Al-Sisis Anti-Terrorkampf auf dem Sinai

Mit Kanonen auf Spatzen

Die ägyptische Regierung hat ihre Militäroperationen auf der Sinai-Halbinsel verstärkt, um den dschihadistischen Aufstand endgültig niederzuschlagen. Doch obwohl bereits Hunderte gestorben sind, hält die Rebellion der radikalen Islamisten unvermindert an. Tom Stevenson informiert.

Am 24. November 2017 erlebte Ägypten den bis dahin schlimmsten Terrorangriff seiner jüngeren Geschichte. Der Anschlag ereignete sich in der Stadt Bir al-Abed auf der nördlichen Sinai-Halbinsel. Dutzende Kämpfer der Gruppe "Wilayat Sinai", die mit dem "Islamischen Staat" verbunden ist, umstellten die dortige Rawda-Moschee und eröffneten wahllos das Feuer auf die Gläubigen. Nach dem Massaker waren 305 Menschen tot, darunter 27 Kinder.

Als Reaktion auf diesen Angriff versprach Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi, den Aufstand, der den Sinai bereits seit 2001 unsicher macht, mit "brutaler Gewalt" zu beenden. Dazu rief er ein Militärprogramm namens Operation Sinai 2018 ins Leben. Die ägyptischen Streitkräfte schnitten die großen Städte und Straßen des nördlichen Sinai von der Außenwelt ab, führten Luftangriffe durch, kontrollierten die Meerwege und setzten auf eine umfassende elektronische Überwachung der Kommunikation. Seit das Programm zu Beginn dieses Jahres eingeführt wurde, konnten sie – laut eigenen Angaben – bereits über 450 Aufständische töten.

Die ägyptische Regierung bezeichnete ihr Programm "Sinai 2018" denn auch als "entscheidenden Schlag" gegen die Dschihadisten im Nordsinai. Kritiker hingegen meinen, die Militäraktion sei lediglich ein weiterer gescheiterter Versuch, die Krise mit militärischen Mitteln in den Griff zu bekommen.

Immer tiefer in den militärischen Konflikt

Doch trotz des neuen Anti-Terrorkampfs geht der dschihadistische Aufstand weiter. Ein ägyptischer Militärexperte, der mit Qantara.de über das Programm sprach und anonym bleiben wollte, sagte, der Kampf habe den Gegner "nur noch tiefer in die Militanz getrieben".

Infografik Ägypten mit Nord-Sinai; Quelle: Deutsche Welle
Zweifelhafte Erfolge im Anti-Terrorkampf: Im vergangenen Februar lancierte Ägypten eine großangelegte Kampagne gegen Terrorgruppen unter anderem im Sinai und Teilen des Nildeltas. Dabei wurden laut Berichten bisher 500 militante Kämpfer von der ägyptischen Armee getötet. Doch die Gewalt durch extremistische Gruppen wie der "Wilayat Sinai" hält weiter an.

Allein in den ersten beiden Novemberwochen erklärte sich "Wilayat Sinai" für acht verschiedene Anschläge im Nordsinai verantwortlich. Am 15. November veröffentlichte die Gruppe ein 42-minütiges Video, das ihre jüngsten Aktionen dokumentiert. Die Bilder zeigen Sprengstoffattentate auf Soldaten, Kontrollpunkte dschihadistischer Milizen im Nordsinai und einen M60-Patton-Panzer aus US-amerikanischer Produktion, den die Gruppe vermutlich von ägyptischen Sicherheitskräften erbeutet hat.

Die Angaben der ägyptischen Regierung über die Anzahl der getöteten "Wilayat-Sinai"-Kämpfer könnten auf den Grund hindeuten, warum es weiterhin so viele Anschläge gibt. Angeblich hat die Regierung in den letzten sechs Jahren viel mehr Aufständische getötet als die 1.000 Kämpfer, die zu Wilayat Sinai gehören. "Die ägyptischen Sicherheitskräfte neigen dazu, militärische Erfolge zu beschönigen und Misserfolge zu kaschieren, indem sie die Anzahl der getöteten Gegner faken", so der ägyptische Militärexperte. "Dass sie angeblich mehr als die Hälfte der dschihadistischen Aufständischen getötet haben, finde ich kaum vorstellbar."

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.