Aiman Mazyek

Unter Generalverdacht

Angesichts einer schärfer geführten Diskussion über Leitkultur und Integrationsfähigkeit von Muslimen, sind viele moderate islamische Organisationen wachsenden Anfeindungen ausgesetzt, schreibt Aiman Mazyek in seinem Kommentar.

Angesichts einer schärfer geführten Diskussion über Leitkultur und Integrationsfähigkeit von Muslimen, sind viele moderate islamische Organisationen wachsenden Anfeindungen und Rechtfertigungszwängen ausgesetzt, meint Aiman Mazyek in seinem Kommentar.

Foto: Grünhelme
Aiman Mazyek

​​Das Ergebnis ist erschreckend: Gut die Hälfte der Westeuropäer ist laut einer Umfrage des "Custom Research Worldwide" - im Auftrag der US-amerikanischen Tageszeitung "Wall Street Journal" - der Ansicht, dass Muslime in den jeweiligen europäischen Ländern auf Ablehnung stoßen. In Deutschland liegt der Wert bei 61 Prozent. Weiteres Ergebnis: Je mehr Einfluss rechte Parteien haben, desto größer sind die Ressentiments.

Diffuse Angst vor Muslimen

Die bizarren Verlautbarungen mancher Medien und Politiker, die fast täglich einen mittelbaren terroristischen Anschlag beschwören und damit die Stimmung unerträglich aufheizen, tun ihr Übriges.

Gleichzeitig aber war unsere Gesellschaft kaum in der Lage, frühzeitig den jetzt von allen mit Angst beobachteten, wieder erstarkten Rechtsextremismus einzudämmen, der inzwischen auch direkt die Landesparlamente in Sachsen, im Saarland und in Brandenburg erreichte und die eigenen Bürger davor zu warnen und zu schützen.

Folgendes scheint ferner nicht mehr in dieses Bild zu passen: Über drei Millionen Muslime leben in Deutschland, die überwiegende Mehrheit ist in unserer Gesellschaft integriert. Seit mehr als vier Jahrzehnten haben Muslime – mehrheitlich Türken – brav ihre Steuern bezahlt und sich dem bundesrepublikanischen Alltag gefügt und sind dabei nicht sonderlich aufgefallen.

Und trotz sensationslüsterner Reportagen haben wir weiterhin im Großen und Ganzen Frieden in unseren Städten. Dies ist weniger der Verdienst der Polizei oder gar der "deutschen Leitkultur", als vielmehr den besonnenen BürgerInnen anzurechnen - ganz gleich ob Muslime, Christen, Juden oder Atheisten.

Doch seit dem 11. September, den Anschlägen von Madrid und dem Mord an Van Gogh soll alles anders sein? Der Islam wird in der Tat aufgrund dieser Ereignisse von vielen Bundesbürgern zunehmend als fremd und bedrohlich eingestuft. Ähnliche Töne waren auch aus dem Bundestag zu hören: Die deutsche Leitkultur als Kontrast zum angeblich gescheiterten Ideal einer multikulturellen Gesellschaft.

Der Zeitpunkt scheint verpasst zu sein, als die Warnungen noch Resonanz fanden, dass der Islam und die Muslime nicht unter Generalverdacht gestellt werden dürften. Da nützt keine Augenwischerei: Der Generalverdacht ist da, die eingangs erwähnte Umfrage macht dies nur allzu deutlich.

Zudem haben die Konservativen den Islam zunehmend als Folie für eine christlich-abendländische Wertedebatte entdeckt. Eigene Werte stehen dabei leider weniger im Vordergrund, denn die Diskussion wird zunehmend in der Abgrenzung zum Fremden – also zum Muslim – geführt.

Integrationsdebatte als Ausgrenzungsdebatte

Überdies verkommt die sogenannte Integrationsdebatte immer mehr zur Sicherheitsdebatte. Eine scharfe Trennung, die der Sache nur dienlich sein kann, findet heute auch in den Medien kaum noch statt.

Die Integrationsdebatte entpuppt sich eher als Ausgrenzungsdebatte – man erklärt wen und was man in der Gesellschaft als Fremdkörper betrachtet und gegebenenfalls ausgewiesen haben möchte.

Der früher noch selbstverständliche Gang in die Moschee wird heute beargwöhnt, und der gläubige Muslim gilt heute per se als verdächtig. Nach dem Motto: "Al-Qaida ist überall" - und das Gedankengut dieses Netzwerks wird unmittelbar in der muslimischen Gemeinschaft vermutet, egal wie engagiert und aufgeschlossen sich eine Gemeinde in der Öffentlichkeit präsentiert oder wie stark sie sich vom Extremismus distanziert.

Selbst wenn diese Gemeinde dann zum Ziel von Brandanschlägen oder polizeilichen Durchsuchungskommandos wird – die Öffentlichkeit nimmt dann davon kaum Notiz.

Die Moscheegemeinden und Islamverbände stehen heute unter einem enormen Druck: Wollen sie doch einerseits ihre Integrationswilligkeit unter Beweis stellen und andererseits in einem aufgeheizten Klima der wachsenden Unzufriedenheit sowie dem zunehmenden Misstrauen gegenüber der muslimischen Minderheit etwas entgegensetzen.

Verschwörungstheoretiker auf dem Vormarsch

Innerislamisch hat dies zur Folge, dass mit zunehmender Tendenz die Verschwörungstheoretiker die Szene beherrschen. Das Wort "Auswanderung" macht in dieser Community wieder die Runde.

Dies ist Wasser auf die Mühlen der Extremisten. Fiebern sie doch dem Zusammenprall der angeblich so feindlichen und dekadenten westlichen Gesellschaft mit der angeblich so monolithischen muslimischen Gesellschaft seit Jahren entgegen.

Sie feiern zur Zeit Urstände und ihre besserwisserischen Reden lässt der Mehrheit der integrationswilligen und friedvollen Muslimen die Haare zu Berge stehen und stellt die Verantwortlichen in den Gemeinden vor einer schier unlösbare Aufgabe.

Auch die in letzter Zeit lauter werdende muslimische Selbstkritik droht wieder in die Defensive zu geraten: Denn noch deutlicher als bisher geschehen, muss von Seiten der Muslime, ihrer Verbände und Gelehrten, terroristische Anschläge nicht nur verurteilt, sondern diese Haltung mit entsprechenden Handlungen als Zeichen untermauert werden.

Es ist schwer für Muslime einzugestehen, dass der so genannte "islamistische Terror" auch ein Produkt muslimischer Dekadenz ist. Ein Denken, das nihilistische und totalitäre Züge aufweist, die dem muslimischen Denken bislang fremd waren.

Der Irrglaube, über totalitäre Aktivitäten und die Pervertierung der eigenen religiösen Grundsätze Veränderungen herbeiführen zu wollen, trägt derzeit maßgeblich zum Erscheinungsbild des Islam bei, obwohl der ganz große Teil der Muslime in der Welt sich damit keineswegs identifiziert.

Mit diesem Phänomen müssen sich die Muslime innerislamisch mehr auseinandersetzen als bisher. Nicht nur, weil sie dadurch verloren gegangenes Vertrauen in der Gesellschaft zurückgewinnen können, sondern auch und gerade, um "selbst reinigende Kräfte" in den muslimischen Gesellschaften wieder zuzulassen.

Da der Kredit für eines vertrauensvollen Umgang zwischen der Mehrheitsgesellschaft und seinen Minderheiten nahezu aufgebraucht ist und die Leitkulturdebatte jetzt eher tiefere Gräben gräbt als diese zuschüttet, haben es die innerislamischen Kräfte zur Zeit schwer, wird ihr Werben - insbesondere von extremen Kräften - doch eher als ein "Einknicken" vor dem Druck der Gesellschaft verstanden.

Müde belächelter Dialog

Zudem fragen sich viele Muslime ernsthaft: Wie lange ertragen sie es noch in diesem Land, wo sie geboren und wo sie nun als Folie des Kulturkampfes zu fungieren scheinen? Viele Nichtmuslime wiederum sehen die bescheidenen Ergebnisse eines jahrzehntelangen Dialogs mit den Kulturen und Religionen zwischen ihren Fingern zerrinnen.

Viele fragen sich, gibt es nur noch Feindbilder? Wird der Dialog jetzt nur noch in die Ecke der Naivität und Blauäugigkeit gedrängt? Haben die Hardliner das Zepter nun endgültig in die Hand genommen oder siegt am Ende doch noch die Vernunft?

Es besteht sicherlich Einigkeit darin, dass die oben erwähnte Problematik die radikalen Kräfte stärkt und die moderaten Kräfte auf beiden Seiten schwächt. Das kann doch nicht unser aller Ziel sein!

Politik und Medien sollten versuchen, in Zukunft weniger Schlagzeilen zu produzieren, als vielmehr eine langfristige Perspektive zu entwickeln, wie Muslime unter den veränderten weltpolitischen Vorzeichen in unserem Land weiterhin friedlich leben können.

In dieser Beziehung kann man zum Beispiel vom Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando, lernen. Unter seiner Regierung reduzierte sich die Zahl der jährlichen Morde der Cosa Nostra von 250 auf null. Das war eine Sensation. In einem kürzlich erschienenen Interview antwortete er auf die Frage, wie man Mafiosi und Terroristen besiegen kann:

"Ich benutze immer das Bild des sizilianischen Karrens. Das ist ein Karren mit zwei Rädern. Das eine Rad sind Polizei und Gesetze, das andere ist das Rad der Kultur. Wichtig ist, dass sich beide Räder gleich schnell drehen. Wenn sich ein Rad schneller dreht als das andere, fahren wir im Kreis. Ich habe das zweite Rad in Bewegung gesetzt, die Gesellschaft gegen die Mafia und den Terror mobilisiert."

Aiman Mazyek

© Qantara.de 2004

Aiman Mazyek ist Chefredakteur von islam.de und stellvertretender Vorsitzender der Grünhelme. Er war früher alsPressesprecher des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

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