Afghanistan: In den vergangenen 20 Jahren erblühte die Graffiti-Szene im Land - jetzt müssen sich die Künstlerinnen verstecken.
Afghanistan

Afghanische Künstler: "Enttäuschung, Schmerz und Wut"

Aus Angst vor den Taliban zerstören viele afghanische Kulturschaffende ihre Arbeiten. Andere fertigen neue Werke an – als Zeichen des Protests. Manasi Gopalakrishnan berichtet

"Die Weltmächte denken, sie könnten alles mit Gewalt, Waffen und Geld regeln. Aber bevor man etwas tut, sollte man sich mit den Traditionen und der Geschichte des Landes vertraut machen", sagt Laila Noor, eine in Deutschland lebende afghanische Frauenaktivistin und Modedesignerin, im Gespräch mit der DW über die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan.

"Man muss sensibel sein und sich fragen: Was ist wichtig für die Menschen in diesem Land? Diese Barbaren [die Taliban] scheren sich nicht um Kunst und Kultur, aber andere Menschen in Afghanistan schon. Sie sind es, die Unterstützung und Sicherheit brauchen. Sie sollten nicht einfach denen ausgeliefert werden, die keinen Respekt vor Kunst, Kultur oder Frauen haben", fügte sie hinzu.

In einem Interview mit CNN kam der ehemalige US-Verteidigungsminister Chuck Hagel, von 2013 bis 2015 im Stab von Präsident Barack Obama, zu einem ähnlichen Schluss: "Die Geschichte Afghanistans haben wir überhaupt nicht verstanden", resümierte er. "Wir haben die Kultur nicht verstanden. Wir haben die Religion nicht verstanden. Wir haben das Stammesbewusstsein nie verstanden."

 

 

Tiefe Enttäuschung

In diesen Stunden und Tagen stellen afghanische Künstler und Kulturschaffende in der ganzen Welt kritische Fragen und nehmen vor allem die USA und westliche Länder für die Geschehnisse in die Verantwortung.

Khaled Hosseini, Autor der Bestseller "Der Drachenläufer" und "Tausend wunderbare Sonnen", gehört zu den prominenten Afghanen, die sich auf Twitter zu der Situation äußern.

Eine Gesprächsanfrage der DW beantwortet Hosseini, der die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, schriftlich. Der in Kabul geborene Autor bringt seine Trauer über die Entwicklungen in der afghanischen Hauptstadt zum Ausdruck: Er sei "tief enttäuscht und sehr besorgt um das Land". Hosseini verwies auf die positiven Ergebnisse der friedensstiftenden Bemühungen aus den vergangenen 20 Jahren, die erzielten Fortschritte seien nun aber bedroht.

"Die USA und die internationale Gemeinschaft insgesamt müssen Maßnahmen ergreifen, um eine humanitäre Krise in Afghanistan zu verhindern. Sie müssen Druck auf die Taliban ausüben, damit sie die grundlegenden Menschenrechte der Afghanen, insbesondere der Frauen und Mädchen, respektieren und keine Gewalt gegen afghanische Bürger anwenden", so der Schriftsteller.

 

 

Rückfall in eine vergangen geglaubte Zeit

Die Deutsche Welle hat verschiedene Künstler und Filmemacher in Afghanistan kontaktiert. Sie erklärten, dass sie untergetaucht seien und versuchten, ihre Arbeit aus dem Internet zu nehmen. Die meisten wollten in dieser Situation keine Interviews geben.

Die in Berlin lebende afghanische Designerin Shamayel Pawthkhameh Shalizi berichtete in der DW-Sendung "Arts and Culture" am 16. August über Freunde und Familienangehörige, die Afghanistan nicht verlassen können.

"Ich höre viel von Panik, Angst und posttraumatischen Belastungsstörungen bei den Menschen, die die Taliban-Zeit schon einmal erlebt haben", sagte sie. Die Afghanen empfänden dies als "Rückfall in eine Zeit, von der sie nie dachten, dass sie wiederkommen würde".

Shalizi hat von befreundeten Musikern in Afghanistan gehört, die nun ihre Studios abbauen und alles verstecken. Sie hat auch Kontakt zu anderen Künstlern, die ihre Kunst als eine Form des Widerstands fortsetzten, indem sie in Kabul Musik machten oder Graffiti sprühten - "als Abgesang", sagt sie - als letzte Handlung, bevor sie in den Untergrund gingen.

Die Filmemacherin Sahraa Karimi rief die Weltgemeinschaft schon am 13. August in einem offenen Brief, der in den sozialen Medien verbreitet wurde, um Hilfe an: "Wenn die Taliban an die Macht kommen, werden sie alle Kunst verbieten", schrieb sie. "Ich und andere Filmemacher könnten die nächsten auf ihrer Abschussliste sein."

Der Regisseurin ist es inzwischen gelungen, aus Afghanistan zu fliehen, wie sie in einem Tweet mitteilte.

 

"Es sind dieselben Taliban"

Die Unterdrückung habe bereits begonnen, sagte die in Deutschland lebende Aktivistin Laila Noor, deren Organisation Afghanistan Women's Network mehrere Schulen in armen Gebieten Afghanistans betreibt. Bildungseinrichtungen seien bereits geschlossen worden, Frauen und Mädchen blieben aus Angst in ihren Häusern.

Noor glaubt, dass sich die Taliban-Regierung in den ersten sechs Monaten zurückhalten werde, weil sie auf internationale Hilfe angewiesen sei. Anschließend werde sie beginnen, die Rechte der Bevölkerung zu beschneiden.

"Ich weiß nicht, was für Menschen das [die Taliban, d. Red.] sind. Sie töten Frauen, aber sie wurden von einer Frau in diese Welt gesetzt. Sie haben keinen Respekt vor ihren Schwestern und Müttern, und Kunst und Kultur sind sowieso eine Sünde. Vor 20 Jahren haben sie unser Weltkulturerbe in Bamiyan zerstört", so Noor weiter.

Die internationale Gemeinschaft sei vor zwei Jahrzehnten nach Afghanistan gekommen und hätte eine internationale Lösung für das Problem finden müssen, anstatt sich zurückzuziehen und die Menschen im Stich zu lassen. "Bitte verstehen Sie die Enttäuschung, den Schmerz und die Wut, die die Afghanen in sich tragen."

Manasi Gopalakrishnan

© Deutsche Welle 2021

 

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