60 Jahre Israel und die palästinensische "Nakba"

Vergangenheitsbewältigung oder intellektuelle Mode?

Im Mai wird der Staat Israel 60 Jahre alt. Der ebenso lang zurückliegenden "Nakba", des Schicksals der 1948 vertriebenen Palästinenser, wird dabei nicht gedacht. Dennoch scheint bei jungen Israelis inzwischen das Interesse an diesem traurigen Geschichtskapitel zu wachsen, wie Joseph Croitoru berichtet.

60 Jahre Danach - Bildergalerie - Jerusalem; Foto: AP
Der 48er Krieg bedeutete für viele Palästinenser Flucht und Vertreibung

​​Die israelische Zeitung "Haaretz" meint einen Paradigmenwechsel im Verhältnis der Israelis zur palästinensischen "Nakba" erkennen zu können. Angeblicher Beweis: Romane junger israelischer Schriftsteller, die das Schicksal der Palästinenser thematisieren, eroberten die Bestsellerlisten und immer mehr Israelis engagierten sich für den Erhalt palästinensischer Baudenkmäler, die abgerissen werden sollen.

Eine gewagte These. So wird als Beleg für den angeblichen Paradigmenwechsel der Roman "Vier Häuser und eine Sehnsucht" des 37-jährigen israelischen Schriftstellers Eshkol Nevo angeführt, der mittlerweile auch auf Deutsch vorliegt. Er handelt von einem aschkenasischen Studentenpaar, das sich bei kurdischstämmigen Juden in einem Vorort von Jerusalem einmietet, wo früher das palästinensische Dorf Kastel stand.

Versöhnung, aber keine Rückkehr

Die Hauptprotagonisten des Romans sind Juden, deren Beziehungsprobleme oder Streitereien über Religion stehen hierbei im Mittelpunkt. Und am Rande taucht auch eine arabische Figur auf: ein palästinensischer Bauarbeiter, der in diesem Ort plötzlich sein einstiges Elternhaus entdeckt und wegen seiner beharrlichen Versuche, nach all den Jahren einen Blick in das Innere des Hauses zu werfen, für einen Terroristen gehalten und ins Gefängnis gesteckt wird.

An dem Buch gefällt vor allem die Versöhnung, zu der es am Ende zwischen den zerstrittenen jüdischen Protagonisten kommt. Auch wenn der Autor in seinem Buch Empathie für das Schicksal des Palästinensers zeigt, so ist seine Haltung zum Palästinenserproblem doch eindeutig: Gegenüber "Haaretz" betonte Nevo nämlich ausdrücklich, er sei gegen die Rückkehr der vertriebenen Palästinenser nach Israel.

Also weniger ein Paradigmenwechsel, wohl eher eine intellektuelle Mode – Gewissensberuhigung statt ernstgemeinte Vergangenheitsbewältigung, die unter Umständen politische und wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen könnte. Diesem Trend folgt auch ein weiterer von "Haaretz" gelobter aktueller Bestseller: "Die Dadschani-Farm" des 36-jährigen Israeli Alon Hilu.

Moral ohne Folgen

Das Buch spielt im Palästina des 19. Jahrhunderts, wo ein jüdischer Siedler aus Europa sich des fruchtbaren Bodens der einheimischen Bauern mit allerlei Tricks zu bemächtigen versucht. Die Affäre mit einer arabischen Witwe dient auch dazu. Deren Sohn wiederum besitzt prophetische Fähigkeiten und beschreibt in seinem Tagebuch, wie in nicht allzu ferner Zukunft anstelle seines Dorfes Hochhäuser der jüdischen Kolonisten stehen und die ursprünglichen Bewohner in Vergessenheit geraten werden.

Den begeisterten Lesern bietet der Roman neben vielen Sexszenen auch eine Art Gewissensberuhigung, da er es zulässt, sich über die bösen Zionisten von einst moralisch zu erheben. Aber zu einer wirklichen Auseinandersetzung mit der momentanen desolaten Situation der Palästinenser regt das Buch nicht unbedingt an.

Und auch das laut "Haaretz" angeblich so breite öffentliche Interesse an der Erhaltung palästinensischer Häuser, die die systematische Zerstörung von 1948 überlebt haben, jetzt aber neuen Bauten weichen sollen, hält sich in Grenzen.

An dem jüngsten Fall, auf den sich die Tel Aviver Zeitung "Haaretz" bezieht, hätte sie wohl kaum vorbei kommen können, da er sich gewissermaßen vor ihrer Haustür abspielt. Denn es handelt sich um einige wenige ehemals palästinensische Häuser mitten in Tel Aviv, an deren Stelle nun mehrere Wolkenkratzer gebaut werden sollen.

Gleich zwei Fernsehberichte befassten sich damit, ihr Fazit allerdings fiel für die Israelis beruhigend aus: Die ehemaligen palästinensischen Hausbesitzer beabsichtigten auf keinen Fall zurückzukehren, und gegen den großen Immobilienkonzern, der es auf die teuren Grundstücke abgesehen habe, sei man ohnehin machtlos.

Joseph Croitoru

© Qantara.de 2008

Qantara.de

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