Ägyptens Ramadan-Serie "El-Ekhteyar 3“
Abdel Fattah al-Sisis Version der Geschichte

In der dritten Staffel von "El-Ekhteyar“ überzeugt der Schauspieler Yasser Galal in der Rolle des ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi. Er provoziert damit Bewunderung und Spott gleichermaßen. Von Shady Lewis Botros

Fernsehserien, insbesondere solche, die eigens zur Ausstrahlung für die Zeit des Ramadan produziert werden, sind in Ägypten seit jeher zentrales Element staatlicher Indoktrination. Nicht von ungefähr ging in der arabischen Welt die Einführung nationaler Fernsehsender in den 1960er Jahren etwa zeitgleich mit dem Aufstieg der postkolonialen Regime einher. Das Fernsehen und später auch das Radio ersetzten schließlich die Printmedien und bedienten ein einheitliches Gefühl von kollektiver Identität, sorgten beim Publikum für einen ähnlichen Geschmack und eine gemeinsame Sprache sowie einheitliche Standards von Ästhetik und Moral. 

Die Allegorie erweist sich bei der Indoktrination der Massen als eine besonders beliebte Kunstform. Als sorgfältig aneinandergereihte Erzählfiguren lassen sich die Allegorien als eins zu eins übersetzbare Analogien lesen. Mit anderen Worten: Das Nachbarschaftsdrama oder die generationenübergreifende Familienserie stehen dann als Metapher für die ganze Nation. Auch die Protagonisten verkörpern bestimmte Klassen und Wählerschichten, die sich mal verbünden und mal bekämpfen.

Man kann den Serien ihre Massenwirksamkeit nicht absprechen – auch wenn es sich um besonders schlichte Erzählungen handelt. Die wohl bemessene Dosis an Subtilität gibt den Zuschauern viel Raum, um sich in die Figuren hineinzuversetzen, wie in einem Theaterstück, anstatt Andeutungen verstehen zu müssen. Der leicht zu entschlüsselnde Code versetzt den Zuschauer in die Lage, die eigentliche Erzählung problemlos zu verinnerlichen – sie müssen sich dessen noch nicht einmal bewusst sein.
 

Al-Sisi unfreiwillig komisch

In jeder Staffel von "El-Ekhtyar“ hat das Regime des 30. Juni, wie die Regierung Al-Sisi genannt wird, die jüngste Geschichte und die Umstände ihres Putsches gegen den gewählten Präsidenten von den Muslimbrüdern im Jahr 2013 und die Rolle von Militär und Sicherheitsorganen im Fernsehen neu geschrieben. Die Konfrontation wurde Staffel für Staffel aus verschiedenen Blickwinkeln und in unterschiedlichen Formen behandelt. 

Entscheidend ist dabei das außerordentliche Gespür der Propagandamaschine des Regimes für die Macht der Erzählung, sowohl heute als auch für die Zukunft des Landes. Fernsehserien bleiben besser im kollektiven Gedächtnis hängen als die Inhalte des Geschichtsunterrichtes in der Schule. Allerdings beruht ihre Wirkung weniger auf sachlichen Kenntnissen der Ereignisse. Sie zielen hingegen tief unter die Oberfläche, durch miteinander verflochtene Erinnerungen, Gefühle und Bilder. 

Angesichts des kontinuierlich sinkenden Lebensstandards im Land hat das ägyptische Regime nichts vorzuweisen, was sein Verbleiben an der Macht rechtfertigen könnte. Es tischt immer nur die gleiche Leier auf, wonach das Regime der Retter aus existenzieller Bedrohung ist. Mehr hat es nicht zu bieten. Jeder weiß, dass ständige Wiederholung eine magische Wirkung entfalten kann. Doch immer funktioniert das nicht. 

In der aktuellen und dritten Staffel verzichten die Macher von "El-Ekhteyar“ auf das mystische Ideal und damit auf die Techniken von Darstellung, Projektion oder Vermittlung. In den beiden vorherigen Staffeln waren die Helden reale Personen aus Polizei oder Militär. Sie waren damit gleichzeitig Metaphern für die Institutionen, denen sie angehören. Das von Regisseur Peter Mimi genutzte Format des Dokudramas eignete sich somit bestens für diese Dualität aus Realität und Allegorie. 

 

 

Die dritte Staffel erklimmt sozusagen die Spitze der Pyramide und porträtiert den Kopf des Regimes selbst. In Hinblick auf ihre ästhetische Qualität aber rutscht sie gewissermaßen die Leiter hinunter. Die Nachahmung ist eine besonders eingängige Technik, birgt aber große Risiken bei der Empathie des Publikums. Denn wenn der Darsteller den Präsidenten nachahmt, identifiziert sich der Betrachter entweder mit dem Schauspieler und seiner Entourage oder das Gegenteil ist der Fall. Dann gerät das Werk mit seinen an sich glaubwürdigen Darstellern zum Gegenstand von Kritik oder gar Spott. 

Von der groben Polarisierung von Gut und Böse einmal abgesehen, zog Yasser Galals Darstellung von Al-Sisi den meisten Spott auf sich. Nicht, weil sein Schauspiel schlecht wäre, sondern im Gegenteil, weil er den Präsidenten perfekt imitiert. Als sein Doppelgänger spielt Galal Al-Sisi täuschend echt: Das gilt für seine Art zu sprechen ebenso wie für seine Körperhaltung. Doch genau das sorgt für Lacher – was bei einer komischen Nachahmung auch so beabsichtigt wäre. 

In der Serie schrumpft die Figur des Al-Sisi auf wenige stimmliche und körperliche Aspekte. Allzu offensichtliche, vordergründige Elemente werden auf quasi roboterhafte Weise wiederholt. Genau wie die Propagandamaschine des Regimes, die immer das Gleiche reproduziert. 

Shady Lewis Botros 

© Qantara.de 2022

Übersetzt aus dem Englischen von Peter Lammers 

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