Die koptisch-orthodoxe Kirche bildet die größte christliche Konfession in Ägypten, ihr gehören ca. zehn Prozent der rund 90 Millionen Ägypter an. Koptisch-katholische und koptisch-evangelische Konfessionen bilden kleine Minderheiten innerhalb der christlichen Minderheit. Während Al-Azhar und die beiden kleineren Kirchen Bereitschaft zum Dialog erkennen ließen, sei die Koptisch-orthodoxe Kirche nur mäßig interessiert, meint Kades. Daher nähmen bisher nur vereinzelt Vertreter der Orthodoxen an den Aktionen teil. Er hofft, dass das Interesse mit der Zeit noch wächst.

Bahai leben in Ägypten unter prekären Bedingungen, denn sie sind nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt. Anfangs waren auch innerhalb der Abrahamischen Teams die Vorbehalte gegen Bahai groß, sagt Kades. Das habe sich erst nach einigen Begegnungen geändert. Jetzt vertritt eine Professorin von der Zahnmedizinischen Fakultät der Cairo University die Bahai in den Abrahamischen Teams.

Dr. Tharwat Kades; Foto: Hessisches Forum für Religion und Gesellschaft
Dr. Tharwat Kades wurde in Mallawi / Ägypten geboren und studierte evangelische Theologie in Kairo. Dr. Kades gehört seit 1973 zur Evangelischen Kirche Hessen und Nassau (EKHN) und war über 25 Jahren interreligiöser Beauftragter im Dekanat Dreieich.

Wie in Israel sind auch in Ägypten interreligiöse Begegnungen zunächst ungewohnt. Traditionell leben die Konfessionen mal mehr und mal weniger friedlich zusammen. Probleme gibt es vor allem im ländlichen Mittel- und Südägypten, wo sich konfessionelle und soziale Konflikte schnell vermischen und dann manchmal eskalieren. Dann kommt es zu anti-christlichen Übergriffen. „Wir müssen in die Dörfer gehen“, meint Kades, „denn dort liegen die Probleme, nicht in Kairo.“

Bisher ist es gelungen, 60 kirchliche Schulen unter anderem in Kairo, Fayoum, Beni Suef, Minya und Assiut sowie seit 2019 drei staatliche Schulen in Ismailiya und einer Stadt im Nildelta zu gewinnen. Für die kirchlichen Schulen ist es dann neu, wenn ein Moslem über den Islam informiert. Staatliche Schulen reagierten sehr reserviert auf die Anfrage, bedauert Kades. Er hofft aber, dass es in Zukunft gelingt, mehr von ihnen zu erreichen.

Vorurteile offen aussprechen

Die Abrahamischen Teams sprechen zunächst mit den Religions- und Sozialkundelehrern und dann mit den Elternvertretern über ihr Vorhaben. Erst wenn sowohl Eltern als auch Schulleitung und Lehrkräfte überzeugt sind, können sie auch in die Schulklassen gehen. So weit sei man aber noch nicht, meint Kades. Ängste und Vorbehalte müssen mühsam überwunden werden und dafür brauche man Geduld.

In den Begegnungen kommen viele Vorurteile auf den Tisch. Muslime sind falsch und hinterhältig, meinen die Christen häufig, während sich bei Muslimen das hartnäckige Vorurteil hält, dass Christen an drei Götter glauben.  Nur im direkten Gespräch können solche Vorurteile ausgeräumt werden.

In Marokko ist das interreligiöse Klima in der Gesellschaft freier als in Ägypten. Hier gibt es eine jüdische Gemeinde. Sie wurde eingeladen, sich am Projekt Abrahamische Teams zu beteiligen, erste Kontakte zu islamischen Vertretern gibt es ebenfalls. Im Januar 2019 gab es an der Universität Rabat eine erste Veranstaltung mit hochrangigen Vertretern von Christen, Juden und Muslimen. Das mediale Interesse in Marokko war groß, das Projekt trifft hier auf ein neues Interesse am Judentum in Marokko.

Für dieses Jahr ist eine „abrahamische Karawane“ geplant, in der junge Juden, Christen und Muslime Veranstaltungen an verschiedenen Orten organisieren. Auch nach Tunesien gibt es bereits Kontakte. Aber nicht überall in der arabischen Welt ist ein Dialog der Religionen möglich. Nicht nur vom Krieg geschüttelte Länder wie Syrien scheiden aus. Auch im Libanon sind die konfessionellen Gegensätze dermaßen verhärtet, dass trotz aller Bemühungen der Initiatoren keine Begegnungen zustande kamen.

Claudia Mende

© Qantara.de 2019

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Leserkommentare zum Artikel: Die Mühsal der Verständigung

Ich verstehe das Projekt nicht - zumindest nicht für den Nahen Osten. Nehmen wir Ägypten. Wer dort spazieren geht, kann die vielen Orte nicht übersehen, wo Moscheen und Kirchen direkt nebeneinander oft auch auf dem selben Grundstück zeitgleich erbaut wurden. Und die zusätzlichen uralten - und unangetasteten - christlichen Gotteshäuser stehen in jedem Fremdenführer. St. Katharina im Sinai soll sogar Mohammeds persönlichen Schutz genossen haben. Das heute teilweise gespanntere Verhältnis ist also einer Entfremdung geschuldet und nicht per se die Folge falscher Bilder voneinander; diese Bilder sind ja schon einmal richtiger gewesen. Entfremdungen haben normalerweise ihren Grund in ungelösten Konflikten. Hier wären viele Konflikte zu nennen, z.B. die Missionierung im Zuge der Kolonialisierung oder der Palästina-Konflikt.
Ich könnte verstehen, wenn man nun versuchen wollte, Religion von Politik zu trennen, also die Identifikation von politischer Erfahrung mit religiösem Ideal rückgängig zu machen. Etwa, statt das Judentum mit der israelischen Politik gleichzusetzen, den Unterschied zwischen Beidem verständlich zu machen - so wie Muslime ja auch nicht alle Muslimbrüder sind, bloß weil sie Muslime sind. Und wie nicht alle Christen automatisch mit den ehemaligen Kolonialmächten sympathisieren und die gleiche Religion zu ihrem Vorteil nutzen.
Wie kann man, statt die Entfremdungsanlässe zu beleuchten, aus der Entfremdung selbst einen genuin religiösen Konflikt zaubern wollen? Das ist doch eine Mystifizierung, die die "Begleit"umstände aus dem Fokus nimmt, mehr nicht.
Kein Wunder, dass die Verständigung "mühselig" ist.

Hanya Dikaton30.08.2019 | 18:15 Uhr