Als identitätsbildend betrachtete Hanna auch die Zugehörigkeit zum arabischen, zum mediterranen und zum afrikanischen Raum. Diese Vielfalt sah der ägyptische Kopte als Bollwerk gegen Fanatismus und Terrorismus – eine Lesart, die dem Sisi-Regime mehr als willkommen ist, denn dieses stilisiert Ägypten nicht zuletzt auch deshalb zum Ort der Toleranz schlechthin, um von der brutalen Verfolgung der Muslimbrüder abzulenken.

Die staatsnahe Presse hebt nicht nur den Vorbildcharakter von Hannas unlängst neu aufgelegtem Buch hervor, sondern verwebt es auch mit dem nationalen Projekt der Schaffung eines neuen ägyptischen Menschen. So widmete kürzlich die Tageszeitung "Al-Ahram" dem Thema gleich eine ganze Artikelserie.

Hatem Abdel Munam, ein prominenter Kommentator und Umweltsoziologe, griff darin immer wieder Milad Hannas These von der Offenheit und der außerordentlichen kulturellen Wandlungsfähigkeit der Ägypter auf, um staatliche Akteure und Institutionen wie die Al-Azhar-Universität, die durch Aufrufe zu religiöser Toleranz das Ihre zur gegenwärtigen staatlichen Kampagne beiträgt, als Repräsentanten dieser mentalitätsgeschichtlichen Grundstruktur zu inszenieren.

Dass dafür manch problematisches Geschichtskapitel wie die gewaltsame islamische Eroberung Ägyptens durch Mohammeds Gefährten Amr ibn al-As beschönigt wird, scheint niemanden zu stören. Denn Erziehung zu gesellschaftlicher Harmonie, Konsensfähigkeit und Unterordnung in das Kollektiv, das sich dem Diktat der Staatsführung zu unterwerfen hat, ist das eigentliche Ziel der staatlichen Identitätskampagne, was öffentlich allerdings nicht ausgesprochen werden darf.

So versucht Präsident Al-Sisi dem Volk in seinen Ansprachen den "Aufbau des neuen Menschen" als Projekt der gesamten ägyptischen Gesellschaft – und nicht nur des Staates – zu verkaufen.

Plakataufruf zur Abstimmung für eine Änderung der ägyptischen Verfassung am 16. April 2019 in Kairo, Ägypten; Foto: Reuters/Mohamed Abd El Ghany
Alle Macht dem Präsidenten: Mit der Änderung der Verfassung Ende April 2019 wurde die gegenwärtig vier Jahre dauernde Amtszeit Al-Sisis auf sechs ausgedehnt. Zudem wurde dem Präsidenten erlaubt, 2024 für eine dritte, dann sechsjährige Amtszeit anzutreten. "Wenn Al-Sisi von den Ägyptern neben Reformfreude auch ausdrücklich Opferbereitschaft fordert, drängt sich unweigerlich der Verdacht auf, dass es in Wahrheit eher um Anpassung an sein eigenes konservatives Weltbild und um bedingungslose Unterwerfung geht, schreibt Croitoru.

Aber wenn er im selben Atemzug von den Ägyptern neben Reformfreude auch ausdrücklich Opferbereitschaft fordert, drängt sich unweigerlich der Verdacht auf, dass es in Wahrheit eher um Anpassung an sein eigenes konservatives Weltbild und um bedingungslose Unterwerfung geht.

Im Sinne der Machthaber wird denn auch die beschworene facettenreiche ägyptische Identität instrumentalisiert, wenn etwa versucht wird, dem Volk die neuen städtebaulichen Mammutprojekte der Regierung mit Verweis auf die architektonischen Leistungen der Pharaonen schmackhaft zu machen.

Das Bekenntnis zum Mediterranen, das vor zwei Jahrzehnten für kurze Zeit in Mode gekommen und dann schnell in Vergessenheit geraten war, wird neuerdings wieder artikuliert, um die wirtschaftliche Zusammenarbeit auch mit einem nicht gerade populären Nachbarn wie Israel salonfähig zu machen.

Auf Geheiß des Präsidenten werden jetzt sogar noch erhaltene jüdische Denkmäler im Land, in dem kaum noch Juden leben, restauriert – ein in erster Linie wohl tourismuspolitisch motivierter Schritt, der sich aber ebenfalls ohne weiteres mit dem propagierten neuen ägyptischen Multikulturalismus begründen lässt.

Wenig Begeisterung im Volk

Die staatlich verordnete Begeisterung für den zivilisatorischen Aufbruch am Nil, den das Wochenmagazin "Ruz al-Yusuf" gar zu einer "umfassenden Revolution" stilisierte, will sich beim Volk offenbar nicht so recht einstellen.

Bildungsminister Tareq Shauqi, der ähnlich wie Präsident Al-Sisi die Kampagne zu einer "Volksangelegenheit" erklärt hat, klagte kürzlich darüber, dass sich gegen die ins Auge gefasste Erweiterung der schulischen Lehrpläne um Themen aus Kultur und Kunst sowie um Sportaktivitäten ausgerechnet vonseiten der Eltern Widerstand rege.

Solche Vorbehalte führt man in Regierungskreisen und den ihnen nahestehenden Medien nur allzu gern auf die angebliche Uninformiertheit der Bürger zurück. Dabei wird unterschlagen, dass es gerade Staatsvertreter sind, die zur allgemeinen Verunsicherung beitragen: Etwa wenn Kulturministerin Ines Abdel Dayem die Eröffnung immer neuer Kulturhäuser im Land als Verdienst der neuen Identitätskampagne präsentiert, wo doch die Initiative zur Erneuerung und Neugründung solcher Häuser viel weiter zurückreicht.

Öffentliche Kritik am Projekt des neuen ägyptischen Menschen wird indes selten laut. Den Widerspruch zwischen den offiziellen Pluralismus- und Toleranzparolen und der tatsächlich in Ägypten herrschenden Unfreiheit erlaubte sich der ägyptische Prosaautor und Kolumnist Saad al-Qarsh zwar zu kritisieren; aber er tat dies bezeichnenderweise in der in London erscheinenden Zeitung "Al-Arab".

Joseph Croitoru

© Qantara.de 2019

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