Abrahamische Teams und interreligiöser Dialog in den Mittelmeerländern

Die Mühsal der Verständigung

Das Miteinander von Juden, Christen und Muslimen zu verbessern, ist das Ziel der Abrahamischen Teams. Das aus Deutschland stammende Projekt wird jetzt auch in Israel, Ägypten und Marokko umgesetzt. Doch der interreligiöse Dialog kommt nur mühsam voran, wie Claudia Mende berichtet.

Der Dialog der Religionen krankt oft daran, dass Theologen und Wissenschaftler unter sich bleiben. Bei den Abrahamischen Teams ist das anders. Die Gruppen aus jeweils einem Christen, einem Moslem und einem Juden gehen direkt an die Basis, zum Beispiel an Schulen oder zu Veranstaltungen für Jedermann.

Die Idee der Abrahamischen Teams stammt aus Deutschland, wo der ehemalige evangelische Pfarrer Jürgen Micksch sie nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ins Leben gerufen hat. Sie informieren über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihren jeweiligen Glauben, räumen Vorurteile aus und stellen sich Fragen. Diese interreligiöse Dialogarbeit beruft sich auf den biblischen Urvater Abraham als einem Vorbild für die Gläubigen aller drei monotheistischen Religionen.

Nach dem Erfolg der Initiative in Deutschland versuchen die Initiatoren das Projekt auf die Mittelmeerländer Israel, Ägypten, Marokko und Libanon auszudehnen, unterstützt wird die Arbeit von Robert-Bosch-Stiftung, Brot für die Welt und der Allianz Kulturstiftung.

Der Dialog soll einen Beitrag zu mehr Verständigung in einer Region leisten, in der religiöse Konflikte bestehende Spannungen weiter verschärfen. Dabei ist die Situation zwischen den Religionen und Konfessionen in jedem dieser Länder anders. Gemeinsam haben sie jedoch, dass interreligiöse Begegnungen an der Basis dort Neuland bedeuten.

Der evangelische Theologe Dr. Jürgen Micksch; Quelle: Abrahamisches Forum e.V.
Der evangelische Theologe Jürgen Micksch war 1994 bis 2017 Vorsitzender des Interkulturellen Rates in Deutschland und ist Initiator der Internationalen Wochen gegen Rassismus und des Abrahamischen Forums.

Keine Begegnungen im Alltag in Israel

In Israel treffen sich Juden, Christen und Muslime in der Regel gar nicht. Selbst in gemischten Wohngegenden etwa von Jerusalem oder Jaffa bleibt jede Religionsgemeinschaft für sich. Aufgrund des jahrzehntelangen Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern gibt es auch kaum Kontakte von jungen Menschen verschiedener religiöser und ethnischer Herkunft. Auch der Religionsunterricht an staatlichen Schulen ist nach Konfessionen getrennt.

Wenn jüdische Israelis dann zur Vorbereitung auf den Militärdienst auf die sogenannte Pre-Army Academy gehen, haben sie in der Regel noch nie einen Muslim oder Christen kennengelernt. Rabbinerin Nava Hefetz von der Initiative Rabbis for Human Rights ist es gelungen, dem israelischen Staat ein viertägiges Begegnungsprogramm abzuringen, das standardmäßig in das Programm der Akademie integriert ist.

Im Rahmen dieses Programms berichtet eine Muslimin über den Islam und ein Pfarrer redet über das Christentum. Gemeinsam besucht die Gruppe eine Moschee und eine Kirche. Für die Teilnehmer seien das „beeindruckende Erlebnisse“, meint Rabbinerin Hefetz.

Zehn bis zwölf Veranstaltungen pro Jahr mit Gruppen von 50 bis 200 Menschen führt das Abrahamische Forum in Israel durch. Abgesehen von der Militärakademie traf sich in 2018 zum Beispiel eine Gruppe palästinensisch-christlicher Theologiestudenten aus Bethlehem mit angehenden Rabbinern des Hebrew Union College in Jerusalem. Beide Gruppen versprachen die Begegnung im kommenden Jahr fortzusetzen.

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Leserkommentare zum Artikel: Die Mühsal der Verständigung

Ich verstehe das Projekt nicht - zumindest nicht für den Nahen Osten. Nehmen wir Ägypten. Wer dort spazieren geht, kann die vielen Orte nicht übersehen, wo Moscheen und Kirchen direkt nebeneinander oft auch auf dem selben Grundstück zeitgleich erbaut wurden. Und die zusätzlichen uralten - und unangetasteten - christlichen Gotteshäuser stehen in jedem Fremdenführer. St. Katharina im Sinai soll sogar Mohammeds persönlichen Schutz genossen haben. Das heute teilweise gespanntere Verhältnis ist also einer Entfremdung geschuldet und nicht per se die Folge falscher Bilder voneinander; diese Bilder sind ja schon einmal richtiger gewesen. Entfremdungen haben normalerweise ihren Grund in ungelösten Konflikten. Hier wären viele Konflikte zu nennen, z.B. die Missionierung im Zuge der Kolonialisierung oder der Palästina-Konflikt.
Ich könnte verstehen, wenn man nun versuchen wollte, Religion von Politik zu trennen, also die Identifikation von politischer Erfahrung mit religiösem Ideal rückgängig zu machen. Etwa, statt das Judentum mit der israelischen Politik gleichzusetzen, den Unterschied zwischen Beidem verständlich zu machen - so wie Muslime ja auch nicht alle Muslimbrüder sind, bloß weil sie Muslime sind. Und wie nicht alle Christen automatisch mit den ehemaligen Kolonialmächten sympathisieren und die gleiche Religion zu ihrem Vorteil nutzen.
Wie kann man, statt die Entfremdungsanlässe zu beleuchten, aus der Entfremdung selbst einen genuin religiösen Konflikt zaubern wollen? Das ist doch eine Mystifizierung, die die "Begleit"umstände aus dem Fokus nimmt, mehr nicht.
Kein Wunder, dass die Verständigung "mühselig" ist.

Hanya Dikaton30.08.2019 | 18:15 Uhr