Die jüngsten Demonstrationen gegen Al-Sisi haben aufgezeigt, wie fragil das Regime mittlerweile ist. Andernfalls hätte sich der Präsident wohl nicht gezwungen gesehen, die Hauptverkehrsadern und zentralen Plätze des Landes mit Soldaten abzuriegeln, um jegliche für den 27. September geplanten Proteste im Keim zu ersticken.

Die Proteste haben auch deutlich gemacht, dass von der Popularität, die Al-Sisi bei seiner Machtübernahme vor sechs Jahren genoss, nicht mehr viel übrig ist. Um den Protesten etwas entgegenzusetzen, mobilisierte der Sicherheitsapparat zur gleichen Zeit mit Hilfe der regierungsnahen Medien für Pro-Regime-Demonstrationen.

Obwohl sie Öl, Zucker und weitere Lebensmittelspenden in Aussicht stellten, folgten nicht mehr als 20.000 Menschen ihrem Aufruf, darunter auch Studenten verschiedener Militärakademien. Doch auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen: In einem Land mit 27 Regierungsbezirken und fast 100 Millionen Einwohnern, verleihen 20.000 Menschen der Regierung keine Legitimität.

Gescheiterter Anti-Terrorkampf auf dem Sinai

Noch während Al-Sisis Sicherheitsapparat damit beschäftigt war, genügend Ägypterinnen und Ägypter für die Demonstration zu mobilisieren, verübte der IS auf dem Sinai einen Anschlag auf einen Posten der Armee, dem 19 Soldaten zum Opfer fielen. Ein klares Anzeichen dafür, dass die Strategie des Regimes im Anti-Terrorkampf gescheitert ist.

Im Süden des Landes warfen die Demonstranten Bilder des Präsidenten auf den Boden, als sie zum ersten Mal seit der Januarrevolution wieder auf die Straße gingen, um den Rücktritt Al-Sisis zu fordern. Dass es in den südlichen Regionen zu Protesten kam, deutet darauf hin, dass die Allianz zwischen dem Präsidenten und den lokalen Autoritäten – zumeist Repräsentanten der letzten Überreste des Mubarak-Regimes – zerbrochen ist. Unter diesen Umständen dürfte es für ihn in Zukunft quasi unmöglich sein, die lokalen Wahlen in diesen Gebieten zu steuern.

An den Reaktionen auf die Proteste im Westen lässt sich ablesen, dass Al-Sisi auch dort nicht mehr die gleiche Unterstützung genießt wie früher: Das amerikanische Außenministerium und die EU betonten das Recht der Ägypterinnen und Ägypter, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren und forderten den Präsidenten auf, die Repressionen zu stoppen und die Inhaftierten freizulassen.

Auch wenn Al-Sisi der "Lieblingsdiktator" des amerikanischen Präsidenten Donald Trump sein mag, für alle anderen Entscheidungsträger in Washington und seine weiteren internationalen Verbündeten ist der ägyptische Präsident schon längst zur Bürde geworden. Ihnen scheint klar geworden zu sein, dass Repression nicht zu Stabilität führt, wie es zum Beispiel jüngst das Auswärtige Amt erklärte.

Die letzte Verfassungsänderung ermöglicht es dem Präsidenten theoretisch bis zum Jahr 2030 im Amt zu bleiben. Angesichts der derzeitigen Lage stellt sich jedoch die Frage, ob er sich tatsächlich bis dahin an der Macht halten kann, und, auch wenn es unvorstellbar scheint, falls ja, wie?

Eines steht jedenfalls fest: In den kommenden Tagen und Wochen muss sich Ägypten auf gewaltige Veränderungen gefasst machen.

Taqadum al-Khateeb

© Qantara.de 2019

Aus dem Arabischen von Thomas Heyne

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