Die Hälfte aller Syrer - vertrieben

Die Zerstörung und die Anzahl der getöteten, verletzten und vertriebenen Menschen sind herzzerreißend. Landwirtschaftliche Flächen wurden zu Frontlinien. Oliven wurden zum Hauptnahrungsmittel. Millionen Menschen wurden vertrieben - die Hälfte der syrischen Bevölkerung.

Für die Kinder waren Schulen nur noch eine entfernte Erinnerung. Mathematik, Geschichte und wissenschaftliche Fächer wurden durch die Lektionen des Krieges ersetzt: weglaufen, verstecken, trauern und überleben. So viele Kinder unter acht Jahren kennen nichts anderes als den Krieg.

Die jahrelangen Kampfhandlungen haben dazu geführt, dass einige der lebenswichtigen Dienstleistungen des Landes extrem gelitten haben, darunter Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Stromnetze, Bewässerungssysteme und die Wasserversorgung. Über 11,5 Millionen Menschen leben heute unter unwürdigen Bedingungen und sind auf Unterstützung angewiesen.

Und selbst wenn Wohnhäuser, Gebäude oder Geschäfte mitunter noch intakt sind, sind die Gegenden häufig mit explosiven Kampfmittelrückständen verseucht, die eine ernsthafte Gefahr für Familien, vor allem für Kinder, darstellen. Es ist entscheidend, Kampfmittelrückstände - einschließlich denjenigen auf landwirtschaftlichen Flächen - nun sicher zu entsorgen.

Die Seelen der Menschen wieder aufbauen

Aleppo. Denken Sie bei diesem Namen an unbeschreibliche Zerstörung und unermessliches Leid? Ich schon.

Ende 2016 wurde die Stadt ohne Unterlass von Granaten getroffen und Wohnbezirke wurden zum Ziel von Mörserangriffen. Der Krieg hat der Stadt ihr Herz genommen und sie ihrer Seele beraubt.

Bei eisigen Temperaturen überquerten das IKRK und der Syrisch-Arabische Rote Halbmond die Frontlinie, um schließlich in ein Trümmerfeld zu gelangen. Wir stiegen aus den Fahrzeugen und schwenkten die Flagge des Roten Kreuzes, damit alle wussten, wer wir waren.

Dort habe ich einen der bewegendsten Anblicke meines Lebens gesehen: Tausende Menschen - vor allem Frauen und Kinder - warteten darauf, evakuiert zu werden. Viele von ihnen trugen Lumpen und hatten abgewetzte Taschen dabei. Erschöpfung, Angst und Hoffnung standen ihnen ins Gesicht geschrieben. Die Zerstörung war überall.

Es gab so viele Kinder und kaum eines trug warme Kleidung. Sie waren ganz still und gaben keinen Laut vor sich, nicht mal ein Lächeln. Ihre Blicke waren leer.

So sieht Leben aus, wenn es nichts als Gewalt kennt. Das ist der Grund, warum nicht nur die Gebäude, sondern vor allem die Seelen der Menschen in Syrien wieder aufgebaut werden müssen. Madaya, Aleppo, Tod, Zerstörung - eine Welt, in die Syrien nicht mehr zurückkehren darf.

Marianne Gasser

© Deutsche Welle 2019

Marianne Gasser war von 2009 bis 2013 und von 2015 bis 2019 Delegationsleiterin Delegationsleiterin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Syrien.

 

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