Ahmed Khaleds Kinofilm "Das fünfte Pfund"

Endstation Sehnsucht

In Kairo hat der Regisseur Ahmed Khaled einen mutigen Film über Sexualität in Ägypten gedreht. Doch gezeigt werden kann er dort nicht. Sonja Zekri berichtet warum

​​Eine knappe Viertelstunde ist eine gute Länge für eine Provokation. 14.20 Minuten von der ersten Haltestelle bis zur Endstation und dazwischen die Fahrt in einem leeren, klimatisierten, verdunkelten Langstreckenbus, die ein Mann und eine Frau nutzen, um das zu tun, was sie nirgends sonst tun können: verstohlene, bescheidene Zärtlichkeiten auszutauschen - von vorn im Spiegel misstrauisch beobachtet.

Sex als Tabuthema

Am Ende drückt der Mann dem Fahrer Geld in die Hand. Zwei ägyptische Pfund pro Ticket, ein Pfund für das Schweigen: "Das fünfte Pfund", so heißt der Kurzfilm von Ahmed Khaled. Der Regisseur führt ihn auf einem Laptop vor, weil er so gut wie nie zu sehen ist, denn er zeigt viel von dem, was die ägyptische Gesellschaft lieber verbergen will: Sex und Religion und die Kompromisse, die die Jugend bei beidem macht.

Khaleds Studio liegt Downtown Kairo in einer Seitenstraße, wo die Metropole ins Ländliche abgleitet: Eselskarren mit Obstbergen, Mopedwerkstätten, aufgerissener Asphalt, kaum Fremde. Immerhin: Hier kann Khaled machen, was er will. Noch, muss man wohl sagen, denn wenn Ägypten sich erwartungsgemäß entwickelt, wenn die Muslimbrüder, die noch heimlich nach der Macht greifen, eines Tages offen herrschen, dann dürfte dieser treuherzige, knapp 30-jährige Schlacks mit den eleganten Koteletten nicht mehr viel zu lachen haben. Und sicher nichts mehr zu filmen.

"Sex im Bus? Nie gehört...!"

Ahmed Khaled, Foto: &copy www.ahmedkhaled.com
"Frauen mit Schleier sind gut, alle anderen schlecht?! Was für ein Blödsinn!", meint Filmregisseur Khaled

Es war ja so schon schwer. Dem Direktor des Transportunternehmens log Khaled vor, er drehe einen Film über ein Paar auf dem Weg in die Ferien. "Oh, sagte der, ich hoffe nur, Sie machen keinen Film über Sex in unseren Bussen. Ich antwortete: "Sex im Bus? Nie gehört...", erzählt er. ​​Dabei liegt die Provokation gerade darin, dass alle davon gehört haben - "die Strecke zwischen Gizeh und dem Flughafen war berühmt" - und Freunde ihm mitteilten, nun müssten sie sich wohl eine andere Zuflucht suchen.

Das Schlimmste aber, das Unverzeihliche des Filmes ist nicht die Trostlosigkeit der gestohlenen Küsse, nicht die Tatsache, dass das Paar sich an einem Freitagmorgen trifft, wenn ein Muslim in der Moschee zu sein hat, nicht mal die Tatsache, dass der Fahrer Korankassetten hört, aber sich in einer Traumsequenz an die Stelle des Mannes fantasiert. Das Unerhörte liegt darin, dass das Mädchen ein Kopftuch trägt. Eine Verschleierte, die sich befummeln lässt, das widerspricht allen Überzeugungen vom Zusammenhang zwischen Kleiderordnung und Moral. Und genau das soll es. "Frauen mit Schleier sind gut, alle anderen schlecht: Was für ein Blödsinn!", giftet Khaled. Nun will eine Anwältin ihn verklagen. Bei der Vorführung im Russischen Zentrum rief jemand, so etwas gebe es gar nicht in Ägypten. "In diesem Land herrschen so viele Lügen, so viel Heuchelei und Tabus", sagt Khaled: "Und die muss man brechen."

Gesellschaftliche Widersprüche

Was das heißt in einer Gesellschaft, die zwar Satelliten-Fernsehen, laszive Bauchtanz-Videos und die atemberaubenden Auslagen der Kairoer Dessous-Läden konsumiert, aber der die Al-Azhar-Moschee soeben Empfehlungen für den reproduktionsorientierten Verkehr nahelegte, weiß er selbst. "Vielleicht ist alles nur eine Fiktion?", fragt er listig. Aber das ist nur eine Schutzbehauptung. Ägypten hat die größte Film-Produktion der arabischen Welt, Kinos von Kuwait bis Casablanca zeigen, was am Nil gedreht wird.

"Das fünfte Pfund" aber kennen die meisten Araber nur aus der Zeitung. Khaled hat den Film nie dem Zensor vorgelegt, deshalb hat er keinen Verleih, nur wenige Festivals zeigten das Werk. Die University of Oxford empfiehlt es als Quelle für die Anthropologie des Nahen Ostens, aber das ist nicht das Publikum, das Khaled erreichen wollte. Es ist sein erster Film, zuvor hat er Videoarbeiten gedreht, eine über die Ekstase eines religiösen Volksfestes, eine über die Proteste gegen den Irak-Krieg, der so wenig antiamerikanisch und so ägyptenkritisch war, dass der Direktor eines Jugendzentrums ihm beschied: "Diesen Film kann man erst in dreißig Jahren zeigen."

Filmsequenz "Das fünfte Pfund"

Ein Film über den Präsidentensohn Gamal Mubarak wurde ihm angetragen, aber da fragt man sich längst, was diesen gebildeten Spross einer Journalistenfamilie reitet, dauernd Hochrisiko-Themen aufzugabeln und vor allem: wie lange er das durchhält. An der Fakultät der Feinen Künste in Heluan hat er die islamistische Kunsterziehung selbst erlebt. Das Studium war ohnehin nicht das beste, verschult, verstaubt, weder Hopper noch Pollock bekomme man zu sehen, gerade mal etwas Renaissance. "Und in den Neunzigern tauchte eine islamistische Gruppe auf und setzte die Studenten unter Druck. Einige meiner Freunde kamen nicht mehr zur Zeichenklasse, weil Bilder von Menschen auf einmal 'haram' waren: Sünde", erinnert er sich.

Deformierung der Fantasie

Diese "Deformierung der Fantasie" macht ihn rasend, und wenn er über die Muslimbrüder redet, gebraucht er ein böses englisches Wort, das mit F anfängt und viel Ohnmacht ausdrückt: "Was ich mit meiner Kunst ausrichten kann? Im Vergleich zu einer Kugel: nichts", sagt er. Und weil er wildwestmäßig in Schwung ist, schiebt er hinterher: "Die oder ich. Man wird sehen." Das wird man. Noch redet er sich begeistert um Kopf und Kragen.

Einem Privatsender hat er ein Interview gegeben, sie kamen auf den Karikaturenstreit, und Khaled versuchte vorzubringen, was er auch jetzt sagt: Dass ihn die Karikaturen ankotzen, weil sie beleidigend sind, aber dass sie ihn bei weitem nicht so ankotzen wie die Reaktionen: "Die ägyptische Zeitung Al-Fagr hat die Bilder vier Monate vorher gedruckt, kein Mensch hat sich aufgeregt. Aber dann kamen die Vogelgrippe, die Fußballmeisterschaft, die Wahlen - und die Hölle war los.

Jedes Land hatte andere Entschuldigungen für die Krawalle, sie sind nicht ehrlich, nicht zivilisiert. Es war die schlimmstmögliche Vorstellung, die wir hätten geben können." So ungefähr hatte er das sagen wollen, aber da lenkte die Moderatorin ab. Noch fällt man Ahmed Khaled sanft ins Wort.

Sonja Zekri

© Süddeutsche Zeitung 2006

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