60 Jahre nach den französischen Atomtests in Algerien

Strahlendes Erbe

Jahrzehnte nach dem ersten französischen Kernwaffentest in Algerien warten noch immer Tausende Opfer auf staatliche Entschädigung. Warum lässt Frankreich die Sache schleifen? Aus Paris informiert Elizabeth Bryant.

Jean-Claude Hervieux erinnert sich noch gut daran, als er in der algerischen Saharawüste mit einer Gruppe von Soldaten und hochrangigen Funktionären dem zweiten französischen Kernwaffentest beiwohnte. Die Dinge verliefen allerdings nicht ganz nach Plan.

Bei dem Béryl genannten unterirdischen Kernwaffentest drangen radioaktive Gase und Staub durch ein Leck aus dem Stollen in die Atmosphäre. Jeder rannte davon – auch zwei französische Minister. Als erste grobe Dekontaminationsmaßnahme duschte die Gruppe in einer Kaserne und ließ dann ihre Strahlenbelastung überprüfen. "Nackte Minister sieht man nicht oft", schmunzelte Hervieux.

Anlässlich des 60. Jahrestags des ersten französischen Kernwaffentests am 13. Februar 1960 nahe der algerischen Grenze zu Mauretanien gibt es allerdings nicht viel zu lachen. Kritiker verweisen seit langem darauf, dass die Tests viele potenzielle Opfer hinterlassen haben. Das gilt für Algerien ebenso wie für Französisch-Polynesien, wo später ein Großteil der Kernwaffentests stattfand.

Bisher wurden nur wenige Hundert Menschen entschädigt, darunter ein einziger Algerier. Während die Jahrestage der Atomtests vorbeiziehen, heizen die immer noch nicht beseitigten Folgen aus den Atomexplosionen die seit langem bestehenden Spannungen zwischen Paris und seiner ehemaligen Kolonie weiter an.

Postkoloniales Vermächtnis

"Dies ist ein Aspekt der Entkolonialisierung und der Forderung der Algerier nach Anerkennung der Verbrechen, die Frankreich als Kolonialmacht begangen hat", sagte Brahim Oumansour, Nordafrika-Experte des in Paris ansässigen französischen "Instituts für Internationale Beziehungen und Strategie" (IRIS). Für Frankreich könne das auf "Entschädigungen in Millionenhöhe" hinauslaufen, ergänzte er.

General Jean Thiry löst Explosion einer dritten Atombombe auf algerischem Testgelände in der Sahara aus; Foto: Getty Images/AFP
Verstrahlung bis in die Gegenwart: Insgesamt zündete Paris mehr als 200 Kernwaffen. Die ersten 17 Tests fanden in der Wüste Algeriens statt, die meisten übrigen auf abgelegenen Atollen in Französisch-Polynesien. 1996 veranlasste der französische Staatspräsident Jacques Chirac einen Stopp der Tests. Doch die Testgelände in Algerien sind bis heute noch kontaminiert.

Solche Fragen stehen derzeit nicht auf der öffentlichen Agenda der französischen Regierung. Präsident Emmanuel Macron hat sie in seiner jüngsten großen Rede zur Nuklearpolitik erst gar nicht erwähnt. Die französische Entschädigungskommission für die Opfer der Atomversuche (CIVEN) behandelt nach eigenen Angaben nur Forderungen, die den gesetzlich festgelegten Kriterien entsprechen.

Das französische Verteidigungsministerium und die algerischen Behörden bleiben Antworten auf Fragen zu den Tests weiter schuldig.

Der ehemalige Elektriker Jean-Claude Hervieux war ein Jahrzehnt als Techniker für die französischen Kernwaffentests beschäftigt, zunächst in Algerien und später in Französisch-Polynesien. Die Panne von Béryl, deren Zeuge er im Mai 1962 wurde, geschah zwei Monate nach der Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich.

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