Album "Anoura“ von Anansy Cissé

Elixier für Pandemiemüde

Anansy Cissés neues Album "Anoura“ (deutsch "Licht“) ist nicht nur ein Paradebeispiel für malische Musik. Die Entstehung des Albums zeigt auch, welchen Schwierigkeiten malische Musiker in dem von Gewalt gebeutelten Land ausgesetzt sind. Von Richard Marcus

Seit 2012, als ein Aufstand der Kel Tamasheq (Tuareg) von extremistischen Gruppen unterwandert wurde, wird Mali von Gewalt heimgesucht. Dabei geraten besonders Musiker immer wieder ins Visier. So wurden beispielsweise Cissé und seine Band 2018 auf dem Weg zu einem Konzert für Frieden und Versöhnung von Bewaffneten überfallen, geschlagen und entführt, ihre Instrumente zerstört.

Nach diesem traumatischen Erlebnis mied Anansy Cissé lange Zeit die Öffentlichkeit. Er zog sich ins Studio zurück und unterstützte neue und noch unbekannte Hip-Hop-Künstler bei der Produktion ihrer Songs. Erst nach der Geburt seines ersten Kindes kehrte er zurück und nahm die Arbeit an Anoura wieder auf.

Das neue Album bietet auch bei den Liedtexten einen anderen Blick als bei früheren Aufnahmen. Cissé konzentriert sich nicht nur mehr auf die politische Lage in Mali, sondern schreibt über sein Leben, wie es gerade ist. Das bedeutet nicht, dass er naive Kinderlieder oder ein Loblied auf das heimische Glück schreibt. Vielmehr betrachtet er die Welt mit den Augen eines Menschen, der sich eine bessere Welt für sein Kind wünscht. Was liegt also näher, als über die drängenden gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit zu singen.

Für die Zukunft, für die Kinder

In Liedern wie "Talka“ ("Armut“) und "Tiawo“ ("Bildung“) singt Cissé darüber, wie wichtig es ist, den Kindern in Mali so viele Chancen wie möglich zu eröffnen, damit sie ihr Leben meistern können. Bildung weist einen Weg aus der Armut. Cissé erhofft sich von mehr Bildung auch, dass die Gewalt im Norden seiner Heimat nachlässt.

In einem Land, in dem Rebellenführer erfolgreich große Gruppen desillusionierter junger Männer ohne Geld und ohne Perspektiven rekrutieren können, erweist sich Bildung als ein mächtiges Instrument zur Befriedung von Konflikten. Dass sich Cissé diesen Themen widmet, verdeutlicht seine Vision und seine Haltung, die für die meisten Musiker eher ungewöhnlich ist. Andererseits ist Mali auch ein ungewöhnlicher Ort für Musik, aber gleichzeitig genau dafür berühmt.

Musikalisch gesehen ist Cissé der archetypische "Wüstenblues“-Musiker. Diese Bezeichnung ist allerdings insofern problematisch, als dass sie für durchaus unterschiedliche Musikrichtungen steht.

Zum einen gibt es den Kel-Tamasheq-Stil mit der Band Tinariwen als bekanntestem Beispiel. Ihr Musikstil zeichnet sich durch trance-auslösende Rhythmen aus, die von rasanten Soli mit der E-Gitarre unterbrochen werden. Cissé hingegen orientiert sich eher am Stil des legendären malischen Sängers und Musikers Ali Farka Touré.

Obgleich ebenso tief in den musikalischen Traditionen Westafrikas verwurzelt, ist sein Sound rhythmisch komplexer und eindringlicher. Er bindet auch traditionelle Instrumente wie die mehrsaitige Laute Ngoni und die einsaitige Geige Soku ein.

Die Soku ist bei Cissé zwar nur in zwei Stücken des Albums zu hören, nämlich "Balkissa“ und "Talka“, aber ihre Bedeutung geht über die Musik an sich hinaus. Diese beiden Stücke gehören nämlich zu den letzten Aufnahmen, die er gemeinsam mit dem Soku-Maestro und seinem engen Freund, Zoumana Téréta, gemacht hat.

Ein filigranes musikalisches Geflecht

Im ersten Moment klingt die Soku fast wie ein elektrisches Klavier. Nicht wegen der Farbe ihres Klangs, sondern eher wegen der Art, wie sie sich in die Musik einfügt. Nach und nach wird einem bewusst, dass die Soku ein Streichinstrument ist. Sie beeindruckt durch die Einfachheit ihres Klangs ebenso wie durch die Tiefe, die sie der Musik verleiht.

Cover von Anansy Cisse's "Anoura" (erschienen bei Riverboat Records)
"Das zurückliegende Jahr war für uns alle schwer. Aber dass jemand, der so viel durchgemacht hat, uns aus Mali eine Botschaft der Hoffnung sendet, ist ein Wunder und eine Freude. Wenn Sie, wie die wohl meisten von uns, eine Aufmunterung nötig haben, könnte 'Anoura' genau das Elixier sein, das Sie brauchen", schreibt Richard Marcus in seiner Besprechung.

Wie sich die Soku zwischen Gitarre, Schlagzeug und Bass ein- und ausblendet, hört sich an, als kämen Vergangenheit und Gegenwart in der Musik zusammen: Die Resonanz der Soku als Echo der Vergangenheit durchdringt die Gegenwart mit ihrer Geschichte und Tradition.

Wie ein großer Teil der Musik aus Mali wandelt auch Cissé auf einem schmalen Grat. Er ehrt die Tradition und blickt gleichzeitig in die Zukunft, ohne sich der einen oder anderen Seite zu sehr zu verpflichten.

Tatsächlich stellt Anoura eine gelungene Verschmelzung von beidem dar. Wie den meisten seiner Zeitgenossen gelingt Cissé dies mit seiner Musik ebenso wie mit seinen Liedtexten.

Neben Ngoni und Soku greift die Band auch auf traditionelle Rhythmusinstrumente wie die Kalebasse zurück. So vollbringt Cissé mit seiner Band das Kunststück, zusammen mit dem populären Musikensemble aus Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboards einen ebenso harmonischen wie eindringlichen Sound zu schaffen.

Cissé singt die Texte in seiner Muttersprache Songhai. Seine Themen drücken den Respekt aus, den er sowohl für sein Erbe als auch für das heutige Mali empfindet.

Dass Musiker auch die Hüterinnen der Erzählungen ihres Volkes sind, ist in Westafrika nicht ungewöhnlich: In Liedern wie "Cissé“, "Tiara“ und "Foussa Foussa“ erzählt Cissé ein Stück dieser Geschichte.

Freude ist stärker als Trauer

Im ersten Song erzählt Cissé von seinen Vorfahren, die Marabouts  – islamische Sufi-Heilige – aus dem Norden Malis waren. Bei den beiden anderen Liedern handelt es sich um Zwiegespräche mit seiner Tochter, in denen er über traditionelle Feste für junge Menschen aus seiner eigenen Kindheitserfahrung spricht. Im gegenwärtigen Klima aus Pandemie und endemischer Gewalt bleiben derzeit nur die Erinnerungen an diese Feierlichkeiten.

Wer die Sprache Cissés nicht beherrscht, versteht seine Worte zwar nicht explizit, aber dank seiner Kunst können wir die Gefühle verstehen, die er ausdrücken will. In die Freude über die Geburt seiner Tochter mischt sich musikalisch eine unterschwellige Trauer über die aktuelle Lage in Mali.

Wenn man bedenkt, dass Cissé bereits 2017 die Arbeit an dem Album begann und nach dem Überfall auf die Band 2018 aussetzte, verblüfft Anoura mit einer ermutigenden und positiven Grundstimmung. Das zurückliegende Jahr war für uns alle schwer.

Aber dass jemand, der so viel durchgemacht hat, uns aus Mali eine Botschaft der Hoffnung sendet, ist ein Wunder und eine Freude. Wenn Sie, wie die wohl meisten von uns, eine Aufmunterung nötig haben, könnte "Anoura“ genau das Elixier sein, das Sie brauchen.

Richard Marcus

© Qantara.de 2021

 

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