Abdelwahab Meddebs "Gegenpredigten"

Bruch mit Tabus

"Die Krankheit des Islam" machte ihn auf einen Schlag berühmt: eine scharfzüngige Kritik der gegenwärtigen Verfassung des islamischen Geistes. Nun liegen auch die "Gegenpredigten" von Abdelwahab Meddeb auf Deutsch vor. Ludwig Ammann hat sie gelesen.

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Autor Abdelwahab Meddeb; Foto: Wunderhorn Verlag
Abdelwahab Meddeb deutet die Vorherrschaft bornierter islamistischer Diskurse als letzte Stufe einer Jahrhunderte langen Verfallsgeschichte.

Bei Abdelwahab Meddebs "Gegenpredigten" handelt es sich um 115 kurze Radioessays, mit denen der tunesisch-französische Denker von 2003 bis 2006 wöchentlich ein kulturelles oder politisches Ereignis vom Tod Derridas bis zum Krieg im Irak auf dem Radiokanal Medi 1 in Tanger kommentierte. Es sind im besten Sinn erzieherische Reden wider den Ungeist eines puritanischen Islamismus, der sein Heil in fremdenfeindlicher Abschottung sucht und auf allen Kanälen den Kampf gegen vermeintlich "unislamische" Neuerungen predigt.

Dagegen setzt Meddeb als überzeugter Kosmopolit und Maghrebiner, der abend- und morgenländische Bildung in sich vereinigt, auf das Lernen vom jeweils Anderen und vor allem – um seinen Landsleuten in Nordafrika den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unwissenheit zu erleichtern – das Lernen von einem anderen Islam, nämlich den kühnen und leider vergessenen Innovationen vergangener Zeiten, die ein liberales Islamverständnis vorwegnehmen.

Verbrennt die Schleier!

 ​​ Ein besonders eindrucksvolles Beispiel prangt auf dem Buchumschlag: die erste bildliche Darstellung des Propheten in einer Chronik, die ein frisch bekehrter Mongolensultan um 1300 bei seinem Wesir, einem bekehrten Juden, in Auftrag gab. Welch ein Segen, wenn der Verweis auf eine Sternstunde des Fortschritts in der islamischen Tradition das Geplärr wahhabitisch indoktrinierter Sittenwächter in die Schranken weist, die das Rad der Zeit gern zurückdrehen würden! Mit gleicher Streitlust macht sich Meddeb für das Recht der Frauen stark, als Vorbeter zu wirken, wie es in New York Amina Wadud tat und damit ein Wutgeheul in der arabischen Welt auslöste. Er tut es mit Verweis auf den großen sufischen Denker Ibn Arabi (gest. 1240), der solches mit guten Argumenten für statthaft hielt.

Im Übrigen rät er den Frauen schlicht, ihre Schleier zu verbrennen und die patriarchalisch geprägten Bestimmungen des Korans zum Verhältnis der Geschlechter als veraltet abzutun; nur so könnten sie ihrem Glauben wahrhaft treu und dennoch modern sein. Das ist ein klares Wort und im Prinzip die Medizin, die auch Kemal Atatürk seinem Volk mit einigem Erfolg verordnet hat. Als echter Freigeist scheut Meddeb auch nicht davor zurück, den Preis der angestrebten Freiheit beim Namen zu nennen.

So verteidigt er anhand des Falles von Sibel Kekilli – die junge deutschtürkische Schauspielerin wurde nach ihrem Erfolg in "Gegen die Wand" wegen ihrer früheren Mitwirkung in Pornofilmen angegriffen – das unbedingte Recht jedes Einzelnen, nach Gusto über seinen Körper zu verfügen, und sei es zur Prostitution. Und natürlich muss der Islam es hinnehmen lernen, dass z. B. Algerier und Marokkaner unter dem Einfluss evangelikaler Predigten vom Glauben abfallen. Vielleicht, meint Meddeb, gehe der Islam dereinst aus dieser Prüfung gestärkt hervor, wenn seine Anhänger sich aus freier Wahl für den Glauben entscheiden könnten.

Unbestechliche Urteilskraft

Wo steht so ein Mann als Reformer? Gewiss nicht im Lager derer, die den Islam komplett über Bord zu werfen empfehlen. Und erst recht nicht im Lager der Konservativen, die nur da und dort ein Schräublein drehen möchten, um sich den Zeitläuften anzunähern. "Alles trennt mich von Tariq Ramadan", so lässt sich Meddeb in der 84. Gegenpredigt vernehmen. Doch in einem weiß er sich einig mit seinem Antipoden: "Der Übergriff auf das Tabu ist der Schlüssel zur Reform, die der Islam braucht, der Schlüssel, den die Ulemas niemals zu drehen wagten."

Und eben darum erkennt er, anders als die empörte französische Öffentlichkeit, die Wirksamkeit des von Ramadan geforderten Moratoriums für Körperstrafen an der Front der Herkunftsländer an: weil ausgerechnet Tariq Ramadan – der Enkel Hassan al-Bannas, eines Ahnherrn des Islamismus – damit machtvoll an das Unberührbare rührte und die "wurmstichigen Gremien von Kairo" in Aufruhr versetzte.

Es ist diese von intellektuellen Moden unbestochene Urteilskraft, durch die Meddebs konstruktive Islamkritik aus der Masse gut gemeinter, aber schlecht durchdachter Einlassungen herausragt. Vielleicht sind es, um einen Gedanken des Autors weiterzuspinnen, tatsächlich die "Fremden", genauer: die in mehr als einer Tradition heimischen Geister, und zwar sowohl die Meddebs als auch die Ramadans, die den heutigen Islam aus seiner kindischen Trotzstarre erlösen könnten.

Ludwig Ammann

© Ludwig Ammann 2008

Abdelwahab Meddeb: Zwischen Europa und Islam. 115 Gegenpredigten. Aus dem Französischen von Rainer G. Schmidt. Wunderhorn, Heidelberg 2007. 418 S., Fr. 52.10. Dieser Artikel wurde am 14. Februar in der Neuen Zürcher Zeitung publiziert.

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