Was wäre eigentlich das richtige Kriegsziel gewesen? 

Ging es wirklich darum - "das Gute" zu tun? In Berlin war das ein gern verbreitetes Narrativ - für die Entwicklung Afghanistans, zum Wohle der afghanischen Frauen und Kinder. Also Brunnen und Schulen bauen, maximal ein mit Waffen abgesicherter Entwicklungshilfe-Einsatz? Deutschland hat sich in diesem Einsatz allerdings nie ehrlich gemacht. "Das Gute" in einem Krieg, heißt das, möglichst wenig zu kämpfen, wie die Bundeswehrsoldaten von ihrer Regierung mit auf den weiten Weg am Hindukusch mitbekommen haben? Oder hätte es nicht bedeuten müssen, mit politisch viel robusterem Mandat massiver zu kämpfen, als die Taliban ihren Einfluss in Kundus ausweiteten? Oder sich früher ehrlich zu machen, dass man diesen Krieg nicht gewinnen kann?

Chaotische Szenen bei der Evakuierung am Kabuler Flughafen; Foto: Associated Press/picture-alliance
Ikonisches Bild vom Scheitern des Westens: Auf einem der ersten Flüge (15.08.2021) nach der Machtübernahme der Taliban evakuierten die USA 640 Menschen in einer Transportmaschine der US Air Force nach Katar, 20 Jahre nachdem sie im Land einmarschiert waren. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 dürsteten die USA nach Rache. Ihre Verbündeten ziehen mit in den Krieg."Die Entscheidung, nach Afghanistan zu gehen, hatte null Prozent mit Afghanistan zu tun und 100 Prozent mit den USA. Wenn Osama bin Laden sich auf den Fidschi-Inseln versteckt hätte, wären wir dahin mitgegangen," räumte später ein Berater des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder ein. Von dem Land am Hindukusch verstehen alle Entscheidungsträger recht wenig, und die Experten, die warnen, wer Afghanistan mit einem westlichen Demokratiemodell beglücken wolle, sei zum Scheitern verurteilt - sie finden kein Gehör. 

Bauer zieht aus seiner Reise, die ihn auch mehrmals in das deutsche Einsatzgebiet im Norden des Landes führt, denn auch ein klares Fazit: "Aber nicht das Militär sollte in den nächsten Jahren scheitern, obgleich die Bundeswehr auf Afghanistan schlechtmöglichst vorbereitet war, die falsche Armee in allen möglichen Hinsichten, das blieb sie bis zu ihrem Abzug." Der Westen sei "mit seinen Zielen in Afghanistan nicht gescheitert, weil er militärisch scheiterte. Der Westen scheiterte, weil sein Konzept von Entwicklungshilfe scheiterte. Nicht Gewehrkugeln zerstörten die Vision eines demokratischen Afghanistan, sondern das Geld." 

In der Ich-Kategorie der Afghanistan-Bücher sticht vor allem Waslat Hasrat-Nazimis "Die Löwinnen von Afghanistan. Der lange Kampf um Selbstbestimmung" (Rowohlt Verlag 2022) hervor. Sie arbeitet als Journalistin für die Deutsche Welle, ihre Familie flüchtete aus Afghanistan nach Deutschland, als sie ein Kind war, und sie kann tatsächlich zwischen beiden Welten wandeln. Auch in der neuen Heimat werden in ihrer Familie die anhaltenden Konflikte am Hindukusch hitzig diskutiert. Als Jugendliche wünscht sich Hasrat-Nazimi nichts mehr, als endlich davon verschont zu werden. "Ihre Versuche, mir das politische Geschehen zu erklären, wischte ich genervt beiseite." 

Von "verlorener Kindheit" und Männlichkeit 

Dann beginnt sie sich intensiver mit ihrem Geburtsland zu beschäftigen, bereist es auch als Journalistin. Das ist nicht kitschig, aber sehr ehrlich, etwa wenn die Autorin ihr "vierjähriges Ich" beweint, das mit der Flucht aus Afghanistan "seine Kindheit verloren hatte, bevor diese überhaupt richtig angefangen hatte, und viel zu schnell erwachsen werden musste". Hasrat-Nazimi beschreibt das Patriarchat in einem Land, in dem der Begriff der Ehre gleichbedeutend mit "Männlichkeit" verwendet wird, und fehlgeleitete Hilfe für afghanische Frauen.

Sie hat keinen verklärenden Blick auf das Land, benennt die Ungerechtigkeiten, die dominierende Rolle der Mehrheitsethnie und den Webfehler des 20-jährigen westlichen Einsatzes: dass der Westen die Taliban zwar schnell stürzte, sie aber nicht gleich in Friedensgespräche einbezog, dass die Kriegsfürsten, die mit gegen die Taliban gekämpft hatten, nicht entmachtet, sondern in die westliche Nachkriegsordnung einbezogen wurden, dass Frauen "bei den ersten Gesprächen zum Wiederaufbau des Landes praktisch ausgeschlossen" wurden. 

Braucht es also diese Bücher? Ja. Jedes von ihnen hilft aus unterschiedlichen Perspektiven, das Scheitern des Westens am Hindukusch ein bisschen besser zu verstehen und Lehren für die Zukunft zu ziehen. 

Tobias Matern 

© Süddeutsche Zeitung 2022  

 

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