Düstere Analyse des heutigen Ägypten

Eine wahre Aussöhnung und gemeinsame Identität vermisst Abd El-Fattah bis heute. Es sind zehn Anhörungen vor der Staatsanwaltschaft, in denen er zwischen 2019 und 2020 sein politisches Denken sowie seine aktuelle Analyse von Politik und Gesellschaft im heutigen Ägypten unter dem von Sisi wieder eingeführten Autoritarismus darlegt. Aufgeschrieben haben die Gedanken seine Anwälte, die seine Worte vor dem Staatsanwalt mitschrieben und an die Familie weitergaben. Die wiederholten Vorladungen machte Abd El-Fattah so zu seiner einzig verbliebenen öffentlichen Plattform.

Seine Analyse ist düster: Jedwedes Vertrauen zwischen der politischen Klasse und dem Volk sei verloren, was die Stabilität Ägyptens ernsthaft gefährde. Multiple Krisen hätten das Land in eine Situation gebracht, in der staatlichen Institutionen nur noch damit beschäftigt seien, ihre Repressionen zu verschleiern, die wiederum zu einem Selbstzweck geworden sei. "Die Konflikte, die Polarisierung, terroristische Aktivitäten und schwere Wirtschaftskrisen", konstatiert Abd El-Fattah, "haben zu einer Situation geführt, in der die verschiedenen Teile der politischen Klasse sich nicht mehr vertrauen (...). Jede Institution des Landes geht Krisen nur noch unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit an, so dass es schwer vorstellbar ist, wie das derzeitige System Bestand haben kann."

 

Offenbar im Gegensatz zu sozialistischen Diktaturen oder auch zur Nasser-Herrschaft in Ägypten fehle dem Land unter Sisi jegliche gemeinsame Grundlage, etwa in Form einer verbreiteten Überzeugung oder Ideologie. "Der ägyptische Staat scheint nicht in der Lage zu sein, ernsthaft das Denken der Menschen zu kontrollieren. Was jetzt existiert, hat einen sehr begrenzten Einfluss auf die Vorstellungskraft der Menschen."

Die Krise sei so umfassend, dass er im Gefängnis erstmals zu einer neuen Position gelangt sei, erklärt Abd El-Fattah überraschend: "Trotz meiner radikalen Ablehnung der Person und der Regierung von Präsident Abd El-Fattah El-Sisi bin ich nicht mehr der Ansicht, dass wir ein sofortiges Ende seiner Herrschaft anstreben sollten." Stattdessen spricht sich Abd El-Fattah für graduellen Wandel aus, eine "Devolution" der Präsidialdiktatur, die damit beginnt, dass sich die Regierung zunächst an ihre eigenen Regeln hält. Die Ideen des Autors, wie auch die ägyptische Gesellschaft mit einer Reihe von Nationalen Konferenzen aus der Krisen geführt werden kann, bleiben allerdings sehr vage.

Stumpfe Gedanken zu Palästina

Was Abd El-Fattah in vielen seiner Schriften überzeugend einfordert – Solidarität und Empathie selbst für politisch Andersgesinnte und ein international vernetzter Kampf gegen Unrecht – macht an einem Punkt halt: an der Grenze zu Israel. Zwar sind seine Einlassungen zu Palästina, das er, während er auf freiem Fuß war, zweimal bereisen konnte, ein Nebenschauplatz. Doch überrascht in den Palästina-Texten sein an Kitsch grenzendes Pathos sowie die Tatsache, dass er nicht den geringsten Versuch eines Perspektivwechsels unternimmt. Zwar meidet Abd El-Fattah das Wort Israel nicht in allen Texten, oft ist jedoch nur von "dem Feind" oder "den Zionisten" die Rede. Auf einmal fehlt sie, die Reflektiertheit, die das Buch sonst so stark macht.

Seltsam naiv etwa mutet Abd El-Fattahs Gedankenspiel an, ob es besser gewesen wäre, im Gazastreifen geblieben zu sein und ein Leben im Exil zu genießen – "in Freiheit", wie er schreibt. Dass die Hamas, "der Widerstand", wie er sie nennt, einem kritischen Geist wie ihm ebenso wenig wohlgesonnen wäre wie Ägyptens Militärregime, kam Abd El-Fattah beim Verfassen der Zeilen offenbar nicht in den Sinn. Überraschend stumpf erscheint vor diesem Hintergrund sein poetisches, vielfach wiederholtes "Ich bin Araber, und stets denke ich an Palästina."

Nichtsdestotrotz zeigt sich in den gesammelten Werken Alaa Abd El-Fattahs ein politischer Beobachter, der wie kein anderer Ägyptens tragische Geschichte seit dem Arabischen Frühling dokumentiert und analysiert hat, der aber nicht nur tief ins Innere der eigenen Gesellschaft blickt, sondern auch über den nationalen Tellerrand hinaus.

Alaa Abdel Fattah ist einer jener Intellektuellen, die in freien Gesellschaften wichtige Debatten anstoßen und mit Preisen geehrt werden, einer jener Köpfe, die immer wieder anecken, am Ende aber ihr Land voranbringen. Im Dezember wurde er von einem Gericht in Kairo zu weiteren fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Sein Vergehen: Er habe Falschnachrichten und Lügen verbreitet und die sozialen Medien missbraucht.

Jannis Hagmann

© Qantara.de 2022

Alaa Abd El-Fattah, „You have not yet been defeated. Selected Works 2011 - 2021“, Fitzcaraldo Editions, Oktober 2021, 448 Seiten

 

 

Mehr zur Menschenrechtssituation in Ägypten

Verhaftung von Menschenrechtlern in Ägypten: Mein Freund, der „Terrorist“

Ägypten unter Abdel Fattah al-Sisi: Rufmord als politische Waffe

Alaa al-Aswani über Ägypten als "Die Republik der Träumer"

Der Westen und die islamische Welt: Die Verlockung der Despoten

Ägyptens Medien und das neue Anti-Terror-Gesetz: Auf Regierungslinie getrimmt

Justiz unter Abdelfattah al-Sisi: Was das Recht in Ägypten wert ist

Ägypten unter Sisi: Solche Revolutionen dürfen nie wieder passieren

Porträt Gamal Eid: Der Anwalt und die Militärs

Die Redaktion empfiehlt