Unterwegs ist man stark, man zeigt keine Schwäche, um sich in der Hackordnung einer Gruppe zu behaupten, man ist immer in Bewegung. Und hier kommt man an – es gibt keine Bewegung mehr, es gibt nichts zu tun, man hat kein Geld in der Tasche. Es gibt keine Parks, wie in Athen, wo man auf andere trifft, es herrscht Stillstand. Und dann kommen die Emotionen hoch. Die jungen Afghanen werden wie von einer Welle von unterdrückten Gefühlen erfasst. Und das gibt ihnen dann den Rest. Und schließlich entlädt sich die Wut auf den Betreuer. Ich erkläre ihnen dann: Der Betreuer ist nur der Nachrichtenempfänger. Der gibt nur weiter, was die Behörden ihm gesagt haben. Hier funktioniert das nicht so, dass du mit ihnen verhandelst.

Wie sieht das Aufeinanderprallen von Wunsch und Realität aus, wenn es um die Bleibeperspektive geht? Wie ermutigt man jene Menschen, bei denen die Chancen fünfzig zu fünfzig stehen, besonders jetzt, nach der jüngsten europäischen Politikwende in der Flüchtlingskrise?

Ashuftah: Es gab in Hamburg die 18-Monats-Regelung, die sogenannte Senatorenregelung, die jetzt ausgesetzt wurde: der Paragraph 25a, der besagte, dass jeder Afghane, der sich 18 Monate lang in Hamburg aufhielt, dort bleiben durfte. Manche haben sich so sehr darauf verlassen, dass sie nie einen Asylantrag gestellt haben. Die haben jetzt natürlich schlechte Karten. Diejenigen, die einen Asylantrag gestellt haben, sind heute besser dran.

Jemandem, der einen negativen Bescheid bekommen hat, der das Geld der Familie aufgebraucht hat und dem jetzt die Abschiebung droht, dem sage ich erst einmal: 'Okay, vielleicht warst Du ja beim Psychologen und der hat dir attestiert, das es dir nicht so gut geht. Es wäre eine Möglichkeit, das einem Anwalt in die Hand zu geben. Du hast Verwandte hier, die dir vielleicht einen Anwalt bezahlen können. Dann gehörst Du zu den glücklicheren Menschen, die das verzögern können. Dann gehst Du zur Schule, vielleicht darfst Du eine Ausbildung machen. Dann ist die Wahrscheinlichkeit einer Abschiebung schon niedriger.'

Afghanische Flüchtlinge in einem Flüchtlingswohnheim in Bonn; Foto: DW
Den Blick in die Zukunft richten: Ruhin Ashuftah versucht mit seiner Arbeit Flüchtlinge aus Afghanistan dazu zu motivieren, Eigeninitiative zu entwickeln und die enttäuschten Erwartungen und falschen Vorstellungen von Deutschland abzulegen.

Ein Araber, der 18 Jahre alt wird und der als Wirtschaftsflüchtling gilt, muss auf eigene Kosten, auf eigene Initiative die verschiedenen Fluchtpunkte, etwa kirchliche Träger, selbst kontaktieren. Vielleicht muss er über einen Anwalt nachweisen, dass er die Sprache sehr gut gelernt hat. Bei Wirtschaftsflüchtlingen ist Eigeninitiative gefragt. Kriegsflüchtlinge haben mehr Möglichkeiten, ihnen wird auch eher geholfen. Wenn man keine Straftaten begangen hat, hat man ja die Abschiebung nicht selbst verschuldet. Ich versuche dann zu erklären, was es für Möglichkeiten gibt, was der Flüchtling versuchen kann. Und wenn nichts klappt, gehen einige in ein anderes EU-Land.

Sie erwähnten zu Beginn den Iran. Kommt ein großer Teil der Afghanen in letzter Zeit aus der Islamischen Republik nach Deutschland?

Ashuftah: Ein großer Teil der Flüchtlinge kommt über den Iran. Das Recht, sich dort aufzuhalten, ist begrenzt und kann ihnen jederzeit entzogen werden. Manche werden auch deportiert. Sie gelten dort als Afghanen, selbst wenn manche im Iran geboren wurden. Daher ist der Iran für sie keine Alternative. Irgendwann werden die Afghanen zurückgeschickt oder sie werden von der Regierung schlecht behandelt. Für die Afghanen ist der Iran zwar ein Land, in dem sie die Sprache sprechen. Doch den Afghanen, mit denen ich geredet habe, fehlt dort jede Zukunftsperspektive. Sonst würden viele von ihnen dort bleiben.

Abschiebung afghanischer Flüchtlinge aus dem Iran an der iranisch-afghanischen Grenze in Herat; Foto: picture-alliance/Ton Koene
Afghanische Flüchtlinge als Bürger zweiter Klasse im Iran: Afghanischen Flüchtlingen fehlt in der Islamischen Republik jegliche Zukunftsperspektive. Oft sind sie gezwungen, ohne Arbeitsverträge im Billiglohnsektor zu arbeiten, haben kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht und sind ständig von Abschiebung bedroht.

Es besteht zwar eine kulturelle Nähe zwischen beiden Ländern, aber es gibt im Iran keine Arbeit, keine Gleichberechtigung – es fehlt jede Zukunftsperspektive. Man kann sich damit abfinden, für den Rest seines Lebens ein Arbeiter ohne Chance auf Bildung sein oder man sagt: 'Ich gehe nach Europa. In Afghanistan bin ich in Gefahr, im Iran macht man mit mir was man will, die Türkei hat keinen Platz mehr, Griechenland ist pleite und die Gesellschaft dort wird immer rechter.' Also zieht es viele Afghanen in Richtung Deutschland, nach Hamburg oder über das Nadelöhr Hamburg in die skandinavischen Länder.

Das Gespräch führte Thomas Kohlmann.

© Deutsche Welle 2016

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