Abdel Fattah al-Sisis neue Gesellschaftsutopie

Ägyptens Regierung werkelt am neuen Menschen

In Ägypten wird wieder einmal der Große zivilisatorische Aufbruch verkündet. Eine neue multikulturelle nationale Identität soll her, doch hinter den Fortschrittsparolen ist das Bestreben erkennbar, unterwürfige Bürger heranzuzüchten. Von Joseph Croitoru

In Ägypten herrscht ideologische Generalmobilmachung. Es geht um nicht weniger als den "Aufbau des neuen ägyptischen Menschen" – so ist die Kampagne überschrieben, für welche die Regierung wie auch Staatschef Abdel Fattah al-Sisi persönlich seit Monaten ohne Unterlass werben.

Auf dieses zivilisatorische Großprojekt, das insbesondere auf die junge Generation zielt, dürften ihre Eltern und Großeltern allerdings mit einer gewissen Portion Skepsis blicken. Denn die Heranzucht eines idealtypischen "neuen ägyptischen Menschen" hatten sich die Herrschenden am Nil auch früher schon vorgenommen – und waren damit gescheitert.

So sollte einst unter Gamal Abdel Nasser mittels des propagierten Idealgeschöpfs die panarabische Vision von der Vereinigung aller Araber verwirklicht werden, die aber die verheerende militärische Niederlage Ägyptens im israelisch-arabischen Krieg von 1967 schon bald zerschlug.

Nassers Nachfolger Anwar al-Sadat begünstigte anfangs den damals aufkeimenden Islamismus indirekt durch seinen islamfreundlichen Kurs; später aber versuchte er, dieser Strömung einen neuen, allein auf das ägyptische Erbe fixierten Menschentyp entgegenzustellen, dessen Nationalstolz sich auch aus der vorislamischen Pharaonenzeit speisen sollte. Doch das Experiment misslang, und als Sadat 1981 von islamistischen Attentätern erschossen wurde, glaubten diese, das islamische Land von einem neuen "Pharao" befreit zu haben.

Hosni Mubarak, der Sadat im Amt folgte, antwortete mit einer noch stärkeren Betonung des Pharaonismus als Quelle der ägyptischen Identität. Dies diente vor allem dazu, seinen autoritären Führungsstil zu legitimieren und sein Image als unerbittlicher Bekämpfer des islamistischen Terrorismus zu stützen.

Fotomontage der ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi und Gamal Abdel Nasser; Foto: STF/AFP/Getty Images
Al-Sisi in den Fußstapfen seines großen Vorbilds: Unter Gamal Abdel Nasser sollte einst mittels des propagierten Idealgeschöpfs die panarabische Vision von der Vereinigung aller Araber verwirklicht werden. Doch im Gegensatz zu Nasser, Sadat und Mubarak hatte Abdel Fattah al-Sisi schon zu Beginn seiner Herrschaft erkennen lassen, dass er bei der Gestaltung der nationalen Identitätspolitik aus den Fehlern seiner säkularen Vorgänger gelernt hat.

Das Herz der Welt

Mit diesem vorwiegend säkularen Identitätsbild wollten die Muslimbrüder während ihrer kurzen Herrschaft aufräumen. Bekanntlich blieb ihnen für die angestrebte Reislamisierung der ägyptischen Gesellschaft und Kultur keine Zeit. Ihr erbitterter Gegner Al-Sisi, der sie ähnlich wie ehemals Nasser erbarmungslos verfolgt, hatte schon zu Beginn seiner Herrschaft erkennen lassen, dass er bei der Gestaltung der nationalen Identitätspolitik aus den Fehlern seiner säkularen Vorgänger gelernt hat.

So wurde in der Anfang 2014 verabschiedeten ägyptischen Verfassung in fast schon panarabischer Manier das "arabische Ägypten" als "Herz der ganzen Welt" beschworen, während gleichzeitig das Land auch als "Drehscheibe der Zivilisationen und Kulturen" und sogar als Wiege der drei monotheistischen Religionen gepriesen wurde. Im mit der Pflege des nationalen Erbes befassten Artikel 50 wird zudem ausdrücklich betont, dass dazu ebenso das der pharaonischen wie auch jenes der koptischen und der islamischen Ära gehöre.

Blinde Flecken

Dieses an sich schon sehr breite zivilisatorische Fundament wird im Zuge der gegenwärtigen Kampagne für die Schaffung des "neuen ägyptischen Menschen" noch erweitert. Dazu greift man auch auf das 1989 erschienene und seitdem immer wieder aufgelegte staatsphilosophische Werk "Die sieben Säulen der ägyptischen Identität" zurück.

Es stammt aus der Feder des koptischen Bauingenieurs und Schriftstellers Milad Hanna (1924–2012), laut dem die ägyptische Identität auf so gut wie allen Phasen der ägyptischen Geschichte fußen soll: der pharaonischen, der griechisch-römisch-byzantinischen, der arabischen und der islamischen.

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