Abbas Beydoun

Dienstag, 17.06.2003 13:15

"Lieber Michael, die Lage ist verwirrend. Niemand will verstehen was vorgeht ...", schreibt Abbas Beydoun in seinem letzten Brief an Michael Kleeberg.

Lieber Michael,

niemand wird sagen, dass die Amerikaner den Irak wie damals Deutschland befreit haben, auch wenn vieles daran erinnert. Der Grund liegt darin, dass die Amerikaner das selbst nicht wollen. Bush spricht von Demokratie, doch noch mehr spricht er vom Willen Gottes, vom Willen Christus’ und dem Kampf gegen das Böse. Das haben die Iraker schon vorher in anderer Form gehört. Sie haben es von Saddam gehört, der ebenfalls meinte, Gott habe ihn beauftragt, und von den religiösen Würdenträgern und den fundamentalistischen religiösen Strömungen. Sie wissen, dass das Unsinn ist, und wundern sich, dass das ein Mann sagt, dessen Macht sich auf Wissenschaft und Technologie stützt. Im Endeffekt hat Bushs Diskurs niemanden von der Notwendigkeit des Krieges überzeugt und wird auch niemanden mit seiner Darstellung des Krieges überzeugen. Das Wichtige, das geschehen ist, ist, dass die Iraker Saddam Hussein los geworden sind.

Die Gräber, die man jeden Tag entdeckt, zeigen, dass das ein wirklicher Sieg ist, es ist zwar ein herrenloser Sieg, doch er ist großartig. Er stellt das wichtigste Ereignis im Leben der Iraker dar, an dem sie nicht beteiligt waren. Der Sieg ist ihnen wie ein Geschenk in den Schoss gefallen, doch er hat sie auch verunsichert. Sie wissen nicht, was sie mit ihm anfangen sollen. Ihre erste Lektion in Demokratie haben sie gegen die Amerikaner selbst ausprobiert. Sie mussten nun ihre Stimme erheben, protestieren und demonstrieren, und das haben sie auch in Massen getan, so als bekämen sie gar nicht genug von diesem neuen noch ungewohnten Spiel. Sie haben gegen Arbeitslosigkeit und Hunger protestiert, gegen Plünderung, sie sind zu Millionen in die heilige Hauptstadt der Schiiten gereist, haben geweint und geklagt. Die Freiheit bekommt man, wie wir wissen, nicht geschenkt. Sie ist hart, kritisiert und schimpft. Tatsächlich haben Schimpfen und symbolische Gewalt begonnen. Nach der Grausamkeit des stalinistischen Regimes von Saddam erscheint nun eine gegensätzliche Gewalt, die ebenfalls unterdrückt wird und nach einem Opfer sucht.

Es macht Angst, dass der Kreislauf der Gewalt kein Ende nimmt, doch noch mehr Angst macht es, wenn man sieht, dass es einige Opfer und Verbannte gibt, die wollen, dass diese Mühle der Gewalt sich weiter dreht. Saddam Hussein und sein Regime haben Staat und Gesellschaft von innen zerstört. In den letzten zehn Jahren ihrer Herrschaft war der Irak ein Dschungel, in dem alle Verbrechen erlaubt waren und von den Mitgliedern der Baath-Partei, den Geheimdiensten und der Familie des Präsidenten verübt wurden. Der Irak, der heute brodelt, ist der Irak, in dem es dank Saddam Hussein keinerlei Gesetz und Rechtsinstanz mehr gibt. Deshalb weiß niemand, was jetzt zu tun ist. Während sie auf eine Antwort auf diese Frage warten, lenken sie sich mit ihren Zwistigkeiten und Feindseligkeiten ab. Es ist komisch, dass die übrigen Araber das nicht verstehen. Sie reden jetzt vom bewaffneten Widerstand gegen die Amerikaner, als wären fünfzig Jahre Blut, Töten und Massengräber nicht genug. So, als sollten die Iraker eine neue Ära von Gewalt und Blutvergießen beginnen.

Lieber Michael,

die Lage ist verwirrend. Niemand will verstehen was vorgeht. Alle klammern sich an ihre ideologischen Vorurteile, als fürchteten sie sich davor, dass etwas Neues beginnt. Sie sprechen wieder von Besatzung und Widerstand. Niemand will verstehen dass der Niedergang einer Diktatur, die fünfzig Jahre gedauert hat, ein neues Leben bedeutet. Nur weil das durch die verhassten Amerikaner geschehen ist. Man löst sich von der Realität, und ich befürchte, dass wir das absichtlich tun. Wir wollen nicht anfangen. Es gibt eine Aufforderung, die wir nicht annehmen wollen.

Wir zögern, und niemand will uns wirklich helfen. Die Amerikaner haben den Krieg gewonnen, aber sie glauben, der Sieger dürfte jede Dummheit anstellen. Die Menschen haben sie als Befreier empfangen, doch es endet damit, dass sie sie hassen. Darum geht es aber nicht. Vielleicht finden die Iraker, die doch aus der ältesten arabischen Kultur stammen, Mittel, ihre Persönlichkeit zu verteidigen, doch soll dies natürlich nicht durch bewaffneten Kampf geschehen. Wenn sie diese Mittel finden, dann können die übrigen Araber von ihnen lernen. Sie können sich dann endlich von ihrer Scham vor sich selbst und ihrem tief verwurzelten Gefühl von Schuld und Unfähigkeit lösen und einen historischen Moment für sich finden.

Das Regime von Saddam Hussein ist zu Ende gegangen, andere ähnliche sind bedroht. Eine Ära ist zu Ende gegangen. Wir durchleben vielleicht danach eine große Phase der Leere, doch wir hoffen auf einen neuen Anfang.

Sollte im Irak der Neuanfang wirklich gelingen, werden wir uns nicht mehr vor uns selbst schämen, weil wir die Amerikaner haben machen lassen, was wir nicht tun konnten. Wir werden beginnen, über die Zukunft nachzudenken. Vielleicht werden wir darüber nachdenken, dass die Freiheit ein ebenso wichtiger Reichtum wie das Öl ist und dass wir sie nutzen können für eine neue Zeit.

Abbas

Aus dem Arabischen von Michaela Kleinhaus

Den vollständigen Briefwechsel können Sie hier lesen.

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