Aicha nahm ihren legitimen Platz als führende religiöse Persönlichkeit in Tunis ein und hatte Zugang zu den höchsten theologischen Kreisen. Sie begleitete ihren Mentor zu verschiedenen sakralen Stätten, was nur privilegierten Sufis vorbehalten war. Sie zählte zum engsten Kreis von Prinz Abou Mouhamad Abdel Wahed und später von Sultan Abu Zakariya. Sie erhielt Zugang zu Gebetsstätten, die bisher nur Männer betreten durfte, wie beispielsweise zur Moschee Mousalla Al-Idayn, die Abu Zakariya im Jahre 1229 erbauen ließ.

In der Moschee von Safsafa (der heutige Schrein von Sidi Abdallah Cherif) überraschte und entzückte Aicha die Gläubigen. Eine so eloquente Vortragsweise und ausgefeilte Sprache kannte man damals nur von angesehenen männlichen Gelehrten.

Hilfe für die Armen und Ausgegrenzten

Der Schrein von Aicha Manoubiya westlich von Tunis; Foto: Safa Belghith
Oase der Spiritualität und des Gedenkens an 'Lella Saida' Manoubiya: Im Gouvernement Manouba, westlich von Tunis, steht der Schrein von Aicha Manoubiya ein historisches und kulturelles Wahrzeichen der Stadt. Ein Platz, um einander zu begegnen, zu musizieren und zu feiern. Die Besucher essen, plaudern und genießen die volkstümlichen Lieder, die die Heilige loben und ihre Tugenden besingen.

Neben ihren wissenschaftlichen und religiösen Fähigkeiten zeichnete sich Aicha als Philanthropin aus, die alles, was sie nicht für ihren Lebensunterhalt benötigte, an die Armen weitergab, vor allem an bedürftige Frauen. Historisch belegt ist, dass sie mehrere tunesische Sklaven kaufte und nach Italien schickte, wo sie freigelassen wurden. Und dies sechs Jahrhunderte vor der offiziellen Abschaffung der Sklaverei in Tunesien im Jahr 1846.

Als Al-Shadhili Tunesien verließ, reichte er Aicha seinen Umhang und seinen Ring, verlieh ihr in einer offiziellen Zeremonie den Titel Qutb und nannte sie einen "Imam der Menschen". Qutb, bedeutet wörtlich "Pol" oder "Achse" und markiert den höchsten spirituellen Rang im Sufismus. Und tatsächlich war Aicha zeit ihres Lebens und darüber hinaus ein Pol des Wissens und der Theologie.

Ihre Spiritualität und ihre Taten berührten das Leben der Menschen in einer Weise, die sie zur Heiligen erhob. Ihr wurden übernatürliche Fähigkeiten zugeschrieben, die im sunnitischen Islam als "Karamat" bezeichnet werden. Man erzählt sich, dass ihr Vater ihr einst einen Ochsen als Arbeitstier für die Landwirtschaft schenkte. Statt ihn selbst zu nutzen, gab sie ihn als Schlachttier an die Armen weiter und bat diese, ihr die Knochen zurückzugeben. Nachdem sie die Knochen zurückerhalten hatte, erwachte der Stier wieder zum Leben.

Abseits aller Überlieferungen ist eines sicher: Sie war eine unabhängige und einflussreiche Frau, die die sozialen Zwänge überwinden konnte und sich als gleichberechtigt, wenn nicht gar als intellektuell überlegen erwies. Mit ihrer Forderung nach Bildung und Freiheit für Frauen war Saida Manoubiya eine Feministin, die ihrer Zeit weit voraus war.

Safa Belghith

© Open Democracy 2018

Safa Belghith ist Absolventin der Universität von Tunis El Manar. Sie ist freie Wissenschaftlerin mit den Schwerpunkten tunesische Politik, Frauenrechte und Medienreform.

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers

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