwungen, unser eigenes Geld zu investieren, um produzieren zu können. Und ein Band-Mitglied musste sogar einmal seine Schuhe verkaufen, um das Studio zu bezahlen!"

Wie an vielen Orten weltweit bietet HipHop in Algerien den Beleg für ein Phänomen, das auch mit dem Begriff der "Glokalisierung" beschrieben wird: Globale und lokale Erscheinungen stehen hier nicht gegeneinander, sondern werden kombiniert, beeinflussen einander und bilden Synthesen. Wenn HipHop-Kultur gerade in ihrem Ursprungsland nur mehr für Hedonismus, Konsum, für Illusionen von Sex und Gewalt zu stehen scheint, wird in Algerien ein schon beinahe vergessenes Potential der HipHop-Kultur hörbar: Rap heißt hier Sprechen über die Realität, über oftmals nur allzu deprimierenden Alltag, über politisches Unrecht, Terror und Krieg. Und es bleibt wichtig, seine Stimme zu erheben - auch nach Ende des Bürgerkriegs, da von einem Ende der algerischen Tragödie und einer wirklichen Lösung der gesellschaftlichen und politischen Probleme des Landes nach wie vor nicht die Rede sein kann.

Arian Fariborz

© Qantara.de 2005

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