Aladdin-Neuverfilmung

Kann denn Kino Sünde sein?

Der Aladdin-Film, der ein weltweiter Kino-Kassenschlager ist, wollte es besser machen als der Zeichentrickfilm von, der aus heutiger Sicht mit zahlreichen rassistischen Stereotypen aufwartet. Konnte das angesichts der zweifelhaften Ursprünge des Aladdin-Stoffes überhaupt gelingen? Von Stefan Weidner

Der freie Umgang dem Aladdin-Stoff hat Tradition: Denn die ursprüngliche Quelle ist nach gegenwärtigem Stand der Dinge gar nicht arabisch, sondern französisch. Sie stammt aus dem Jahr 1712 und findet sich im neunten Band von "Les mille et une nuit", der ersten Übersetzung von "Tausendundeine Nacht" ins Französische durch Antoine Galland.

Der Aladdin-Stoff zählt zu denjenigen Texten von "Tausendundeine Nacht", für die sich partout keine arabische Vorlage ausmachen lässt. Gemäß einem Tagebucheintrag Gallands von 1709 hat er "Aladdin" von einem maronitischen Christen aus Aleppo in Paris erzählt bekommen. Die Geschichte ist auch in heutigen Druckversionen so lang wie ein kleiner Roman. Es stellt sich die Frage, wie hoch der Anteil Gallands bei der Ausgestaltung des Stoffes ist.

Einige Literaturwissenschaftlicher sind überzeugt, dass sich etliche europäische Märchenmotive in den arabischen Kern der Geschichte eingeschlichen haben. Klar ist jedenfalls, dass der Stoff bereits bei seinem erstmaligen Auftauchen 1712 in Paris ein Hybride ist, ein literarischer Bastard. Folglich ist es unsinnig, seine weiteren Bearbeitungen, Übersetzungen und medialen Transformationen mit Maßstäben der Treue zum Original oder der Treue zu Schauplätzen, Milieus, geschweige denn der Aussageabsicht irgendeines Verfassers zu messen.

Das aber wiederum heißt: Die Disney-Studios verfahren mit der Aladdin-Geschichte genau so, wie immer schon damit verfahren wurde. Wenn je ein Stoff frei war, ohne Copyright, offen für Plagiate aller Art, dann dieser. Es gibt wohl kaum ein Medium oder Genre, in dem Aladdin in den letzten dreihundert Jahren nicht verwurstet wurde.

Zwischen Plagiat, Parodie und freier Bearbeitung

Das 19. Jahrhundert verzeichnete sage und schreibe sieben deutsche, zwei französische, zwei englische eine italienische und eine dänische Aladdin-Oper. Der Disney-Trickfilm von 1992 und nun die Variante mit echten Schauspielern sind nur die jüngste Fortschreibung dieser hybriden Stoffgeschichte, in der Plagiat, Parodie und freie Bearbeitung gar nicht mehr zu unterscheiden sind. Woran soll man eine solche Geschichte messen, außer an ihrem – unbestreitbaren – (Massen-)Erfolg?

Dass es sich bei den orientalischen Märchen um gut verkäufliche Unterhaltungsliteratur handelte, wusste man immer schon – und war der Grund, warum Galland, der ja eigentliche Erfinder von "Tausendundeine Nacht" war, sich weitere arabische Geschichten mündlich berichten ließ, als die Manuskripte, die er von seinen Reisen in den Orient mitgebracht hatte (darunter ein echtes arabisches unter demselben Titel), erschöpft waren. Schon die gebildeten Araber des Mittelalters sahen übrigens auf diese und andere volkstümliche Erzählungen herab wie die Gebildeten heute auf die Disney-Verfilmung.

Trotzdem hat nun der einflussreiche 'Rat für amerikanisch-islamische Beziehungen' (CAIR) vor dem Aladdin-Film gewarnt und darauf hingewiesen, dass der Stoff tief in Rassismus, Orientalismus und Islamophobie verwurzelt sei.

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Leserkommentare zum Artikel: Kann denn Kino Sünde sein?

Sehr geehrter Herr Weidner,
vielen Dank für diesen Artikel, in dem Sie die Debatte vom Kopf auf die Füße stellen. Sie haben völlig Recht, den "real existierenden Rassismus in unserem Alltag zu bekämpfen" halte auch ich für dringlicher.
Aber ein Punkt irritiert mich etwas: Ist der böse Zauberer in "Aladdin" denn tatsächlich Schwarzafrikaner? Ich kenne die Figur als "Maure", also Berber, und die werden in der arabischen Folklore ja öfters mit Zauberei assoziiert (ob nur im negativen Sinne weiß ich nicht). Irgendwo habe ich zu "Aladdin" auch mal die Theorie gelesen, die Schauplätze China und Mauretanien würden nicht für die konkreten Länder, sondern einfach für die Enden der damals bekannten Welt stehen.

Alexander Krist07.06.2019 | 13:48 Uhr