Ägyptens Frauenhaus "Beit Hawa"
Schutz vor häuslicher Gewalt

Viele Frauen, die in das "Beit Hawa" flüchten, sind traumatisiert und benötigen professionelle Hilfe, aber mangels Geld ist das unabhängig geführte Projekt ständig von der Schließung bedroht. Jürgen Stryjak hat das Frauenhaus bei Kairo besucht.

Viele Frauen, die in das "Beit Hawa" flüchten, sind traumatisiert und benötigen professionelle Hilfe, aber mangels Geld ist das unabhängig geführte Projekt ständig von der Schließung bedroht. Jürgen Stryjak hat das Frauenhaus in der Nähe von Kairo besucht.

Ägypterinnen in Kairo; Foto: dpa
In Ägypten ist Gewalt gegen Frauen keine Seltenheit, dennoch ist das Beit Hawa bisher das einzige Haus seiner Art im gesamten Land.

​​Ein klappriger alter Kleinbus ist für Frauen in Not der einzige Weg, ins Beit Hawa zu gelangen, ins Haus Eva. Das unabhängige Frauenhaus gibt seine Adresse nicht am Telefon heraus, denn es soll keiner wissen, wo sich das Haus befindet, erklärt Dina von der unabhängigen Gesellschaft für die Entwicklung und Förderung von Frauen.

Wenn eine Frau Schutz vor häuslicher Gewalt suche, dann dürfen der Ehemann oder die Familie nicht erfahren, wo sich die Frau befindet. Alle Mitarbeiter des Hauses seien Frauen, es gebe keine Männer dort. Wenn eine Frau ins Haus aufgenommen werden möchte, dann muss sie sich an die Zentrale der Gesellschaft im Kairoer Stadtteil Al-Manial wenden – dort werde sie registriert und dann ins Haus gefahren.

Das Haus Eva hat sechs Stockwerke, sagt Dina. Jede Frau, die komme, könne allein oder mit ihren Kindern in einer Wohnung leben. Wenn zwei Frauen sich anfreundeten und es wollten, könnten sie auch gemeinsam in eine Wohnung ziehen. Momentan sind sechs der zwölf Wohnungen belegt.

Chronischer Geldmangel

Das Haus mit dem weinroten Anstrich befindet sich außerhalb der Hauptstadt – auf dem Lande in der Provinz Qaliyubiyya, eine Autostunde von Kairo entfernt. Das Gebäude wurde vom Provinzgouverneur zur Verfügung gestellt. Alle laufenden Kosten werden mit Spendengeldern bezahlt.

Dennoch musste das Frauenhaus wegen Geldmangel seit seiner Eröffnung im Jahre 2006 bereits einmal sechs Monate geschlossen bleiben. Für Frauen die dringend Schutz brauchen, ist das eine Katastrophe. Es ist die einzige Einrichtung dieser Art in ganz Ägypten. Der Staat betreibt zwar sieben eigene Frauenhäuser, aber dort haben die Ehemänner und Familien Zugang zu den Betroffenen, die zudem für die Unterkunft bezahlen müssen.

Nur das Beit Hawa, sagt Mona, die mit drei Kindern dort lebt, biete wirklich Schutz: "Das Frauenhaus ist ein sicherer Ort für mich und meine Kinder", berichtet sie. "Bei meinem Mann zu Hause gab es nur Streit und Schläge. Und es gab nichts zu essen und zu trinken. Meinem Mann war's egal, ob er mich beschimpft oder woher wir das Geld bekamen. Es hing von mir ab, ob ich Geld hatte oder nicht."

Betreuung und Unterstützung

Im Beit Hawa erhalten die Betroffenen psychologische und finanzielle Unterstützung, suchen Beraterinnen gemeinsam mit den Frauen nach Lösungen und Auswegen. Doch vor allem ist es wichtig ist, dass die Frauen im Beit Hawa den Rückhalt der Gemeinschaft spüren.

Fotomontage Gewalt gegen Frauen; &copy DW
Gesellschaftlich tabuisiert und verdrängt - häusliche Gewalt gegen Frauen zählt in Ägypten zur traurigen Realität.

​​Eine Wohnung wurde zu einer Gemeinschaftswohnung umgebaut, erzählt Amal, die seit der Eröffnung von Beit Hawa dort arbeitet. Hier kochen die Frauen gemeinsam, sehen zusammen fern oder spielen mit ihren Kindern. Viele der Frauen erlebten Dinge, die sie traumatisiert haben.

In vielen ägyptischen Familien ist die Frau für den Ehemann mehr Haushälterin und Mutter seiner Kinder, als eine gleichberechtigte Lebenspartnerin. Der Tradition folgend soll der Mann die Familie ernähren und ihre Geschicke bestimmen. Im Alltag, der von großer sozialer Not geprägt ist, kann er der Rolle des Ernährers und Entscheiders aber immer seltener gerecht werden.

Das verleitet dazu, erlittene Demütigungen an die Schwächeren in der Familie weiterzugeben – an Frauen und Kinder. Gewalt in der Familie wird zwar seit einiger Zeit öffentlich debattiert und auch kritisiert, aber es ist schwer gegen überkommene Traditionen anzukämpfen.

Tradierte Konflikte

Schlimmer noch: Diesen Traditionen entsprechend wird die Schuld für Konflikte meistens der Frau gegeben. Dann kann es passieren, dass die gesamte Familie Gewalt gegen sie ausübt.

Nach Ansicht der Frauenhaus-Mitarbeiterin Amal wird die Gesellschaft das Gewaltproblem auch so schnell nicht lösen können: "Das liegt an unserer Kultur, wir haben das so übernommen", sagt Amal. "Wenn die Frau was Falsches sagt, wird sie geschlagen. Die Frau darf nie 'Nein' sagen. Wenn sie es dennoch tut, wird sie von ihrem Mann geschlagen, anstatt mit ihr zu reden. Auch mit unseren Kindern machen wir das so. Es ist ein generelles Problem. Es ist dieselbe Art von Gewalt."

Gewalt, die für die meisten Ägypter ein innerfamiliäres Problem ist. Dass die betroffenen Frauen Hilfe bei Fremden suchen, indem sie in ein Frauenhaus gehen, verletzt die Familienehre. Auch deshalb gibt es so wenig Hilfsangebote für Frauen.

Damit ihnen, die im Beit Hawa Schutz suchen, nicht auch noch vorgeworfen werden kann, sie hätten sich rumgetrieben, stellt ihnen das Frauenhaus eine Bescheinigung aus, ein Bestätigungspapier, damit sie zeigen können, dass sie hier waren, wenn die Familie oder der Ehemann fragen, wo sie gewesen sind.

Schutz suchen im Beit Hawa ägyptische Musliminnen, aber auch Christinnen. Es gibt keinen Unterschied, sagt Amal. Häusliche Gewalt komme bei Muslimen genau wie bei Christen vor. Im Formular des Frauenhauses werde die Religionszugehörigkeit gar nicht notiert.

So ist das Haus für alle Frauen in Not, unabhängig von ihrer Herkunft, nicht selten die letzte Rettung.

Jürgen Stryjak

© Deutsche Welle 2009

Qantara.de

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