Dabei haben sich die Macher diesmal angeblich besonders viel Mühe gegeben, um die rassistischen Stereotypen zu vermeiden, die im Zeichentrickfilm von 1992 noch offensichtlich waren. So kommt der Islam im Film gar nicht mehr explizit vor, abgesehen davon, dass die Schauplätze unübersehbar solchen nachempfunden sind, wie wir sie aus der muslimischen Architektur kennen. Die vielen Türmchen suggerieren Minarette, der Palast des Sultans ähnelt der Hagia Sophia.

Der Orient als Sehnsuchtsort

Ist das aber per se schlecht oder auch nur negativ gemeint? Zwar stellt dieser Phantasieorient eine fremde, andere, exotische Welt dar. Aber es ist keine solche, vor der wir uns fürchten und gegenüber der wir (Islamo-)Phobien haben, sondern ganz im Gegenteil eine Welt, nach der wir uns sehnen. Sonst könnten weder Reiseveranstalter ähnlichen Motiven werben, noch Disney die eskapistischen Bedürfnisse des globalen Kinopublikums damit befriedigen. Der Orient ist und bleibt ein Sehnsuchtsort – jedenfalls für den Westen. Und das kann man beim besten Willen nicht als negative Einstellung werten.

Im Übrigen ist dieser Film so überdreht, dass es nicht mehr nur klischeehaft erscheint, sondern zugleich die augenzwinkernde – um nicht zu sagen: mit dem Zaunpfahl winkende – Parodie des orientalistischen Klischees. In der neuen Version mit den echten Schauspielern merkt man es auch daran, dass diese nicht nur ihre Rollen, sondern stets auch sich selbst spielen: etwa Will Smith als rappender Flaschengeist.

Ausschnitt Aladdin-Neuverfilmung - ein Remake des Disney-Klassikers mit dem Schauspieler Will Smith als Flaschengeist
Die Fallstricke des Aladdin-Stoffs holen jetzt auch Hollywood ein: "Dieser Film ist so überdreht, dass es nicht mehr nur klischeehaft erscheint, sondern zugleich die augenzwinkernde – um nicht zu sagen: mit dem Zaunpfahl winkende – Parodie des orientalistischen Klischees. In der neuen Version mit den echten Schauspielern merkt man es auch daran, dass diese nicht nur ihre Rollen, sondern stets auch sich selbst spielen: etwa Will Smith als rappender Flaschengeist", schreibt Weidner.

Kommt hinzu, dass Aladdin ja nicht nur Held und Sympathieträger der Geschichte ist, sondern schon seinem Namen nach unverkennbar Muslim und Araber. Mag man ihm, wie Kritiker sagen, auch die Verhaltensweisen eines weißen amerikanischen Jugendlichen andichtet haben, er bleibt der Held einer fiktiven Welt, in der niemand über Arabern und Muslimen steht. Ein Rassismus, der sich dieser Geschichte bedient, stößt daher mit dem Kopf ziemlich schnell an die Decke.

Einen wunden Punkt getroffen

Dennoch trifft die Kritik von CAIR einen wunden Punkt, indem sie darauf hinweist, dass der Aladdin Stoff an und für sich bereits mit rassistischen und orientalistischen Stereotypen aufwartet. Aladdin lebt gemäß der ursprünglichen Fassung in China, und der böse Zauberer, der in dem Film (anders als in der Galland-Version) mit dem bösen Wesir verschmilzt, ist Afrikaner. Zweifellos versteckt sich darin ein Rassismus, denn weder die Araber, noch die Europäer des 18. Jahrhunderts hatten eine hohe Meinung von Schwarzafrikanern. Auch die Juden kommen übrigens in der Originalversion schlecht weg.

Der Rassismus, der also wie in vielen alten Stoffen auch in diesem wirksam ist, ist kein spezifisch westlicher, orientalistischer, sondern ebenso ein arabischer und muslimischer. Damit müssen wir zwar zugestehen, dass es Rassismus im Aladdin-Stoff gibt; aber eben auch dass dieser kein Spezifikum der westlichen Kultur ist, selbst dann nicht, wenn eines Tages herauskommt, dass die Geschichte eine bloße Erfindung Gallands ist. Denn rassistische Vorbehalte und Stereotype gegen Afrikaner und Juden weist die arabische und islamische Geschichte zur Genüge auf; und sie finden sich auch in jenen Geschichten von "Tausendundeine Nacht", die eindeutig arabische Quellen haben.

Die Aladdin-Verfilmung scheint daher nicht der richtige Anlass, um mit großen kulturkritischen Kanonen auf Hollywood zu schießen. Stattdessen sollten wir uns zu fragen, wieviel Ambiguitätstoleranz wir womöglich schon verloren und was zwei Jahrzehnte Kampf gegen den Terror mit uns gemacht haben, wenn wir einen solchen Film als Anlass für eine Gewissensprüfung nehmen.

So unangenehm Rassismus und Stereotypen in der Kunst immer ist, scheint es doch sinnvoller, den real existierenden Rassismus in unserem Alltag zu bekämpfen, statt denjenigen aus alten Geschichten.

Stefan Weidner

© Qantara.de 2019

Stefan Weidner ist Islamwissenschaftler. Demnächst erscheint von ihm: "1001 Buch. Die Literaturen des Orients", bei Edition Converso.

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Leserkommentare zum Artikel: Kann denn Kino Sünde sein?

Sehr geehrter Herr Weidner,
vielen Dank für diesen Artikel, in dem Sie die Debatte vom Kopf auf die Füße stellen. Sie haben völlig Recht, den "real existierenden Rassismus in unserem Alltag zu bekämpfen" halte auch ich für dringlicher.
Aber ein Punkt irritiert mich etwas: Ist der böse Zauberer in "Aladdin" denn tatsächlich Schwarzafrikaner? Ich kenne die Figur als "Maure", also Berber, und die werden in der arabischen Folklore ja öfters mit Zauberei assoziiert (ob nur im negativen Sinne weiß ich nicht). Irgendwo habe ich zu "Aladdin" auch mal die Theorie gelesen, die Schauplätze China und Mauretanien würden nicht für die konkreten Länder, sondern einfach für die Enden der damals bekannten Welt stehen.

Alexander Krist07.06.2019 | 13:48 Uhr