AIDS in den arabischen Ländern

Einfach die Augen verschließen

Zwischen einer halben und einer Million AIDS-Infizierte leben in den arabischen Ländern, doch das Problem wird noch immer marginalisiert. Alfred Hackensberger sprach mit Elie Aaraj über Möglichkeiten der Aufklärung und Prävention im Libanon.

Zwischen einer halben und einer Million AIDS-Infizierte leben in den arabischen Ländern, doch das Problem wird noch immer marginalisiert. Alfred Hackensberger sprach mit Elie Aaraj von SIDC, einer libanesischen, konfessionell unabhängigen NGO, über Möglichkeiten der Aufklärung und Prävention im Libanon.

AIDS-Schleife am UN-Gebäude in New York; Foto: AP
"Es gibt ein Problem zwischen der Jugend und der Gesellschaft, die nicht hören will, dass sich alles verändert hat" - AIDS-Schleife am UN-Gebäude in New York

​​Die Gesellschaft im Libanon ist sehr konservativ, religiös geprägt, alles "Nicht-Normale" passiert hinter einem Vorhang, in einer illegalen Grauzone. Wie arbeitet man da mit Menschen, die es offiziell nicht gibt bzw. nicht geben soll?

Elie Aaraj: Wir rekrutieren jeweils Leute von den Aids-Risikogruppen. Da sind die weiblichen Sexarbeiter, Homosexuelle und Drogenkonsumenten. All diese Menschen sind "Outlaws".

Wo erreicht man diese Leute. Man kann hier doch nicht einfach zum Busbahnhof gehen.

Aaraj: Doch, doch, man findet sie auf der Straße. Prostituierte und Drogenabhängige kann man in den Vororten von Beirut oder Tripoli finden. Auch für Homosexuelle gibt es "Floating areas". Aber gerade ihnen merkt man die Angst deutlich an, wenn ein Fremder auf sie zukommt, ihnen Fragen stellt oder nur ein Kondom übergibt.

Warum sind die Leute "Outlaws"? Aus religiösen Gründen?

Aaraj: Nicht nur aus religiösen Gründen. Es ist das Gesetz, das ihnen Angst macht. Wenn man sie zum ersten Mal verhaftet, gibt es sechs Monate bis ein Jahr. Im Wiederholungsfall bis zu drei Jahren.

Was soll das für einen Sinn machen?

Aaraj: Das fragte ich auch einen Verantwortlichen bei Gericht. Wie sinnvoll ist es, einen Homosexuellen, dessen Homosexualität man verhindern will, ins Gefängnis zu stecken, wo es ausnahmslos nur Männer gibt. Welche Kontrolle hat man denn da? Als Antwort bekam ich nur ein Achselzucken.

Gibt es keine Einflussnahme auf Institutionen, Parlamentarier, den Präsidenten, endlich von der Inhaftierung Homosexueller abzusehen?

Aaraj: Nein, die sagen dann, mir sind die Hände gebunden, das ist eben Gesetz.

Was mit den Homosexuellen gemacht wird, ist bei den so genannten Drogensüchtigen nicht anders.

Aaraj: Ja, natürlich, die werden eben so kriminalisiert und an den Rand der Gesellschaft, wenn nicht ganz hinaus gedrängt.

Die Heterosexuellen bilden weltweit den größten Teil der Aids-Infizierten. Wie erreichen sie den arabischen Ehemann?

Aaraj: Es gibt ein so genanntes "Out-Reach-Programm", bei dem wir normale Aufklärungsarbeit betreiben - mit Broschüren und Kondomen. Daneben gibt es eine Unterstützungsgruppe für Menschen, die mit Aids leben. Wir versuchen diese in der Gesellschaft mehr und mehr öffentlich sichtbar zu machen, gegen jede Art von Diskriminierung und für ihr Recht auf freie Medikamentierung.

Es ist bestimmt schwierig, an die Öffentlichkeit zu treten.

Aaraj: Natürlich, besonders bei den Verheirateten. In vielen Fällen werden sie einfach aus dem Haus geworfen und sitzen dann erst einmal auf der Strasse.

Aus religiösen Gründen, Konservatismus, Unwissenheit?

Aaraj: Da geht es nicht um Religion. Die Frau merkt eben, dass er sie betrogen und vielleicht auch noch angesteckt hat. Sie ist verletzt, verärgert und zeigt ihm den Weg auf die Straße. Bis zu einem gewissen Punkt auch verständlich.

Beirut ist die Hochburg der Prostitution im Mittleren Osten. Die meisten Mädchen stammen aus Rumänien, Russland, der Ukraine oder auch aus Polen. Sie sind zu Tausenden hier, leben und arbeiten im christlichen Ostteil der Stadt.

Aaraj: Ja, aber mit denen haben wir in der Regel einen guten Kontakt. Daneben gibt es noch Mädchen aus Syrien und natürlich auch Libanesinnen. Beirut ist ein Zentrum für den Sextourismus, besonders aus den Golfstaaten.

Wie reagiert die Gesellschaft auf ihre Arbeit?

Aaraj: Wir werden von der Gesellschaft respektiert, das muss man wirklich sagen. Wenn das Marginalisertenproblem aber zu nahe kommt, dann ist es schnell vorbei mit den Sympathien und mit der Unterstützung. Auf einer Pressekonferenz baten wir die Journalisten, in Zukunft eine andere, humanere Terminologie zu verwenden. Im Arabischen ist das Wort für Prostituierte beispielsweise sehr negativ besetzt. Aber die Medien wollten da nicht mitspielen. Wieso sollen wir die Dinge schöner machen, als sie sind, sagte man uns.

Was sagen eigentlich die Christen, die sehr strenggläubig sind, dazu, dass Sie Kondome verteilen?

Aaraj: Die christlichen Führer haben kein Problem damit, alle "Verdammten" dieser Gesellschaft zu lieben. Dass wir aber Kondome verteilen, dass können sie unter keinen Umständen akzeptieren. Man wirft uns vor, Werbung für ein okzidentales Leben zu machen - Sex als Konsumware.

Da gibt es keine Möglichkeit des Dialogs?

Aaraj: Wir versuchen es. Einen Pfarrer habe ich einmal gefragt, was er denn mache, wenn ihm Jugendliche im Beichtstuhl von sexuellen Handlungen berichteten. Er würde für sie beten, war seine Antwort. Sehen Sie, sagte ich ihm, jeder tut, was in seiner Macht steht. Sie beten und wir verteilen Kondome. Ich glaube, er verstand, was ich damit meinte. Aber wenn ich ihm von jungen Männern erzählt hätte, die sich in Kinos treffen und gemeinsam auf Toiletten verschwinden, das hätte er nicht mehr verstanden bzw. nicht mehr verstehen wollen. Für diese Sünder auch noch Kondome, und obendrein auch noch kostenlos.

Man weigert sich, die Realität zu sehen?

Aaraj: Ja, die religiösen Führer, aber auch Politiker und die ältere Generation wollen die Realität nicht sehen. Es gibt ein Problem zwischen der Jugend und der Gesellschaft, die nicht hören will, dass sich alles verändert hat.

Sie sprachen jetzt von der christlichen Seite. Gibt es Unterschiede bei den Muslimen?

Aaraj: Die muslimischen Geistlichen können mit uns natürlich auch nicht übereinstimmen. Für Homosexuelle ist in einigen muslimischen Gemeinschaften der Tod durch Steinigung vorgesehen. Aber im Großen und Ganzen, das muss man sagen, sind sie tolerant. Sie verschließen einfach die Augen: Wir akzeptieren es nicht, aber was soll man machen, es existiert.

Gibt es muslimische Organisationen, die in Sachen Aids aktiv sind?

Aaraj: Ja, einige. Wir arbeiten mit ihnen bei bestimmten Kampagnen und Aktivitäten zusammen. Die meisten arbeiten bei der Gesundheitsprävention, nicht in der Pflege. Wir arbeiten z.B. mit der "Health Society" der Hisbollah.

Ist es unter religiösen Auspizien möglich, eine Sexualerziehung durchzuführen?

Aaraj: Als es um das neue Curriculum für die öffentlichen Schulen ging, schlugen wir als neues Fach Sexualerziehung vor. Das wurde von den Muslimen und Christen gemeinsam verhindert. Wir erklärten ihnen, dass Sexualerziehung keine Aufforderung zum Sex sei und dass es wichtig für Kinder sei, über den eigenen Körper und die Seele, aber auch über den des anderen Geschlechts Bescheid zu wissen. Es ist besser, wenn die Schulen, Kirchen, Moscheen die Sexualerziehung übernehmen, als wenn es auf der Straße passiert. Aber solche Argumente interessierten niemand.

Libanon versteht man nun als liberales Land in der arabischen Welt. Wie sieht es mit der Aids-Problematik in anderen Ländern aus?

Aaraj: Offiziell ist die Zahl der Infizierten sehr gering.
Und wie es in der Realität aussieht, kann man nicht sagen, man weiß es nicht. Es gibt einfach keine Daten.

Das lässt generell auf wenig Interesse an der Aids-Materie schließen.

Aaraj: In einigen Ländern will man die Realität nicht sehen. Aber trotzdem, die Dinge bewegen sich. Vor kurzem gab es ein Treffen der Gesundheitsminister der Golfstaaten (GCC), auf dem beschlossen wurde, Aids-Präventionen zu veranlassen. Es geht zwar langsam, aber es passiert etwas. Aber in diesen Ländern ist das Aids-Problem lange nicht so groß, wie in Iran oder Libyen.

Woher kommen die hohen Infektionsraten in diesen Ländern?

Aaraj: Es gibt sehr viele Leute, die Drogen nehmen. In Libyen beispielsweise gab es immense Steigerungsraten von Infizierten.

Was tut man in diesen Ländern, die gemeinhin als diktatorisch gelten?

Aaraj: Alles sehr vernünftig, würde ich sagen. Man versucht die Ansteckungsrate erst einmal zu senken. Im Iran, wo es knapp über 1 Million Drogenkonsumenten gibt, werden im großen Rahmen Spritzen ausgegeben.

Macht man das auch im Libanon?

Aaraj: Nein, das ist hier verboten.

Rund 500.000 Aids-Infizierte in der arabischen Welt sind fast so viele wie in Europa.

Aaraj: Die hohe Zahl liegt in erster Linie an Somalia und Sudan. In den beiden Ländern gibt es seit zwei Jahren hohe Infektionsraten. Im Sudan kommt auf 1000 Einwohner ein Aidskranker, und in Somalia sind es 1,2 pro 1000 Einwohner. In anderen Ländern, wie in Ägypten, gibt es gar keine Statistiken.

Wie viele Fälle gibt es im Libanon?

Aaraj: Offiziell sind es 765. Inoffizielle Schätzungen liegen zwischen 2000 und 3000. Genaues wissen wir aber leider nicht. Vielleicht stehen wir tatsächlich vor einer Explosion. Seit die Regierung vor zwei Jahren die komplette Kostenübernahme der Behandlung und Medikation von Aidskranken zugesagt hat, steigerten sich jedes Jahr die Fälle, die sich offiziell registrieren ließen.

Interview: Alfred Hackensberger

© Qantara.de 2005

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