Die ägyptische Regierung hat versucht zu zeigen, dass ihre Sinai-Strategie nicht allein aus Militäraktionen besteht. Am 8. November stellten die Streitkräfte ein Projekt vor, mit dem in der Wüste des Sinai hundert neue Häuser gebaut werden sollen. Allerdings hat die Armee bisher im Sinai deutlich mehr Häuser zerstört als neue gebaut. 2014 wurden tausende Häuser dem Erdboden gleich gemacht, um an der Grenze zu Gaza eine 79 Quadratkilometer große Sicherheitspufferzone zu schaffen, zu der auch die Stadt Rafah im Nordsinai gehört.

"Ein selbstzerstörerischer Sicherheitsplan"

Laut Human Rights Watch hat die Armee seit vergangenen Februar die Zerstörung von Häusern, Gewerbegebieten und Landwirtschaftsbetrieben im Nordsinai „enorm ausgeweitet“. „Wenn man die Häuser der Menschen abreißt, ist dies Teil desselben selbstzerstörerischen Sicherheitsplans, mit dem bereits zuvor Lebensmittelversorgung und Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurden, um die Bewohner des Sinai zu gängeln“, meint Sarah Leah Whitson, Nahostdirektorin von Human Rights Watch.

Dass das Jahr im Sinai so blutig war, hat auch Auswirkungen auf die westlichen Regierungen, die Ägypten mit großen Mengen an Waffen versorgen. Dies wird – insbesondere im Sinai – mit dem Krieg gegen den Terror gerechtfertigt. Seit die Trump-Regierung an die Macht kam, arbeiten insbesondere die USA enger mit der ägyptischen Regierung zusammen, berichtet Issandr al-Amrani, Direktor des Nordafrikaprojekts der International Crisis Group. Amerika hat die Militärhilfe für Ägypten wiederbelebt und die "Operation Bright Star" neu aufgelegt, eine große gemeinsame Militärübung der beiden Länder.

"Was die Beziehungen zwischen westlichen Ländern und Ägypten angeht, wurde die Lage der Menschenrechte in Ägypten völlig außen vor gelassen", meint Al-Amrani gegenüber Qantara.de. "Der Wunsch nach regionaler Stabilität, der Kampf gegen den IS und – im Fall der Europäer – die Migration haben dazu geführt, dass die Frage nach den Menschenrechten gar nicht erst gestellt wurde."

Beobachter, die die Vorgehensweise der ägyptischen Regierung im Sinai kritisch sehen, sagen, die jüngste Militäraktion laufe darauf hinaus, dass die militärischen Eingriffe dort verdoppelt wurden – eine Strategie, die bereits früher zum Scheitern verurteilt gewesen sei und viele Menschenleben gekostet habe.

"Warum also soll diese Strategie der rohen Gewalt diesmal funktionieren, wenn sie bereits wiederholt gescheitert ist?", fragt Mohannad Sabry, Sinai-Experte und Verfasser des Buches "Sinai: Egypt's Linchpin, Gaza's Lifeline, Israel's Nightmare", in dem es auch um den Konflikt zwischen Staatsmacht und militanten Islamisten auf dem Sinai geht. "Wenn das ägyptische Militär seine konventionellen Aktionen verstärkt, dann ist das höchstens ein Eingeständnis dafür, dass es in den letzten fünf Jahren nichts erreichen konnte", meint er.

Sabry betont, dass die Behörden den Familien der Opfer des Angriffs auf die Rawdah-Moschee im vergangenen Jahr Pensionen versprochen haben. Diese wurden jedoch bis heute nicht ausgezahlt. "Das ist ein deutliches Bespiel dafür, wie das ägyptische Regime über Methoden denkt, die einmal nichts mit brutaler Gewalt zu tun haben."

Tom Stevenson

© Qantara.de 2018

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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Leserkommentare zum Artikel: Mit Kanonen auf Spatzen

Mörderische Terroristen, die Hunderte (wenn nicht an die Tausend) von Menschen, zivile wie militärische, auf dem Gewissen haben, als Spatzen zu bezeichnen, hat auch was....Unfassbar!

Ingrid Wecker14.12.2018 | 15:05 Uhr