Ein starker visueller Eindruck:  "Wenn man seine Plakate oder Entwürfe betrachtet, wird man von seinem einzigartigen Stil stark angezogen," sagt Bahia Shehab über den syrischen Künstler Burhan Karkutli.

"A History of Arab Graphic Design“
Arbeit am kollektiven Gedächtnis

Zehn Jahre lang haben Bahia Shehab und Haytham Nawar an ihrem 2020 veröffentlichten Buch über die Geschichte des arabischen Grafikdesigns gearbeitet. Im Interview mit Marcia Lynx Qualey spricht Shehab über das Projekt und die Hürden, die dabei zu überwinden waren.

Frau Shehab, welche persönlichen Erfahrungen haben Sie und Ihr Co-Autor in das Buch "A History of Arab Graphic Design“ eingebracht?

Bahia Shehab: Bereits 2011 hatte ich einen Kurs über die Geschichte des arabischen Grafikdesigns für unseren Studiengang an der Amerikanischen Universität in Kairo (AUC) geplant. Wir mussten dann feststellten, dass es kein Lehrbuch für einen derartigen Kurs gab. Er war aber bereits in den Lehrplan eingetragen. Als mein jetziger Kollege Haytham Nawar in unsere Fakultät eintrat, entstand daher die Idee, gemeinsam ein Lehrbuch zu erarbeiten.

Unser erstes Treffen fand in meiner Bibliothek zu Hause statt. Als er meine Regale betrachtete, musste er lachen und sagte: "Wenn du mich Zuhause besuchst, wirst du meine Reaktion verstehen!“ Unsere Bibliotheken waren tatsächlich fast identisch. Wir interessierten uns im Grunde für die gleichen Themen. Als wir uns schließlich an der AUC trafen, stellten wir fest, dass wir beide bereits unabhängig voneinander an einem Lehrbuch gearbeitet haben. Das war ein guter Anlass, Zeit und Ressourcen zusammenzulegen.

Cover von "A history of Arab graphic design" von Bahia Shehab und Haytham Nawar (erschienen bei AUC Press)
Der arabischen Diaspora kommt eine entscheidende Rolle zu. Sei es wegen der Lage in Palästina, des Bürgerkriegs im Libanon, der Invasion im Irak oder der Zerstörung in Syrien: Aufgrund der politischen Lage leben viele arabische Künstler und Designer heute außerhalb der Region. Für die Geschichte des Grafikdesigns in der Region bleiben ihre Arbeiten aber nach wie vor unverzichtbar.

Für wen haben Sie dieses Buch geschrieben? Hatten Sie dabei vor allem Ihre Studierenden im Blick oder auch junge Grafikdesigner?

Bahia Shehab: Wir mussten den Kurs zunächst ohne Lehrbuch unterrichten. Daher hofften wir, unser Buch könnte einerseits als Lehrmaterial für die Studierenden dienen, aber auch für alle Dozenten, die die Geschichte des arabischen Grafikdesigns unterrichten. Sozusagen als Bezugspunkt, auf dem sie aufbauen können.

Das war die wesentliche Motivation für unsere gemeinsame Arbeit. Der Kurs war der Ausgangspunkt, aber unser gemeinsames Interesse an denselben Themen hat die Arbeit am Buch dann vorangetrieben.

Was genau bezeichnet "Grafikdesign“ Ihrer Meinung nach? Im Netz wird es beispielsweise als eine "Form der visuellen Kommunikation" definiert. Haben Sie eine bessere Definition zur Hand?

Bahia Shehab: Was "Grafikdesign“ überhaupt ist, wird immer fluider. Die Welt des Designs befindet sich derzeit im Umbruch. Designer befassen sich nicht mehr allein mit der Grafik oder der visuellen Kommunikation eines Mediums.

Sie machen sich auch Gedanken darüber, wie ihre Grafik von der Zielgruppe genutzt wird und ob sie diese überhaupt erreichen.

Die Aufgaben der Designer entwickeln sich weiter. Im Grafikdesign liegt der Schwerpunkt aber immer noch auf der visuellen Kommunikation.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben die meisten Künstler als Grafikdesigner gearbeitet. Sie entwarfen Kalender, Verpackungen, Plakate und vieles mehr. Damals gab es noch keine klar definierten Aufgaben für Grafikdesigner und keine spezifische Nachfrage.

Nach den beiden Weltkriegen wuchs mit zunehmender Industrialisierung der Bedarf an Massenkommunikation. Damit war der Grundstein für das Grafikdesign nach unseren heutigen Vorstellungen gelegt.

Was unterscheidet Grafikdesign von Kunst? Ist das im arabischen Raum anders als etwa in den USA?

Bahia Shehab: Das Verhältnis zwischen Kunst und Grafik ist im arabischen Raum ungefähr so, wie wir es aus Europa oder den Vereinigten Staaten kennen. Allerdings sind arabische Designer oft ursprünglich Künstler, die Designaufträge annehmen und damit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Viele der von uns befragten Designer haben daher ihre Werke nicht dokumentiert. Für sie ist Grafikdesign einfach Arbeit.

Neue Entwicklungen im arabischen Grafikdesign

Wie der Einleitung zu entnehmen ist, wollten Sie sich ursprünglich auf Grafikdesign in den arabischen Ländern konzentrieren, haben sich aber dann entschlossen, auch die arabische Diaspora mit einzubeziehen. Wie haben Sie das Projekt letztlich eingegrenzt?

Bahia Shehab: Unser Buch spiegelt die Wirklichkeit der arabischen Welt. Sei es wegen der Lage in Palästina, des Bürgerkriegs im Libanon, der Invasion im Irak oder der Zerstörung in Syrien: Aufgrund der politischen Lage leben viele Künstler und erfolgreiche Designer heute im Exil. In fast allen Ländern, die wir besucht haben, stießen wir auf das gleiche Muster: Die Künstler sind aus politischen Gründen oder wegen der gesellschaftlichen Verhältnisse ausgewandert und haben sich woanders niedergelassen.

(Von links nach rechts): Koranblatt im frühen kufischen Stil, Abbasidische Dynastie; Zeitungsbeilage, Kalligraphie von by Yusuf Ahmad und Sayed Ibrahim, undatiert; Werbung für Waked’s al-Hilal arabische Schreibmaschine, frühes 20. Jahrhundert (Quelle: AUC Press)
Von links nach rechts: Koranblatt im frühen kufischen Stil, Abbasiden-Dynastie; Zeitungsbeilage, Kalligraphie von Yusuf Ahmad und Sayed Ibrahim, undatiert; Werbung für die arabische Schreibmaschine al-Hilal von Waked, Anfang des 20. Jahrhunderts: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiteten die meisten Künstler als Grafikdesigner. Sie entwarfen Kalender, Verpackungen, Plakate und vieles mehr. Damals gab es noch keine klar definierten Aufgaben für Grafikdesigner und keine spezifische Nachfrage. Nach den beiden Weltkriegen entstand mit zunehmender Industrialisierung ein Bedarf an Massenkommunikation. Damit war der Grundstein für das Grafikdesign nach unseren heutigen Vorstellungen gelegt.

Für die künstlerische Erzählung in der Region bleibt ihre Arbeit aber nach wie vor unverzichtbar. Daher war es unmöglich, das Buch zu schreiben, ohne ihre Arbeit zu würdigen. Es war unmöglich, das arabische Grafikdesign geografisch auf die arabische Welt einzugrenzen. Das war insofern befreiend, da wir nicht mehr auf das Gebiet zwischen Marokko und Irak beschränkt waren. Wir konnten jeden interviewen, dessen Arbeit wir für das Grafikdesign als Ganzes für einflussreich und wichtig hielten.

Wo liegen die größten Lücken beim Archivmaterial und beim Wissen der Menschen über arabisches Grafikdesign?

Bahia Shehab: Die Lage beim Archivmaterial ist so absurd, dass ich kaum weiß, wo ich anfangen soll. Viele Designer haben ihre Arbeiten nicht aufbewahrt. Offenbar hält es auch keine staatliche Institution für nötig, diese Arbeiten aufzubewahren. Wir haben nicht einmal ein arabisches Designmuseum, geschweige denn ein Designarchiv.

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