Serrah schließt daraus, dass es zwischen dem Online-Aktivismus und den Kampagnen, die im wirklichen Leben stattfinden, keinen Unterschied gibt. Er argumentiert, dies werde ganz klar durch die Anzahl der Bürger bewiesen, die in Algerien aufgrund eines YouTube-Videos oder eines Facebook-Posts verurteilt oder sogar eingesperrt wurden.

Darüber hinaus warnt er: "Die Rolle der sozialen Netzwerke in dieser Bewegung ist nicht ausschließlich positiv. Zu den negativen Aspekten gehört, dass Gerüchte und falsche Nachrichten verbreitet werden. Immerhin kann jeder eine Facebook-Seite oder -gruppe erstellen und zu einem Streik oder einer anderen Aktion aufrufen."

Ein weiteres Risiko der sozialen Netzwerke besteht in der sogenannten "logarithmische Blase": Wenn diejenigen, die aktiv an einer Kampagne teilnehmen, ihr Facebook-Konto öffnen, werden sie von tausenden von Bildern, Veröffentlichungen und Botschaften erschlagen, die von der Protestbewegung stammen. So werden ihnen die Möglichkeiten genommen, effektiv und nachhaltig zu reflektieren und zu analysieren.

Der Anwalt und Aktivist Athmane Bessalem; Foto: Noureddine Bessadi
: "Seit 2007 wurden die Algerier durch die sozialen Medien nach und nach immer besser darüber informiert, was in der Welt geschieht. Sie können jetzt über Themen diskutieren, die früher tabu waren – wie den Islamismus, die individuellen Freiheiten, die Gewissensfreiheit oder den Feminismus. Und jetzt stellen sie die Rolle des Staates zu diesen Themen zur Disposition", meint der Anwalt und Aktivist Athmane Bessalem.

Eine kurze Geschichte des Online-Aktivismus

Die Demonstrationen, die Algerien gegenwärtig erschüttern, wurden durch anonyme Aufrufe ausgelöst. Nach dem Marsch vom 22. Februar wird nun schon seit fünf Wochen im ganzen Land protestiert. Doch die politische Wirkung der sozialen Netzwerke in Algerien reicht weit über diese anonymen Aufrufe hinaus.

Der Rechtsanwalt und Aktivist Athmane Bessalem meint dazu: "Seit 2007 wurden die Algerier durch die sozialen Medien nach und nach immer besser darüber informiert, was in der Welt geschieht. Sie können jetzt über Themen diskutieren, die früher tabu waren – wie den Islamismus, die individuellen Freiheiten, die Gewissensfreiheit oder den Feminismus. Und jetzt stellen sie die Rolle des Staates zu diesen Themen zur Disposition."

Weiterhin behauptet Bessalem, der an den jüngsten Demonstrationen gegen Bouteflika und dessen Regime aktiv teilgenommen hat: "Bereits seit dem ersten Freitag der großen landesweiten Demonstrationen (vom 22. Februar 2019) findet die gesamte Planung für die Märsche der jeweils nächsten Woche vollständig in den sozialen Medien statt – und zwar kurzfristig. Während der Woche wird dort an neuen Parolen gearbeitet, die Aktivisten stellen sich vor, und freitags wird all dies dann auf die Straße gebracht. Jeder hier ist bei Facebook, Twitter oder Whatsapp, auch die Reporter selbst."

Mit anderen Worten: In Algerien entwickelt sich ein Cyberspace der politischen Diskussion. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass gegenwärtig der Zugang zum Internet über die 3G- und neuerdings auch 4G-Technologien immer besser wird, die sozialen Netzwerke immer beliebter werden und auch Smartphones immer weiter verbreitet sind.

Die sozialen Netzwerke sind offen und für alle sozialen Schichten zugänglich, unabhängig von ihrem jeweiligen kulturellen, professionellen und sozialen Background. Aufgrund dieser Eigenschaften können die Diskurse zwar zeitweise chaotisch wirken, allerdings bieten die sozialen Netzwerke genau den Ort für politischen Aktivismus und Dissenz, an dem sich auch die Elite des Landes beteiligt.

Befeuert von der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Dynamik einer Bevölkerung im Wandel kann dieser Cyberspace-Diskurs neue Möglichkeiten eröffnen, Algeriens politische Entwicklung zu maßgeblich beeinflussen und letztlich die Legitimität des Staates in Frage zu stellen.

Nourredine Bessadi

© Qantara.de 2019

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Der Algerier Nourredine Bessadi ist Wissenschaftler und freiberuflicher Berater. Zu seinen Forschungsgebieten zählen Menschen- und Minderheitsrechte, Genderforschung und die Verwaltung des Internets.

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