Auffallend ist, dass sich das Stück dabei musikalisch in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen scheint. Denn während die ersten zwei Drittel des Songs "Alla L'a Ke" so klingen, als seien sie direkt dem Sound der Straßen von M'bour und seiner Umgebung entnommen worden, entwickeln sich die letzten beiden Minuten zu einer frei improvisierten Jazz-Darbietung, die schließlich mit der Straßenatmosphäre verschmilzt.

Während die Transition sowohl durch einen Stimmwechsel Cissokhos als auch durch einen eindringlichen Trommelbeat eingeleitet wird, erfolgt der Übergang zur elektronisch modulierten Trompete und arrhythmischen Percussion eher abrupt.

Die Straßengeräusche am Ende des Songs fungieren als Brücke zum zweiten Stück des Albums, "Badima", das zwar ohne Weiteres auch unter der Rubrik Afro-Pop firmieren könnte. Allerdings hört man auf diesem Stück auch, wie die Band in verschiedene Musikrichtungen elaboriert. Und gegen Ende des Songs klingt es gar so, als führte die Band einen Perkussionssound ein, den man mit karibischer Musik gleichsetzen könnte. Selbst der Einsatz von Steeldrums an dieser Stelle wäre denn wohl auch keine Überraschung gewesen.

Magische Momente

Auch wenn Salsa nicht unbedingt nach der Art von Musik klingen mag, die man mit Westafrika verbindet, so ist dieses Genre - laut Cissokho - dort unglaublich beliebt. Er selbst lernte sie Dank seines Vaters schätzen. All das erklärt die Präsenz des Songs "Salsa Xalel" auf dem Album. Nachdem die Band im Senegal mithilfe des Balafons (einer Art Holzxylophon) und der sprechenden Trommel die Grundlagen für das Stück geschaffen hatte, importierte sie es dann zurück nach North Carolina, um den Background-Gesang der Gospelsängerinnen Shana Tucker und Tamisha Waden hinzuzufügen.

Wahrscheinlich ist einer der wohl überraschendsten Sounds des Albums Platte derweil auch einer der Besten. Wer hätte gedacht, dass sich die Klangwelten einer Pedal-Steel-Gitarre auf so harmonische Weise mit einer Kora verbinden lassen? Allein die Idee, die Pedal-Steel-Gitarre mit westafrikanischer Musik zu kombinieren, klingt absonderlich, aber sie fügt sich in Wirklichkeit geradezu nahtlos ein. Wüsste man nicht, dass sie zu dem Song "Saya" gespielt wird, könnte man sie kaum erkennen.

"Routes" von Diali Cissokho & Kaira Ba ist nicht nur ein überaus gelungenes Experiment, es ist ein Album von unglaublicher musikalischer Qualität. Obwohl es ein wunderbares Beispiel für einen gelungenen kulturellen Dialog ist, vergisst man am Ende all dies und genießt einfach den Klang dieser Kreation. Von dem atemberaubenden Intro aus Trommel und Flöte über den Abschlusssong "Night in M'Bour" bis hin zur schlichten Eleganz des Stücks "Saya" steckt das Album voller magischer Momente. Ihm zu lauschen ist pure Freude, von Anfang bis Ende.

Richard Marcus

Übersetzt aus dem Englischen von Zahra Nedjabat

© Qantara.de 2019

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.