Die Proteste, die am 20. September die Forderung nach dem Rücktritt Al-Sisis auf die Straße trugen, sind die größten Demonstrationen seit seiner Machtergreifung durch einen Militärputsch im Jahr 2013. Sie gingen jedoch nicht von den etablierten politischen Bewegungen des Landes aus. Das bedeutet, dass auch bisher unbeteiligte gesellschaftliche Gruppen anfangen aufzubegehren.

Bei der Entstehung der Proteste spielte außerdem die sozioökonomische Peripherie des Landes eine bedeutende Rolle – wichtiger noch als dessen Zentrum Kairo mit dem symbolträchtigen Tahrir-Platz. Dadurch manifestierten sie sich anders als vorausgegangene Proteste und waren wirkungsvoller als die kleinen, mit harter Hand niedergeschlagenen Demonstrationen, die das Land bisher unter Al-Sisi erlebt hat.

Seit dem 20. September ist Ägypten ein anderes Land

Noch herrscht untern Beobachtern und Expertinnen Uneinigkeit darüber, ob bestimmte Teile des Regimes die Demonstrationen unterstützt haben, oder gar hinter der Figur des abtrünnigen Bauunternehmers Mohammed Ali stehen.

Mittlerweile dürfte diese Frage allerdings schon irrelevant sein, denn sollten Teile des Regimes ihre Finger im Spiel haben, dann konnten sie Al-Sisi bereits einen empfindlichen Schlag versetzen. Falls nicht, bietet sich jetzt für jene Kreise eine vielversprechende Möglichkeit, auf den Zug aufzuspringen und sich für alle Eventualitäten zu wappnen.

Seit dem 20. September hat sich die politische Lage in Ägypten dramatisch gewandelt. Die Wiederherstellung des Status quo ante ist ausgeschlossen, denn wie von verschiedenen Seiten zu vernehmen ist, tobt zwischen dem Militär und dem Präsidenten ein Machtkampf.

Seitdem Al-Sisis Sicherheitsapparat die Demonstrationen mit Gewalt niedergeschlagen und innerhalb einer Woche mehr als 2.000 Menschen festgenommen hat, setzt der Präsident nun alles dran, die Kreise zu identifizieren, die vermeintlich hinter den Protesten stehen. Sein Sohn, Mahmoud al-Sisi, hat bereits gegen mehrere hochrangige Beamte des Geheimdienstes Ausreiseverbote erlassen und Untersuchungsverfahren eröffnet, die er höchstpersönlich leitet.

Kontrolle über das Militär

Unterdessen treibt das militärische Establishment die Sorge um, dass der Präsident die Kontrolle über das Militär vollständig an sich reißt. Dann könnte sie das gleiche Schicksal erwarten, das bereits mehrere hochrangige Ex-Militärs ereilt hat: Der ehemalige Stabschef und Präsidentschaftskandidat Sami Anan ist derzeit in einem Militärgefängnis inhaftiert. Der ehemalige Ministerpräsident und Präsidentschaftskandidat Ahmad Shafeeq steht währenddessen unter Hausarrest. Ein Schicksal, das laut gut informierter Quellen auch den ehemaligen Verteidigungsminister Sedki Subhi und den ehemaligen Stabschef Mahmoud Hegazi traf, nachdem man sie abgesetzt hatte.

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