Ägyptenpolitik unter Bismarck

Das Orientalische Geschwür

Deutschland war und ist in der Arabischen Welt ein gern gesehener politischer und wirtschaftlicher Partner. Doch viele politische Beobachter meinen, dass das deutsche Engagement in dieser Region nicht ausreichend sei. Könnte sich die heutige Politik ein Vorbild an der Ägyptenpolitik von Bismarck nehmen? Antworten von Christian Horbach

Otto von Bismarck; Foto: DW
Der Begründer des Deutschen Kaiserreiches: Otto von Bismarck gestaltete die Außenpolitik des Deutschen Kaiserreiches von 1871 bis 1890 im Alleingang.

​​ In den letzten Monaten erlebte die Arabische Welt geradezu eine Flut prominenter deutscher Politiker. Nachdem sich zunächst Außenminister Guido Westerwelle auf seine erste Reise in den Nahen Osten aufmachte, brach im Mai dieses Jahres Kanzlerin Angela Merkel in die Golfregion auf. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die arabische Welt in politisch-strategischer Hinsicht für Deutschland eine bedeutende Rolle spielt.

Dass dem allerdings nicht so ist, beklagen seit einiger Zeit immer mehr politische Beobachter. Sie fordern vielmehr ein verstärktes deutsches Engagement, das sich nicht nur in wirtschaftlichen Fragen erschöpft.

Dahinter steht oft auch die Furcht vor einer Marginalisierung des deutschen Einflusses auf die Geschehnisse in dieser politischen Schlüsselregion. So bemängelte zuletzt auch der Politologe Eberhard Sandschneider von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik das Fehlen einer "strategischen Perspektive" Deutschlands für die Golfregion.

Für eine intensivere politische Beschäftigung Deutschlands mit der Arabischen Welt gibt es derweil gute Gründe, nicht zuletzt der Wunsch vieler arabischer Staaten nach einem verstärkten deutschen Engagement: Deutschland war und ist in der Arabischen Welt sehr beliebt und ein gern gesehener Partner. Das hängt auch mit einer fehlenden deutschen kolonialen Betätigung in diesem Teil der Welt zusammen.

Rückgriff auf die Geschichte

Ein zweiter Blick in die Geschichte aber bringt eine interessante Frage hervor: Gibt es ein historisches Vorbild für ein verstärktes politisches Engagement Deutschlands im Mittleren Osten?

Merkel und al-Maktoum; Foto: AP
Eine "strategische Perspektive" fehlt: Politische Beobachter fordern seit einiger Zeit ein verstärktes Engagement Deutschlands in der Region des Mittleren Ostens.

​​ Eine greifbare deutsche Orientpolitik gibt es erst seit Otto von Bismarck, dem Gründer und ersten Kanzler des Deutschen Reiches. Finden die Befürworter einer vermehrten politischen Durchdringung der Arabischen Welt vielleicht in ihm ein Vorbild?

Was für Bismarck Orientpolitik bedeutete, lässt sich am Beispiel seiner Ägyptenpolitik anschaulich machen. Doch welchen Kurs fuhr Bismarck hinsichtlich Ägyptens und welche Rolle spielte das Land am Nil in der außenpolitischen Gesamtkonzeption?

Der Rahmen ist gesetzt

Nicht nur der britische Premier Benjamin Disraeli sah in der Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 eine massive Störung des europäischen Gleichgewichts. Einer weiteren Ausdehnung des neuen Machtfaktors in der Mitte Europas standen die alten europäischen Mächte ablehnend gegenüber und wären ihr notfalls auch militärisch entgegengetreten.

Damit war der Rahmen gesetzt, in dem sich die deutsche Außenpolitik bewegen musste. Bismarck, mit einem immensen politischen Talent gesegnet, erkannte das in seiner ganzen Konsequenz und postulierte infolgedessen gebetsmühlenartig das Dogma der Saturiertheit des Deutschen Reiches.

Karte von Ägypten; Quelle: Wikipedia Commons
Ägypten war auf Grund seiner geostrategischen Lage ein begehrtes Objekt des europäischen Imperialismus. Vor allem England und Frankreich lieferten sich einen Wettstreit um mehr Einfluss im Nilland.

​​ Die Furcht, das eben erst Gewonnene wieder zu verlieren, schloss natürlich auch ein Verzicht auf jegliches imperiales Ausgreifen der Deutschen mit ein; eine in dieser Zeit bei weiten Teilen der Bevölkerung sehr schmerzlich empfundene Einschränkung. Dies bezog sich selbstredend auch auf Ägypten, zumal dort mit England und Frankreich bereits zwei europäische Großmächte engagiert waren, die kein Interesse daran hatten, dass sich eine weitere Partei in die Angelegenheiten des Nillandes einmischte.

Der Verzicht auf eine direkte politische Betätigung in Ägypten fiel Bismarck allerdings auch nicht besonders schwer, denn ein genuin politisches Ziel im Nilland verfolgte er nicht.

Vielmehr war und blieb die Abgehobenheit von den inneren Verhältnissen ein Merkmal bismarckscher Ägyptenpolitik von Anfang bis Ende. Und auch die deutsche Wirtschaft war in Ägypten alles andere als prominent vertreten und übte dementsprechend kaum Druck auf den Reichskanzler aus. Es ist fraglich, ob Bismarck einem starken Druck überhaupt nachgegeben hätte, denn es ging ihm primär um eine Instrumentalisierung der ägyptischen Politik. Er selbst formulierte es glasklar: "Die ägyptische Frage bietet uns ein nutzbares Terrain für politische Operationen, aber kein Objekt derselben."

Koloniale Erpressung

Die Möglichkeit einer politischen Instrumentalisierung Ägyptens bot sich, weil dort England und Frankreich seit dem Versuch der Eroberung Ägyptens durch Napoleon im Jahr 1798 einen verbissenen Wettkampf um Einfluss austrugen. Eine Möglichkeit, die sich Bismarck auch keineswegs entgehen ließ. Je nachdem, welche Ziele er gerade erreichen wollte, schlug er sich mal auf die französische, mal auf die englische Seite. Vor allem gegenüber England spielte Bismarck die Trumpfkarte Ägypten regelmäßig aus.

​​ Als der Reichskanzler in den Jahren 1885 bis 1888 für kurze Zeit von seiner außenpolitischen Konzeption abwich und sich einer kolonialen Tätigkeit Deutschlands nicht mehr in den Weg stellte, wusste er, dass das Deutsche Reich ein Nachzügler auf diesem politischen Gebiet war. Ihm war klar, dass Deutschland mit den schon etablierten Mächten, vor allem mit der Kolonialmacht Nr.1, England, in Konflikt geraten musste.

So kam es auch: Das britische Königreich stellte sich bei jeder Gelegenheit den deutschen Plänen in den Weg. Ein Mittel, um diese Blockadehaltung aufzubrechen, fand Bismarck in der Erpressung mit Ägypten. Der Reichskanzler und sein Sohn Herbert machten gegenüber englischen Vertretern bei zahlreichen Gelegenheiten deutlich, dass Deutschland sich in Ägypten nur dann nicht auf die Seite Frankreichs stellen würde, wenn ihnen England auf kolonialem Gebiet entgegenkommen würde.

Eine wahrlich plumpe Erpressung, die allerdings so manchen Erfolg brachte. Daher ist es auch durchaus legitim zu behaupten, dass die Ägyptenpolitik Bismarcks bei der Gestaltung der deutschen Kolonialpolitik eine essenzielle Rolle spielte!

Das Orientalische Geschwür

Im Rahmen der Kolonialpolitik versuchte Bismarck also, über Ägypten handfeste politische Ziele zu erreichen. Doch das war eine Ausnahme. Vielmehr ging es ihm um etwas weniger Greifbares, dafür umso Wichtigeres: Er wollte das von ihm so bezeichnete "Orientalische Geschwür" offen halten, also die Spannungen unter den im Orient engagierten Mächten aufrechterhalten.

Suezkanal; Foto: AP
Finanzielle Interessen spielten keine Rolle: Die wirtschaftliche Ausbeutung Ägyptens überließ Bismarck den anderen Mächten.

​​Dieses Ziel formulierte Bismarck unter anderem in seinem berühmten Kissinger Diktat von 1877: Ziel deutscher Politik müsse es sein, die europäischen Mächte an der Peripherie zu binden, so dass sie ihr Augenmerk vor lauter Beschäftigung von Deutschland abwenden. Darüber hinaus sollen sie so in Konkurrenz zueinander gesetzt werden, dass die Bildung einer gegen Deutschland gerichteten Koalition ganz und gar unmöglich würde, der "cauchemar des coalitions", der Bismarck sein ganzes Leben lang verfolgte, also nie Wirklichkeit werde.

Dies war das vorrangige Ziel, welches Bismarck mit seiner Ägyptenpolitik verfolgte. Aus diesem Grund animierte er England bei fast jeder sich bietenden Gelegenheit dazu, sich doch bitte schön verstärkt im Nilland zu betätigen; wusste er doch, dass aus dieser Betätigung zwangsläufig ein Konflikt mit Frankreich entstehen musste. So verwundert es auch nicht, dass es vor allem Bismarck war, der 1882 die Engländer dazu drängte, Ägypten zu besetzen.

Bismarck als Vorbild?

Die Ägyptenpolitik Bismarcks war niemals eigenständig, sondern immer ein Teil der außenpolitischen Gesamtkonzeption des deutschen Reichsgründers. Eine politische Betätigung in Ägypten war für ihn nur so weit von Interesse, wie sie Rückwirkungen auf die europäische Mächtekonstellation zeigte. Direkte Interessen Deutschlands sah er in Ägypten nicht. Vielmehr betrachtete er es als bloße Verteilungsmasse, die er für seine übergeordneten Ziele verwenden konnte.

Burg Khalifa in Dubai; Foto: AP
Deutschlands Orientpolitik hat noch viel Spielraum nach oben. Doch Bismarck taugt nicht als Vorbild für ein verstärktes Engagement, meint Christian Horbach.

​​ So wie in Ägypten handhabte Bismarck auch seine gesamte Orientpolitik. Auch zum Osmanischen Reich, welches zu Deutschland gute Beziehungen unterhielt, hielt der deutsche Kanzler immer eine gewisse Distanz. Er wollte keineswegs in dieses politische "Minenfeld", wie er es nannte, hineingezogen werden, sehr wohl aber die anderen Mächte in dieses hinein schieben. In diesem Sinne steht Ägypten exemplarisch für die Konzeption der Orientpolitik Bismarcks.

Taugt nun also Bismarck als Vorbild für diejenigen, die heute ein verstärktes politisches Engagement Deutschlands in der arabischen Welt fordern? Immerhin hat er sich doch sehr aktiv in seiner Ägyptenpolitik gezeigt, ja hat das Nilland gerade in seiner politisch-strategischen Bedeutung für das Deutsche Reich gesehen.

Doch was heute gefordert wird, ist eine verstärkte direkte Betätigung im Mittleren Osten. Bismarck allerdings hat nur indirekt Orientpolitik betrieben, denn ein direktes Engagement hätte sein Konzept der "Politik der freien Hand" geradezu konterkariert.

Nicht direkte Betätigung, sondern selbst gewählte politische Abstinenz auf orientalischem Boden war das Merkmal bismarckscher Außenpolitik. Als Anwalt eines verstärkten direkten politischen Engagements Deutschlands in der Arabischen Welt fällt Bismarck also definitiv aus.

Christian Horbach

© Qantara.de 2010

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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