Aber trotz alledem gibt es in der Dunkelheit der ägyptischen Gegenwart immer noch ein paar Hoffnungsschimmer. Große Nationen sterben oder verschwinden nicht einfach über Nacht. Trotz seiner drängenden Probleme ist Ägypten weiterhin ein Ort voller Leben und Aktivität. Die pulsierende Seele des Landes hat immer noch eine große Anziehungskraft, und in jüngster Vergangenheit konnte Ägypten einige Male die Fantasie und die Herzen seiner Nachbarn beflügeln.

Der verheißungsvolle Umbruch

Beispielsweise staunten die Araber über die mitreißenden Bilder der Revolution des Jahres 2011. In der Tat war es inspirierend zu beobachten, wie sich friedliche Demonstranten mutig der Polizei widersetzten, und, während sie von Wasserwerfern beschossen wurden, an der Kasr-al-Nil-Brücke fromme Gebete sprachen – wie sie den Tahrir-Platz in ein revolutionäres Zentrum der Musik und Satire verwandelten und schließlich einen Despoten, der seit 30 Jahren an der Macht war, nach weniger als drei Wochen Protest zum Rücktritt zwangen.

Die Revolution war jung, lebendig und verheißungsvoll. Sie war nicht weniger als ein Erdbeben, das sich anschickte, die alte Welt zu erschüttern – alte Politiker, alte Institutionen und alte Mentalitäten.

Und eine Aura der Faszination umgibt auch Bassem Youssef, den politischen Satiriker, der nach der Revolution von 2011 bekannt wurde. Youssef, der als der ägyptische Jon Stewart bezeichnet wurde, setzte seinen Sinn für Humor und sein Charisma dafür ein, Autoritätspersonen gnadenlos zu verspotten: den Präsidenten, die Politiker, die hohen Tiere und die religiösen Führer. Während der Ausstrahlung seiner wöchentlichen Sendung (die im Juni 2014 abgesetzt wurde), saßen die Araber vom Mittelmeer bis an den Golf wie festgenagelt vor dem Fernseher.

Trotz des besonderen ägyptischen Charakters der Show konnten auch viele andere Araber etwas damit anfangen. Immerhin waren ihre Sorgen und Hoffnungen denjenigen der Ägypter sehr ähnlich. Und einen ähnlichen Effekt hatten bereits Jahrzehnte zuvor die treffenden politischen Verse des Volksdichters Ahmed Fouad Negm (1929 - 2013), die den Stimmlosen eine Stimme gaben. Negm war rebellisch, unverblümt und witzig. Seine Gedichte über Revolution und Liebe sind in der arabischen Welt heute noch beliebt.

Der Geist des Widerstands

Was haben all diese Beispiele gemeinsam? Mit einem Wort: den Widerstand. Wo das Gefühl der Niederlage überwältigend ist, wird der Geist des Widerstands attraktiv. Eine Generation arabischer Menschen nach der anderen ist zutiefst frustriert über manche Realitäten, die unveränderlich erscheinen: über Autokraten, die in ihren Republiken und Königreichen Angst und Schrecken verbreiten, über die militärische Überlegenheit Israels in der Region und seine Unterdrückung der Palästinenser sowie über den immer größeren wissenschaftlichen und technologischen Abstand der arabischen Welt zu den Industriestaaten.

Und so wird die Art, wie sich die Araber selbst sehen, durch Hilflosigkeit bestimmt. Immer noch fühlen sie sich zerrissen zwischen einer Kultur, die die Männlichkeit verherrlicht, und einer Wirklichkeit, die von Niederlagen und Demütigungen durchtränkt ist.

Auf jede Aktion, so erklären uns die Gesetze der Physik, erfolgt eine gleichwertige und gegensätzliche Reaktion. In den Sozialwissenschaften gilt dies allerdings nicht, und insbesondere nicht in der arabischen Welt, wo die Menschen in einen Ozean der Verzweiflung gesunken sind und über die erbärmliche Gegenwart sowie eine Geschichte verpasster Gelegenheiten klagen.

In einem solchen Umfeld ist Widerstand ein psychologisches Heilmittel, eine kathartische Erfahrung. Ob er nun als Mittel zum Zweck oder als Selbstzweck gesehen wird: Widerstand trägt dazu bei, dass sich besiegte Menschen wieder menschlich, lebendig und tatkräftig fühlen. In seiner Kairo-Trilogie schrieb der Nobelpreisträger Naguib Mahfouz, Gott habe den Menschen nur deshalb sexuelle Instinkte eingepflanzt, um sie das Glück des Widerstands spüren zu lassen.

Bassem Youssef; Foto: picture-alliance/dpa/A. Gombert
Der ägyptische Jon Stewart: Drei Jahre lang war Bassem Youssefs äußerst populäre Polit-Satireshow "AlBernameg" in Ägypten zu sehen – bis zur abrupten Absetzung Ende 2013. Wenige Wochen später nahm die Deutsche Welle die Sendung in ihr arabisches Programm. Im Sommer desselben Jahres musste Bassem Youssef dennoch das Handtuch werfen – aus Angst um seine Sicherheit.

Die Entwicklung der Menschen

Will sich Ägypten – nicht der Staat, das Regime oder die Regierung, sondern die Nation – aus der Asche der Niederlage emporheben, liegt seine beste Chance darin, die Flagge des Widerstands zu hissen, aber nicht irgendeiner Form des Widerstands. Um die Rückschläge zu verhindern, von denen viele solche Versuche in der Vergangenheit begleitet wurden, sollte dieser Widerstand nicht in einem leeren Raum stattfinden – ohne Bewusstsein seiner Grenzen, abgehoben von der Realität, voller Torheit und zum Scheitern verurteilt.

Eine bessere und fruchtbarere Form des Widerstands ist diejenige, deren Zweck die Entwicklung der Menschen ist. Die Menschen müssen bewusster werden und brauchen eine bessere Ausbildung, mehr Zielgerichtetheit und eine Vision für die Zukunft. Der Widerstand, der in der Mitte zwischen Schweigen und Gewalt steht und mit Ausdauer und Beharrlichkeit geführt wird, muss den vorherrschenden Zuständen entgegenwirken und gleichzeitig friedlich ablaufen.

Die Schwächen Ägyptens sind in erster Linie seine Fügsamkeit und seine träge Ignoranz. Ob sich das Land über seine Wunden erheben wird, hängt davon ab, ob es den Staub von seiner Seele abschütteln kann. Das Heilmittel für Ägypten ist nicht der Status Quo des Landes, sondern sein Willen, seine Tatkraft und sein Widerstand.

Nael Shama

© OpenDemocracy 2016

Der ägyptische Politikwissenschaftler Nael Shama ist Verfasser des Buches "Egyptian Foreign Policy from Mubarak to Morsi" und "Egypt before Tahrir: Reflections on Politics, Culture and Society".

Übersetzt aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.