Afghanische Flüchtlinge in Deutschland

"Raus aus dem Tunnel der Depressionen"

In Hamburg leben mehr als 20.000 Menschen mit afghanischen Wurzeln. Ruhin Ashuftah ist einer von ihnen. Im Gespräch mit Thomas Kohlmann schildert er, wie er junge afghanische Flüchtlinge beim Start in ein neues Leben unterstützt.

Sie betreuen in Hamburg unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Was erklären Sie den Jugendlichen, was sie in Deutschland zu erwarten haben?

Ruhin Ashuftah: Zuerst einmal sage ich ihnen, dass sie stark sind, dass sie zu den Überlebenden gehören und aufhören sollen, darauf zu schauen, was sie alles nicht haben: 'Meine Mutter ist nicht da, ich vermisse sie, ich bekomme keine Papiere, ich kann die Sprache nicht.'

Ich sage ihnen: 'Ihr seid in Deutschland asylberechtigt, Ihr habt es bis hierhin geschafft, Ihr hattet einen Auftrag von der Familie. Die haben ihr Geld zusammengelegt. Und jetzt rappelt Euch mal wieder auf, Ihr gehört zu denen, die es geschafft haben. Ihr könnt ja sehen, was da passiert an den Zäunen, an den Grenzen.'

Dann geht es erst einmal um die Zielfokussierung. Man muss ihnen wieder einen Rahmen geben, den sie verloren haben. Sie treffen auf die Realität, ihre Erwartungen wurden nicht erfüllt. Aber diese Erwartungen haben sie bis hierher getragen. Was ich in der Therapie dann mache, ist, einen neuen Rahmen zu schaffen, sie an ihre Kräfte erinnern, ihnen ein neues Ziel zu geben. Ich erkläre ihnen, dass es in Deutschland nicht so schnell geht.

Sie sind daran gewöhnt, vor Problemen wegzulaufen, über Landesgrenzen hinweg. Ich sage ihnen: 'Hier könnt Ihr nicht weglaufen, hier müsst Ihr bleiben. Ihr seid in einem Netzwerk, in einer Struktur, die Ihr nicht sehen könnt. Man hat Euch einen Vormund zur Seite gestellt, es dauert, bis Ihr eine Krankenversicherung habt, bis ein Deutschkurs anfängt. Diese Dinge passieren um Euch herum, Ihr könnt es aber nicht sehen. Ihr seid ein stehender Punkt. Das ertragt Ihr vielleicht nicht. Aber so ist es nun einmal. Ihr müsst Geduld haben!'

Junge Flüchtlinge in Deutschland; Foto: dpa
Geduldsprobe Asylverfahren: "Angekommen in Deutschland gibt es für viele syrische und afghanische Flüchtlinge keine Bewegung mehr – es gibt nichts zu tun, man hat kein Geld in der Tasche. Und dann kommen die Emotionen hoch", berichtet Ruhin Ashuftah.

Das zweite ist: Wenn sie traumatisiert sind - und das sind sie teilweise - dann haben sie Fokussierungsprobleme, sie haben Schlafstörungen, und das Gedächtnis arbeitet nur eingeschränkt. Aber ich erkläre ihnen: 'Ihr werdet wieder ganz stabil werden, wenn euer emotionales Wesen verstanden hat: Ich bin hier in Sicherheit. Wenn ihr nicht mehr nachts aufwacht und nicht wisst, wo ihr seid.' Das ist ein Teil des Traumas.

Ich baue sie auf und erkläre ihnen aus meiner Perspektive, was ich sehe. Denn ihre Realität gleicht dem depressiven Blick in einen dunklen Tunnel. Aber das ist nicht die Realität. In der Therapie gebe ich ihnen ein Heft mit weißen Blättern, in das sie schreiben sollen, was alles Positives passiert ist.

Ich erkläre ihnen, dass die rechte Gehirnhälfte bei ihnen das Kommando übernommen hat, die emotionale Seite, während die linke, die rationale Gehirnhälfte blockiert ist, das lernende, vernünftige System. Es ist sicherlich hilfreich, in einer extremen Situation, in der man überleben muss, nicht nachdenken zu müssen.

Welche Vorstellungen haben die jungen Flüchtlinge, die sie betreuen und wie sieht der Realitätscheck aus, den sie ihnen - möglichst behutsam - beibringen müssen?

Ashuftah: Ihre Vorstellung ist: Dort wird man sich um mich kümmern, Ärzte Gesundheitsversorgung, Unterkunft, Essen, Schule. Für Kriegsflüchtlinge, vor allem aus Afghanistan, ist das sehr wichtig, weil sie im Iran nicht zur Schule gehen durften. Das ist ein Ajatollah-Staat, wo man sie ab der fünften, sechsten Klasse aus der Schule nimmt, auch wenn sie dafür bezahlen, wo sie keinen Besitz haben dürfen, noch nicht einmal SIM-Karten besitzen dürfen. Und die Eltern sagen dann: 'Willst Du ewig Arbeiter sein? Nach Afghanistan kannst Du auch nicht gehen. Okay, dann gehe nach Deutschland.'

Und dann kommen sie hier an und sie haben erst mal keine Wohnung und es existiert nur das Nötigste an Gesundheitsversorgung. Das ist zwar nicht die ganze Wahrheit - es wird später mehr für sie getan. Aber der erste Aufprall in der deutschen Realität ist eben sehr ernüchternd. Einige brechen dann zusammen. Sie sagen sich: 'So soll ich jetzt die ganze Zeit leben? Zehn Leute in einem Zimmer, Menschen aus Eritrea, Araber. Leute, die mich bestehlen, mein Handy ist weg, ich vermisse meine Familie.' Jetzt kommen die Emotionen hoch – das Trauma reist ihnen quasi nach und bricht hier erst richtig aus.

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