Alaa al-Aswani; Foto: © Samir Grees
Alaa al-Aswani auf der Lit.COLOGNE

Ein literarischer Tabubrecher der arabischen Welt

Auf der Lit.COLOGNE, dem größten Literaturfestival Europas, las der derzeit erfolgreichste arabische Romancier Alaa al-Aswani als einziger arabischsprachiger Schriftsteller aus seinem Roman "Chicago" vor. Von Samir Grees

Auf der Lit.COLOGNE, dem größten Literaturfestival Europas, las der derzeit erfolgreichste arabische Romancier Alaa al-Aswani als einziger arabischsprachiger Schriftsteller aus seinem Roman "Chicago" vor. Samir Grees hat zugehört.

Alaa al-Aswani; Foto: © Samir Grees
Nimmt kein Blatt vor den Mund: Al-Aswani kritisiert die sozialen und politischen Zustände im heutigen Ägypten auf subtile Weise.

​​Der Saal war voll, alle Plätze ausverkauft. Schon eine halbe Stunde vor Beginn der Kölner Lesung, hatten sich viele Deutsche und Araber eingefunden und warteten auf den Autor des erfolgreichste Romans der zeitgenössischen arabischen Literatur: "Der Jakubjian-Bau". Noch berühmter wurde Alaa al-Aswani allerdings nach der Verfilmung seines Romans – unter anderem mit ägyptischen Stars wie Adel Imam, Nour al-Sherif und Youssra.

Auf der Lit.COLOGNE war al-Aswani der einzige arabischsprachige Schriftsteller. Als er den Kölner Saal betrat, wurde er mit einem lang anhaltenden Applaus empfangen. Der große, dunkelhäutige Mann begrüßte das Publikum lächelnd, höflich, fast schon etwas schüchtern. Als er aus seinem zweiten Roman "Chicago" las und die Fragen beantwortete, war von seiner anfäglichen Zurückhaltung nichts mehr zu spüren – vielmehr zeigte sich der erfolgreiche Romancier von seiner selbstbewussten Seite.

Ein "Patrick Süskind der arabischen Literatur"

Alaa al-Aswani ist ein Phänomen in der modernen arabischen Literatur. Er ist der erfolgreichste Romancier überhaupt. Man kann sagen, er ist eine Art Patrick Süskind der arabischen Literatur, der Exportschlager Ägyptens. Sein erster Roman "Der Jakubijan-Bau" aus dem Jahr 2002 hat sich in der arabischen Welt bisher über 150.000 Mal verkauft. Diese Zahl hat nicht einmal der ägyptische Nobelpreisträger Nagib Mahfuz erzielen können.

Der Erfolg von al-Aswani ist erstaunlich, vor allem in einer Region, in der die Analphabetenrate sehr hoch ist und allgemein wenig gelesen wird. Die meisten arabischen Schriftsteller haben deshalb ein geringes Einkommen, die Auflage ihrer belletristischen Werke beschränkt sich häufig nur auf rund 1.000 bis 2.000 Exemplare, die über mehrere Jahre hinweg verkauft werden.

Kaum ein Autor kann also von der Schriftstellerei allein leben. Alaa al-Aswani ist da sicherlich eine Ausnahme. Und dennoch ist er lieber Zahnarzt geblieben. Studiert hat er in Kairo und Chicago. Beiden Städten hat er einen Bestseller gewidmet.

Panorama-Romane über Kairo und Chicago

„Seit meinem ersten Tag an der Illinois-Universität wusste ich, dass ich eines Tages einen Roman über diesen einzigartigen Schmelztiegel der Kulturen schreiben werde“, erzählt al-Aswani seinem Publikum in Köln. 2007 hat der Zahnarzt seine Idee zu Papier gebracht. Sein zweiter Roman "Chicago" handelt von den ägyptischen Immigranten in den USA.

​​Jedoch geht es im Roman mehr um Ägypten als um die Vereinigten Staaten. Chicago ist – wie "Der Jakubijan-Bau" – ein "Panorama"-Roman: Ägyptische Studierende, Dozenten und ihre Familien sowie amerikanische Professoren sind die Akteure in dem Roman. Einige Ägypter leben seit Jahren in den USA und fühlen sich inzwischen wie Amerikaner, andere leiden – unterschiedlich ausgeprägt – unter Heimweh. Die meisten von ihnen leben in einem Konflikt zwischen alter und neuer Heimat. Und sie alle werden vom ägyptischen Geheimdienst bespitzelt.

Innerhalb eines Jahres wurde "Chicago" 11-mal aufgelegt und inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt. Im vergangenen Februar ist nun die deutsche Übersetzung von Hartmut Fähndrich im Lenos Verlag erschienen.

Tabubrecher der arabischen Welt

Was ist das Erfolgsgeheimnis von Alaa al-Aswani? In der arabischen Welt kommt al-Aswani bei den Lesern gut an, weil er geschickt, humorvoll und mit leichter Hand die drei großen Tabus der arabischen Kultur verletzt: Politik, Religion und Sex.

Sein Werk enthält detaillierte Beschreibungen homo- und heterosexueller Handlungen. Ferner kritisiert er in seinem Roman die politischen und gesellschaftlichen Missstände in seinem Land – die grassierende Korruption und die soziale Ungerechtigkeit, aber auch die Benachteiligung der ägyptischen Christen (Kopten) sowie die geheuchelte Frömmigkeit und den Islamismus. Al-Aswani hat die Gabe, die großen, aktuellen Tabuthemen in vereinfachter Form und in einfacher Sprache auf den Punkt zu bringen.

Dass dabei oft kein Platz für Differenzierung und überzeugende psychologische Tiefenanalyse bleibt, versteht sich von selbst. Seine beiden Romane sind überfrachtet mit klischeehaften, melodramatischen Szenen, weshalb der Arabist Andreas Pflitsch den Roman "Der Jakubijan-Bau" zu Recht als "die arabische Lindenstraße" bezeichnet.

Soziologie statt Literatur

​​In der deutschen Presse wurde der erste Roman Aswanis, "Der Jakubijan-Bau", fast unisono begrüßt. Manche Kritiker verglichen al-Aswani sogar mit dem großen Meister Mahfuz. Sehr auffallend an der deutschen Rezeption ist vor allem, dass "Der Jakubijan-Bau" nicht unbedingt als große Literatur gefeiert wurde, sondern vielmehr als Spiegel sozialer und politischer Missstände im Land am Nil. Es soll den Schlüssel zum Verständnis einer arabisch-islamischen Gesellschaft und eine Antwort auf die Frage liefern, wie man Terrorist wird.

Deshalb verwundert es nicht, dass "Der Jakubijan-Bau" mit dem Wiener Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch 2007 ausgezeichnet wurde. Es verwundert aber auch nicht, dass "Chicago" nicht für einen großen arabischen Literaturpreis, wie den zum ersten Mal vergebenen arabischen "Booker-Preis", nominiert worden ist.

Al-Aswanis Tabubrüche, sein Sinn für Komik, die klare Struktur, die einfache Sprache und die spannende Erzählweise sind wohl die Gründe für seinen großen Erfolg in Ägypten, Libanon, Marokko, aber auch in Frankreich, Italien und Deutschland.

Und dennoch: Handelt sich bei al-Aswani womöglich nur um ein kurzlebiges literarisches Phänomen? Fest steht jedenfalls, dass er Hunderttausende von Lesern begeistern und fesseln kann. Und sein Talent ist auch noch nicht verbraucht, wie es viele in der arabischen Welt nach seinem ersten Roman prophezeit hatten. Al-Aswani ist voller Ideen und Enthusiasmus und arbeitet im Moment an seinem dritten Roman.

Samir Grees

&copy Qantara.de 2008

Qantara.de

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